Wenn die Katastrophe im Kopf nicht enden will

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Zwei Jahre danach haben viele Menschen in den betroffenen Regionen mit dem Hochwasser noch ganz persönlich zu kämpfen: Der Bedarf an Psychotherapie und Traumabewältigung ist groß.

Die Hochwasserkatastrophe vor zwei Jahren hat in Nordrhein-Westfalen 49 Menschen das Leben gekostet. Tausende weitere tragen schwer an den psychischen Folgen der Jahrhundertflut. Das wurde im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Landtags zur Katastrophe am Freitag deutlich. In der Sitzung sagten mehrere Sachverständige zu den psychosozialen Folgen des Unglücks als Zeugen aus.

Bedarf an Psychotherapie "riesig"

In den betroffenen Regionen sei bis heute der Bedarf an Psychotherapie "riesig", berichtete Susanne Leutner. Die Diplom-Psychologin hatte mit Kolleginnen unmittelbar nach der Katastrophe das Netzwerk "Soforthilfe Psyche" gegründet und war in die Katastrophengebiete gereist, um die Menschen dort zu unterstützen.

Leutner kritisierte das Vorgehen des Landes: Angesichts überfüllter Praxen sei es nach dem Hochwasser angeraten gewesen, die vielen Psychologischen Beratungsstellen in NRW personell aufzustocken. Auch wünschte sie sich mehr Koordination für die Betreuung Betroffener. Bei Einsatzkräften gäbe es eingespielte Strukturen der Seelsorge - bei Privatpersonen dagegen nicht. Der Pfarrer und Seelsorger Ralf Radix forderte deshalb vor dem Ausschuss eine Koordinierungsstelle für psychosoziale Hilfe im Katastrophenfall.

Selbst ernannte "Heiler" in Katastrophengebieten

Unmittelbar nach der Katastrophe waren neben den Fachleuten auch selbst ernannte "Heiler" in den betroffenen Gebieten zu beobachten. Leutner sprach von einem regelrechten Tourismus dieser ominösen Privatleute, die teils Besserung durch Gebete versprachen. Pfarrer Radix bestätigte dies: Er schilderte, dass nach Katastrophen regelmäßig vor Ort "irgendwelche Freischärler ihr Unwesen treiben". Er regte deshalb einen einheitlichen Ausweis als Gütesiegel an. Radix war zum Zeitpunkt der Katastrophe Beauftragter für Notfallseelsorge in der Evangelischen Kirche von Westfalen.

20 bis 30 Prozent der Betroffenen psychisch erkrankt

Zwei Jahre danach würden stärkere Regenfälle im Sommer oder auch Nachrichten von Überschwemmungen im Ausland die Menschen noch immer teils heftig verunsichern, erklärte Leutner. Auch wenn Wiederaufbauhilfen nicht ankommen oder Versicherungen nicht zahlen wollen, erschwere das den Betroffenen, wieder Hoffnung zu schöpfen und ein Gefühl der Sicherheit zu entwickeln.

Manche Häuser stehen direkt an der Abbruchkante in Erftstadt-Blessem

Zerstörung nach der Hochwasserkatastrophe in Erftstadt-Blessem.

Leutner rechnet damit, dass statistisch betrachtet 20 bis 30 Prozent der vom Hochwasser direkt betroffenen Menschen ernsthaft psychisch erkankt waren oder es noch sind. Teils schlage das erst jetzt auf das Leben der vielen tausend Opfer durch. Vor Ort sei die Lage dabei durchaus unterschiedlich: Wo der Zusammenhalt nach der Katastrophe groß war, seien die Menschen nach ihrer Beobachtung psychisch und körperlich gesünder geblieben als in Dörfern, in denen sich die Gemeinschaft zerstritten hat.

Langzeitfolgen bei Kindern und Jugendlichen

Maya Krischer leitet die Traumaambulanz für Kinder und Jugendliche an der der Uniklinik Köln. Sie geht davon aus, dass ein Drittel der traumtisierten Kinder mit Langzeitfolgen zu kämpfen hat. Sie forderte jedoch vor dem Ausschuss eine solidere Datenbasis - zum Beispiel in Form einer Studie, die sich mit Art und Umfang der psychologischen Folgen für Kinder nach der Katastrophe auseinandersetzt.

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WDR RheinBlick 14.07.2023 31:16 Min. Verfügbar bis 12.07.2028 WDR Online

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Auch Karin Herbers hätte gern präzisere Erkenntnisse über die psychischen Folgen der Katastrophe. Sie leitet die Zentralstelle Psychosoziale Unterstützung (ZPSU) der Polizei. Vor dem Ausschuss zitierte sie aus einer E-Mail, die sie von einer Kollegin aus dem Polizeipräsidium Köln wenige Tage nach der Flut erreichte.

"Unfassbare Zerstörungen" an den Einsatzorten

Darin ist die Rede von Polizeibeamten, die zugleich Opfer und Helfer in der Katastrophe waren - die selbst Angehörige verloren und trotzdem am nächsten Morgen zum Dienst erschienen, um andere zu unterstützen. Die Beamtin schildert in der E-Mail weitere belastende Momente, die die Polizistinnen und Polizisten erleben mussten: Den letzten Augenkontakt mit einem Ertrinkenden; "unfassbare Zerstörungen" an den Einsatzorten; Führungskräfte, die Beamten mitteilen müssen, dass vermisste Angehörige tot geborgen wurden.

Bekannt ist, dass rund 23.000 Einsatzkräfte rund um die Katastrophe vor Ort waren. Wie viele von ihnen mit psychischen Problemen zu kämpfen hatten oder haben, ist dagegen unklar - diese Zahl ist bis heute nicht erhoben worden.

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