Die Salafistinnen

Westpol 21.09.2025 15:53 Min. UT DGS Verfügbar bis 21.09.2030 WDR

Hanna Hansen: Salafismus als Happening

Stand:

Die islamistische Influencerin Hanna Hansen hat 200.000 Followerinnen. Sie hetzt gegen den Westen und konvertiert junge Frauen zum Islam. WDR-Recherchen zeigen, wie sie vorgeht.

Von Sebastian Auer und Katharina Köll

Ein Samstagnachmittag im September in Bielefeld: Vor einem türkischen Café in der Fußgängerzone im Stadtteil Brackwede warten etwa 25 junge Frauen, die meisten tragen Kopftuch. Sie wirken aufgeregt.

Jetzt gleich werden sie einen Star treffen – zumindest ist Hanna Hansen das inzwischen offenbar für tausende Mädchen und junge Frauen auf Instagram und TikTok.

Treffpunkt blieb bis zum Vorabend geheim

Hansen, 41 Jahre alt, ist für eine Veranstaltung in Bielefeld, für einen "exklusiven" Vortrag, den sie schon seit ein paar Wochen auf ihren Social-Media-Kanälen bewirbt. Bei dem Event für Frauen soll es um "Stärke" gehen, heißt es da vage. Wo genau es stattfindet, blieb für die Teilnehmerinnen bis zum Vorabend noch geheim.

Von der Boxerin zur Salafistin

WDR 5 Westblick - aktuell 22.09.2025 03:54 Min. Verfügbar bis 22.09.2026 WDR 5

Download

Was Hanna Hansen den jungen Frauen erzählen will? Darüber möchte sie ungern reden. Als ein Team des WDR-Magazins Westpol sie vor dem Café in Bielefeld anspricht, sagt sie, "die Inhalte sind unter uns, im geschützten Raum".

Jürgen Kayser, Leiter Verfassungsschutz NRW

Jürgen Kayser, Leiter Verfassungsschutz NRW

Die Inhalte, die Hansen öffentlich online verbreitet, bewertet der Verfassungsschutz teilweise als extremistisch. "Sie ist inzwischen eine bedeutende Figur in der islamistischen Influencer-Szene", sagt der Leiter des Verfassungsschutzes NRW, Jürgen Kayser.

In den Videos, die Hansen postet, hetzt sie etwa gegen den Westen, die Politik und Medien in Deutschland, lobt die Sharia und nennt den Islam "die einzig wahre Religion".

Mit Salafisten vernetzt - bundesweit und international

Im Jahresbericht des NRW-Verfassungsschutzes wird ihr bescheinigt, mit maßgeblichen Akteuren der salafistischen Szene vernetzt zu sein, bundesweit und international. Auch der bayerische Verfassungsschutz beobachtet sie.

Jürgen Kayser, Präsident des NRW-Verfassungsschutzes, sagte im Interview mit dem WDR, Hansen spreche aufgrund ihrer Biografie vornehmlich Frauen und Mädchen an. Denen versuche sie mit ihren Botschaften einen Sinn im Leben zu vermitteln. Sie versuche deutlich zu machen, dass ihre Biografie, die in der Vergangenheit von westlichen Werten geprägt war, sie nicht erfüllt habe. Die einzige Erfüllung im Leben hätten ihr der Koran und eine Gesellschaftsordnung nach der Scharia gegeben.

Islamistische Influencerin Hanna Hansen: Gespräch mit Jürgen Kayser

WDR Studios NRW 25.09.2025 03:11 Min. Verfügbar bis 25.09.2027 WDR Online

In Deutschland seien auch extremistische Ansichten von der Meinungsfreiheit gedeckt. Ein Leben nach den Regeln des Islam zu propagieren, sei von der Religionsfreiheit geschützt. Problematisch werde es jedoch, wenn damit erreicht werden solle, dass sich der Staat nach dieser Gesellschaftsordnung zu richten habe - "also wenn der Staat sich nach diesen religiösen Werten auszurichten hat und nicht mehr nach Gesetzen, die vom Volk gemacht sind. Dann ist es extremistisch und ein Fall für den Verfassungsschutz."

Hansen muss das Café verlassen

Hannah Hansen präsentiert sich auf Instagram mit langem Gewand und Kopftuch

Zurück in die Bielefelder Fußgängerzone. Hanna Hansen möchte hier selbst nicht viel dazu sagen. Sie spricht gegenüber dem WDR-Reporter von "generierten" Vorwürfen.

Frauen mit Salafismus-Influencerin Hanna Hansen

Hanna Hansen in Bielefeld, 13.09.2025

Der Besitzer des Cafés, in dem sie auftreten will, hat von den Vorwürfen offenbar noch nie gehört. Ihm habe niemand gesagt, um was es hier geht. Er wird misstrauisch, als er das Kamerateam vor der Tür sieht. Und sagt die Veranstaltung schließlich ab. Hanna Hansen und die jungen Frauen ziehen zu einem kleinen Platz weiter, direkt vor einem Thaimassage-Salon.

Eine Teilnehmerin, die anonym bleiben möchte, sagt im Interview, dass ihr die Salafismus-Vorwürfe bekannt seien. "Ich persönlich hab sie aber anders wahrgenommen", sagt sie über Hansen. Ihr gefalle, wie sie auftritt. "Wir haben einen ähnlichen Werdegang", sagt die junge Frau. Denn auch sie sei zum Islam konvertiert.

Erst Show- und Sportkarriere - dann radikaler Islam

Hanna Hansen (Deutschland) bei Ihrem Box-Sieg gegen Jeanmary Martinez Paulino (Dominikanische Republik)

Hanna Hansen bei einem Box-Kampf 2022

Hanna Hansen heißt eigentlich Viktoria Stadtlander, wurde in Herford geboren und führte einmal ein sehr schillerndes Leben: Weltmeisterin im Kickboxen, DJ, zweitplatzierte Miss Germany 2004, internationale Modelverträge. Paris, Mailand, New York – Hansen flog um die Welt.

2022 drohte wegen einer Augenverletzung die Erblindung - das Ende der Sportkarriere. In dieser Zeit konvertierte sie zum Islam. Trat sie anfangs noch gemäßigt auf, propagiert sie inzwischen einen ultrakonservativen Islam, folgt laut eigenen Aussagen einer besonders orthodoxen sunnitischen Glaubensschule, der "Hanbaliyaa".

Die einzige Salafistin mit Reichweite

Bis zu ihrem Eintritt in die Welt der digitalen Radikalisierung dominierten dort männliche Influencer und sogenannte "Prediger". Sie ist die einzige Frau in der Szene mit einer so großen Reichweite.

Dass sie ihren eigenen radikalen Wandel so selbstbewusst vorträgt, lässt besonders junge Mädchen und Frauen zu ihr aufblicken. Inzwischen hat sie über 200.000 Follower bei Instagram und TikTok, fast täglich erscheinen neue Videos.

NRW-Verfassungsschutz Kayser sagt, sie sei bundesweit und international vernetzt und habe eine Reichweite, die über den engen Kern der Szene hinausgehe.

"Das zeigt natürlich, dass sie damit auch Personen erreicht, die wir noch gar nicht so im Salafismus derzeit sehen." Jürgen Kayser, Präsident des NRW-Verfassungsschutzes

Ihre Themen: Falsche Schönheitsideale, ultrakonservative Rollenbilder und die Gefahr, die angeblich vom Feminismus ausgehe. Eine gezielte Ansprache für junge Frauen auf Sinnsuche. Sie bezeichnet sie als "Diamanten", die vor männlichen Blicken geschützt werden sollten und wirbt aktiv für das Kopftuch. "Verschenkt euch nicht" ermahnt sie ihre Followerinnen auf TikTok.

Konvertierung am Telefon

"Seit drei, vier Jahren sehen wir verstärkte Missionierungsaktivitäten. Man versucht vor allem junge Menschen für die Szene zu gewinnen", so beschreibt der Leiter des Verfassungsschutz NRW, Kayser, diese Strategie.

Missionierung für einen radikalen Islam ist für Hansen eine Art Aushängeschild, regelmäßig konvertiert sie Mädchen und Frauen sogar per Telefon. Das beobachtet auch Samet Er, Experte für Radikalisierungsprävention vom Violence Prevention Network.

Er sagt, die Konvertierungen würden medial so inszeniert, dass junge Menschen besonders schnell in extremistische Strömungen abrutschen könnten: "Weil sie unkritisch alle Inhalte aufnehmen, nicht unbedingt, um die Religion anzunehmen, sondern einfach um dazuzugehören."

Hansen ist mit Salafistenprediger Sven Lau zusammen

Doch nicht nur TikTok-Predigten und Missionierung stehen auf Hansens Agenda. Ihr gemeinnütziger Verein "Helfende Hand" wirbt für Projekte in Afrika und sammelt Spenden. Über die genaue Umsetzung und Partner gibt es kaum Informationen. Im Vereinsregister heißt es bloß: "Der Zweck des Vereins ist die Förderung und Unterstützung von Menschen.

Junger Mann spricht mit erhobenem Zeigefinger in ein Mikrofon

Salafistenprediger Sven Lau 2014

Hansen ist nach islamischem Recht mit dem verurteilten Salafisten und Terrorhelfer Sven Lau verheiratet. Auch wirbt sie mit bekannten Salafisten wie Abu Alia, der mit bürgerlichem Namen Efstathios T. heißt, für Pilgerreisen nach Mekka. Diese organisierten Fahrten sind in der Szene üblich, um Geld zu verdienen, aber auch um Anhänger langfristig an sich zu binden.

"Ich wollte einfach nur reinschnuppern"

Von all diesen Dingen hat eine der Besucherinnen in Bielefeld noch nie etwas gehört. Sie ist mit ihrer Tochter hier, beide haben keine Berührungspunkte mit dem Islam und sind auch nicht besonders religiös, erzählen sie. Aber die Tochter habe von Hansens Vorträgen geschwärmt.

Hanna Hansen mit der Mutter einer Followerin

Hanna Hansen mit der Mutter einer Followerin in Bielefeld, 13.09.2025

Salafismus, Verfassungsschutz? "Da werde ich mir jetzt erstmal Gedanken drüber machen, ich wusste keinen Hintergrund", sagt die Mutter, "ich wollte einfach nur reinschnuppern."

"Deutschland verwehrt uns diese Möglichkeit"

Inzwischen veranstaltet Hansen mehrmals im Monat öffentliche "Picknicks" in Parks, "Schwesterntreffen", wie sie es nennt, und hält Vorträge in ganz Deutschland. Das soll erstmal neugierig machen, niemanden abschrecken und langfristig junge Frauen in das Netzwerk integrieren. Und es scheint Erfolg zu haben.

In Bielefeld spricht Hanna Hansen am Ende unter freiem Himmel. "Wir hätten drinnen sitzen können", sagt sie zu den Teilnehmerinnen, die mit ihr vorher das gebuchte Café verlassen mussten, "doch Deutschland verwehrt uns diese Möglichkeit."

Unsere Quellen:

  • Interview mit NRW-Verfassungsschutzchef Kayser
  • Bericht des NRW-Verfassungsschutz
  • Bericht des bayerischen Verfassungsschutzes
  • Interview mit Hanna Hansen in Bielefeld
  • Interview mit Teilnehmerin
  • Instagram und TikTok-Videos von Hanna Hansen

Weitere Beiträge zur Politik in NRW

1 / 2