Gesundheit kostet: Das Land diskutiert | Aktuelle Stunde
Aktuelle Stunde . 15.04.2026. 31:21 Min.. UT. Verfügbar bis 15.04.2028. WDR. Von Julia Weiß.
Den gesetzlichen Krankenkassen droht ein Milliardendefizit. Um es abzuwenden, hat Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) am Dienstag ein 20-Milliarden-Euro-Reformpaket vorgestellt, das noch in diesem Monat beschlossen werden soll. Neben Pharmaindustrie, Apotheken, Ärzten und Krankenkassen sollen auch gesetzlich Versicherte mehr zahlen müssen. Wir haben ausgerechnet, wie hoch die Belastung für die Versicherten ausfallen könnte.
Neue Gesundheitsreform: Höhere Zuzahlungen bei Medikamenten
2025 haben die Versicherten bei Krankenkassen in Deutschland Zuzahlungen in Höhe von 5,181 Milliarden Euro geleistet - für Arzneimittel, Heilmittel, Hilfsmittel und Krankenhausbehandlungen. Hier sollen Zuzahlungen für Medikamente steigen: Bisher zahlt man mindestens 5 Euro und maximal 10 Euro pro Medikament. Künftig sollen es mindestens 7,50 Euro und maximal 15 Euro sein.
Die Expertenkommission, die die Reformvorschläge für Gesundheitsministerin Warken erarbeitet hat, erhofft sich so Zusatzeinnahmen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro. Im Schnitt müsste dann jeder der 58,6 Millionen Beitragszahler 120 Euro im Jahr an Zuzahlungen leisten - derzeit sind es 88 Euro jährlich. Die Zusatzkosten betragen also im Schnitt 32 Euro.
Um chronisch Kranke und Geringverdiener nicht übermäßig zu belasten, gibt es für sie einen Höchstbetrag. Wenn dieser erreicht ist, kann man von der Zuzahlung befreit werden. Die Belastungsgrenze liegt bei zwei Prozent des Bruttoeinkommens, bei chronisch Kranken ist es ein Prozent.
So erreicht beispielsweise ein alleinstehender Rentner mit einem Einkommen von 14.400 Euro die Belastungsgrenze bei 288 Euro, ist er chronisch krank sind es 144 Euro. Diese Grenzen sollen im Rahmen der Erhöhungen nicht verändert werden, für diese Menschen ändert sich also nichts.
Hautkrebs-Screening keine Kassenleistung mehr
Ab 35 Jahren haben Versicherte alle zwei Jahre Anspruch auf ein Hautkrebsscreening - auch wenn sie gesund sind und keine Symptome haben. Laut Gesundheitsministerium haben diese Untersuchungen keinen eindeutigen Nutzen. Wer sie machen will, muss in Zukunft selbst zahlen.
Hautkrebsvorsorge muss man zukünftig selbst zahlen
2024 wurden diese Screenings 7.5 Millionen Mal durchgeführt und haben so zu Kosten in Höhe von 210 Millionen Euro geführt - macht im Schnitt 28 Euro pro Untersuchung. Ob das dann auch der Betrag ist, der Selbstzahlern künftig in Rechnung gestellt wird, ist derzeit unklar. Auch ist nicht sicher, wie viele Patienten auf eine Hautkrebsvorsorge verzichten, wenn sie sie selbst bezahlen müssen.
Homöopathie muss laut neuer Gesundheitsreform selbst bezahlt werden
Es gibt ohnehin nur wenige Krankenkassen, die die Kosten für homöopathische Mittel übernehmen, und auch diese bezahlen längst nicht für alle Produkte: Das Gesamtvolumen beträgt laut Gesundheitsministerium gerade einmal 40 Millionen Euro im Jahr. Diese Ausgaben sollen demnächst nicht mehr erstattet werden.
Wie viele Versicherte dadurch Mehrkosten haben, ist schwer zu beziffern. Denn längst nicht jeder nutzt homöopathische Mittel. Laut Angaben des Arzneimittelherstellers DHU verwenden circa 30 Millionen Deutsche diese Mittel. Wenn man das eingesparte Geld auf alle Beitragszahler verteilen würde und sich an der Nachfrage nichts ändern würde, käme man auf durchschnittlich 68 Cent im Jahr pro Beitragszahler.
Neue Gesundheitsreform: Kostenfreie Mitversicherung für Ehepartner wird eingeschränkt
Bislang kann man über die Familienversicherung Kinder und Ehepartner mitversichern, ohne extra Beiträge zu zahlen. Das soll sich nun ändern. Kinder, Rentner, pflegende Angehörige sowie Eltern von Kindern unter sieben Jahren können weiterhin kostenlos mitversichert werden. Alle anderen, die kein nennenswertes eigenes Einkommen haben - in der Regel also Hausfrauen und Hausmänner - , sollen ab 2028 zur Kasse gebeten werden. Laut Warken soll der Beitrag 3,5 Prozent des beitragspflichtigen Einkommens des arbeitenden Partners betragen.
Laut Berechnungen der WDR-Wirtschaftsredaktion liegt das deutsche Durchschnittsgehalt bei 52.000 Euro. "In dem Fall wären es etwa 150 Euro Krankenkassenbeitrag zusätzlich im Monat", so WDR-Wirtschaftsredakteur Michael Westerhoff. Laut Expertenkommission wären von der Maßnahme "tendenziell Haushalte mit höherem Einkommen" betroffen. Dennoch regt sich nicht nur bei Sozialverbänden, sondern auch in der Koalition Widerstand gegen diesen Punkt.
Schlagseite zu Lasten der Versicherten?
Gesundheitsministerin Warken will Beiträge stabil halten
Es könne nicht sein, dass Beitragszahler jedes Jahr 10 bis 12 Milliarden Euro für Bürgergeldempfänger zahlten, der eigene Ehepartner aber aus der solidarischen Mitversicherung herausgedrängt werde, sagte die CSU-Gesundheitspolitikerin Emmi Zeulner: "Das widerspricht jedem Gerechtigkeitsempfinden." Auch die SPD kritisierte eine soziale Schieflage der Reform. Es gebe "eine gewisse Schlagseite" hin zu einer Belastung der Versicherten, sagte der SPD-Fraktionsgeschäftsführer Dirk Wiese.
Für Gesundheitsministerin Nina Warken ist die neue Gesundheitsreform unumgänglich, um zu verhindern dass die Krankenkassenbeiträge noch weiter steigen. Laut dem Bericht der FinanzKommission Gesundheit würden ohne die Reform die Mehrbelastungen für Arbeitnehmer in den kommenden Jahren deutlich steigen: Im Mittel von 130 Euro im Jahr 2027 auf 340 Euro im Jahr 2030.
Unsere Quellen:
- Nachrichtenagenturen dpa, AP, KNA
- Bundesgesundheitsministerium
- Erster Bericht der FinanzKommission Gesundheit
- Verbraucherzentrale NRW
- DHU
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 15.04.2026, 18:45 Uhr