Für Bildungspolitiker und -politikerinnen ist Hamburg spätestens mit Auslaufen der Corona-Pandemie eine Art Sehnsuchtsort. Während im vergangenen Herbst der relevante IQB-Bildungstrend nahezu allen Bundesländern eine katastrophale Entwicklung der Grundschulen bemerkte, stand Hamburg erstaunlich stabil da.
Hamburg hat Corona besser verkraftet
So gab es in den vierten Klassen der Hansestadt 2021 einen Bildungsrückstand von sechs Wochen Schulzeit gegenüber dem Jahr 2011 - dabei waren in der Pandemie-Zeit rund 30 Schulwochen ausgefallen und im Schnitt kämpften die anderen Bundesländer mit durchschnittlich 26 Wochen Lernrückstand. In Hamburg ist der Ganztag gratis, 85 Prozent der Eltern nutzen ihn, es gibt fast schon einen schleichenden Druck, sein Kind von 8:00 bis 16:00 Uhr in die Schule zu schicken.
In Sachen Lese-Kompetenz steht die Hansestadt besser da, während die Lage in NRW teilweise dramatisch ist. Schulministerin Dorothe Feller (CDU) hatte deswegen den Grundschulen unlängst an drei Tagen die Woche verbindliches Lesen verordnet - nach Hamburger Modell.
Das Bildungssystem umbauen
"Hamburg zeigt, dass ein anderes Schulsystem möglich ist", sagt Jochen Ott. Man müsse grundsätzlich an die Bildungslandschaft ran, so wie in Hamburg. Was das bedeutet? Statt 39 Schulformen wie in NRW kennt Hamburg nur Stadtteilschule oder Gymnasium. Es gibt strenge Sozialstandards, Kinder werden bereits mit viereinhalb Jahren auf ihre Fähigkeiten getestet, die Schulen verwalten sich selber, erledigen größtenteils ihre Personalplanung selbst.
Die Auswirkungen sieht man in der Stadtteilschule "Alter Teichweg" in Hamburg-Dulsberg, einem der ärmsten Viertel der sonst so reichen Stadt, wo allerdings die Einkommensverhältnisse sehr ungleich verteilt sind. Bildungssenator Ties Rabe (SPD) spricht von Vierteln, wo Elternteile im Jahr durchschnittlich nur 28.000 Euro an Brutto-Einkommen erzielen, während es in der Spitze in manchen Stadtteilen um die 160.000 Euro seien.
Dulsberg dürfte am unteren Rand rangieren, das sieht man. Trotztdem ist die Schule, die mal abgewickelt werden sollte, inzwischen ein Vorzeigeprojekt für Reisegruppen wie der aus NRW. SPD-Mann Ott hat eine bunten Mischung aus Abgeordneten, Gewerkschaftern sowie Menschen aus der sogenannten "kommunalen Familie" im Schlepptau. "Hier kann man sehen, dass es nicht nur von der Schulleitung abhängt, sondern auch von einem guten System", sagt er nach einer Führung durch die Schule.
Der Vorteil des Stadtstaats
Ties Rabe (li.) und Jochen Ott
Der Mann, dem das alles zugeschrieben wird, ist eben jener Ties Rabe. Der Sozialdemokrat ist seit zwölf Jahren Bildungssenator. Mit seiner Behörde residiert er über einem Einkaufszentrum, der Eingang liegt unscheinbar zwischen Geschäften. In einem Konferenzraum der 16. Etage erzählt er Otts Reisegruppe, wie er all das geschafft haben will.
Rabe gibt sich angesichts seiner Erfolge hanseatisch bescheiden, aber auch selbstbewusst. Er sagt, dass man den genauen Punkt für einen Umschwung im Bildungssystem nicht nennen kann. Ein Vorteil sei jedoch, "dass wir als einziges Bundesland keine kommunale Ebene haben". Selbst Berlin mit seinen Bezirken und Bremen mit dem Stadtteil Bremerhaven hätten noch untere Behörden, so Rabe.
Was er damit andeutet, dürfte nicht jedem im Publikum gefallen: Eine zu breite Beteiligung aller Ebenen ist dem Ergebnis nicht immer zuträglich. Auch, dass sein System durchaus restriktive Elemente enthält, dürfte für die Ohren von Bildungspolitikern aus NRW erstmal befremdlich klingen. Wenig erstaunlich, dass Rabe, besonders zu Beginn seiner Amtszeit, gegen Widerstände ankämpfen musste.
Mehr Kontrolle, mehr Vergleiche, mehr Freiheiten
Er verweist auf Punkte, wo man "ungemütlich" als Behörde wird. Er meint damit Eltern, die ihre Kinder mit 4,5 Jahren den verpflichtenden Tests ihrer Sprach- und Verständniskompetenzen entziehen. Dafür drohen sogar Bußgelder, ebenso wenn ein Kind die Tests nicht besteht und die Eltern den darauf verpflichtenden Besuch einer Vorschule verweigern.
Zwar gibt es in NRW ähnliche Prüfungen, aber weder so früh, noch so restriktiv. Auch das unentschuldigte Fehlen in der Grundschule wird in Hamburg streng verfolgt. Im Gegenzug bekommen die Schulen mehr eigene Verantwortung - bis hin zur Möglichkeit, mit dem Geld für Lehrerstellen auch Personal für die Schulsozialarbeit oder der IT einzustellen.
Zwischen den Einrichtungen in ähnlicher Lage gibt es mehr Vergleiche. Es gibt also einen soften Wettbewerb zwischen den Schulen, bei dem schon mal Schulbehörde vorbeischaut, wenn die statistischen Daten nicht so gut sind, die ein landeseigenes Institut erfasst und überwacht.
Für Jochen Ott ist der Hamburger Weg der für einen neuen "Schulfrieden" in NRW. Seine Fraktion sei "wild entschlossen", das Schulssytsem in NRW umzubauen. "Weil wenn wir das nicht, dann werden wir auf Dauer Schwierigkeiten haben", so Ott. Das "Chaos" wie in NRW "kann so nicht bleiben". Aus der Opposition heraus lassen sich solche Sätze leichter sagen.
Diese Erkenntnis bedeutet aber auch, dass sich das Land auf neue, scharfe Bildungsdebatten einstellen kann. Will man nämlich, wie in Hamburg, das ganze System umkrempeln, mit einer Mischung aus mehr Vergleichbarkeit, Kontrolle und Flexibilität, dann wird das Streit befördern. Und so stehen der Bildungspolitik in NRW ein paar spannende Jahre bevor.
