Mehr Drogenmüll in NRW | Aktuelle Stunde
00:24 Min.. Verfügbar bis 22.02.2028.
Ganz plötzlich standen sie da: rund 50 große Kanister voll mit giftigen Chemikalien - insgesamt etwa 51.000 Liter. Es ist giftiger Abfall. Abfall, der bei der Produktion von synthetischen Drogen entsteht. Heinz Dallmann entdeckte die Container vor rund einem halben Jahr. Sie standen in Stolberg bei Aachen. Auf einem Gelände von der Firma, für die er arbeitet. "Ich dachte erst: Das ist doch ein schlechter Scherz. Bin ich im Kino, oder was?", sagt er dem WDR. Die braune Brühe darin stinkt ätzend nach Schwefel und hochkonzentriertem Essig.
Dallmann arbeitet für den Transport- und Baggerbetrieb Peter Horsch. Auf dem Gelände stehen eigentlich Bagger oder lagern Berge von Kies. Jetzt liegen hier neben den Giftmüll-Kanistern auch Rohre und Trichter - offenbar Überreste einer Drogenküche. Auf Gasflaschen fanden sich Hinweise auf eine niederländische Firma. Ermittler gehen davon aus, dass die Täter den Müll über die nahe Grenze nach Deutschland brachten, abluden und wieder verschwanden.
Eigentümer muss Kosten selbst tragen
Die Polizei spricht von "Dumping" - der unerlaubten Entsorgung chemischer Substanzen. Allein die Entsorgung des Drogenmülls kostet über 100.000 Euro. Zahlen müssen das nun die betroffene Firma von Dallmann und eine weitere Grundstückseigentümerin selbst.
Dallmann findet das "eine Schweinerei". Doch juristisch ist die Sache klar geregelt. Kann kein Täter ermittelt werden, haftet der Eigentümer des Grundstücks - selbst wenn er Opfer der Tat ist. Auch die Städteregion Aachen nennt diese Regelung "unbefriedigend". Ändern könne das aber nur der Gesetzgeber.
Fälle haben sich verdoppelt
In Preußisch Oldendorf wurden 2019 mindestens 10.000 Liter direkt ins Erdreich geleitet
Was ein wenig an die Serie "Breaking Bad" erinnert, ist im deutsch-niederländischen Grenzgebiet längst Realität. Fälle von illegal entsorgtem Drogenmüll nehmen zu. Seit 2023 habe sich die Zahl der registrierten Dumping-Fälle in NRW jährlich verdoppelt, sagt das Landeskriminalamt (LKA) in Düsseldorf. Je nach Droge entstehen pro ein Kilogramm Produktion zwischen sechs und 30 Kilogramm chemischer Abfälle.
Erst in der Nacht von Donnerstag auf Freitag waren Giftmüll-Kanister in Bornheim entdeckt worden. Ein Fahrradfahrer meldete sie, als sie unter einer Unterführung in Flammen standen. Und es gibt noch weitaus mehr Beispiele aus den vergangenen Jahren: In Ahlen wurden rund 1.500 Liter Giftmüll in Kanistern neben einem Sportplatz entdeckt. In Preußisch Oldendorf wurden mindestens 10.000 Liter direkt von einem Kanister in den Boden geleitet. In Selfkant haben Kriminelle einen Pferdeanhänger mit Chemikalien verbrannt und in Wachtendonk waren es rund 43.000 Liter, die teils im Erdreich und teils in gelben Tonnen entsorgt wurden.
Gefährlich für Umwelt und Menschen
Dr. Nicole Häp im Labor des LKA
"Gelangen diese Stoffe in Boden oder Grundwasser, drohen langfristige Schäden für Umwelt, Tiere und Menschen", sagt Dr. Nicole Häp, Sachverständige für Betäubungsmittel beim LKA. Die Chemikalien gelängen mit dem Regenwasser in den Boden.
"Ein ganzer Teil von diesen Verbindungen landet in unserem Grundwasser. Auch Schwermetalle." Dr. Nicole Häp, Sachverständige für Betäubungsmittel beim Landeskriminalamt NRW
Das Grundwasser müsse teuer aufbereitet werden. Teilweise "kann es gar nicht mehr getrunken werden", sagt die Expertin.
Warum tauchen immer mehr Dumping-Fälle auf? Das könnte mit den Niederlanden zu tun haben. Es gibt einen gewissen "Verdrängungseffekt", sagt Chris Brecklinghaus. Er ist Leiter des Dezernats für Organisierte Kriminalität beim LKA. Im Nachbarland gingen die Behörden seit längerem hart gegen Dumping vor. Zudem seien die Behörden dort besser organisiert. Mit der polizeilichen Spezialeinheit LFO gibt es extra Teams, die den gefährlichen Müll sichern. Und die Bürger werden besser aufgeklärt: "Dort kann kaum noch ein unbeschrifteter Transporter in ein Waldgebiet fahren, ohne dass jemand die Polizei ruft", so Brecklinghaus. Die Täter fahren also lieber über die Grenze nach Deutschland.
"Mehr Aufmerksamkeit ist wichtig"
Brecklinghaus fordert, dass es auch in NRW mehr Aufmerksamkeit für das Thema geben muss. "Unsere Kolleginnen und Kollegen müssen entsprechende Tatorte erkennen und bearbeiten. Wir müssen zweitens die Bevölkerung mehr dazu animieren, verdächtige Wahrnehmungen zu melden."
Bisher stand das Problem kaum im Fokus. Das gibt auch der Nordrhein-Westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) gegenüber dem WDR zu.
"Vor ein paar Wochen wusste ich noch gar nicht, dass es das Problem gibt." Herbert Reul (CDU), Innenminister NRW
Wie groß es tatsächlich ist, lasse sich derzeit kaum beziffern. Reul wolle aber jetzt Maßnahmen ergreifen.
Unsere Quellen:
- Interview mit Chris Brecklinghaus und Dr. Nicole Häp vom Landeskriminalamt NRW
- Statement Stadt Stolberg
- Polizei Städteregion Aachen
- Statement Städteregion Aachen
- Interview mit Heinz Dallmann
- Interview mit Innenminister Herbert Reul (CDU)
- ZDF Dokumentation "Umweltsünde Drogen"
- Internetpräsenz des Landelijke Faciliteit Ontmantelen (LFO), Polizei Niederlande
- Bericht "Synthetische drugs in Oost-Nederland" des Kompetenzzentrums RIEC
Sendung: WDR Fernsehen, Westpol, 22.02.2026, 19:30 Uhr
Sendung: WDR2, WDR Aktuell, 22.02.2026, 06:00 Uhr
