SPD-Fähnchen liegt auf einem Holztisch

Meinung: Wie die SPD in NRW der AfD Paroli bieten will

Stand:

Wie kann die SPD in NRW enttäuschte Ex-Wähler von der AfD zurückgewinnen? Darüber macht sich die Partei nicht nur selbst Gedanken – jetzt macht sogar ein Ex-Verfassungsrichter mit.

Der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, ist Jurist, aber offenbar auch ein bisschen Sozialforscher mit psychologischer Expertise. Anders ist Voßkuhles aktueller Artikel in der „Süddeutschen Zeitung" (Paywall) kaum zu verstehen. Unter der Überschrift „Torsten ist kein Nazi“ stellt uns der in Detmold geborene Jurist eine „imaginäre Person“ namens „Torsten“ vor.

„Torsten Müller wohnt in Nordrhein-Westfalen mit Frau und zwei Kindern in einem Reihenmittelhaus, das er von seinen Eltern geerbt hat. Er ist 56 Jahre alt.“ Vosskuhle beschreibt diesen Torsten als Ex-Bergmann und Fußballfan. „In familiärer Tradition hat Torsten immer SPD gewählt, aber die tut seiner Meinung nach nichts mehr für Leute wie ihn. Die AfD redet Klartext. Da fühlt er sich angesprochen.“

Einfühlsam oder "unterkomplex"?

Voßkuhles Text hat in den sozialen Medien geteilte Reaktionen ausgelöst. Manche loben den Versuch des Ex-Verfassungsrichters, sich in die Gedankenwelt eines enttäuschten SPD-Wählers einzufühlen. Andere sehen seinen „Torsten“ als klischeehafte Figur, als „unterkomplex“ und als personifizierte Verharmlosung der Motive, AfD zu wählen.

Voßkuhles Aufsatz ist nur ein Beispiel für einen aktuellen Trend: Die Wahlerfolge der AfD werden weniger sachlich-inhaltlich analysiert, sondern allzu oft (küchen-)psychologisiert.

Auf der AfD-Wählercouch

Zwei weitere Beispiele für diesen Trend: Die CDU-Bundesspitze lud unlängst einen Kölner Psychologen und Marktforscher ein, um sich die Emotionen und Frustrationen von AfD-Anhängern deuten zu lassen. Die anscheinend überaus sensiblen AfD-Wähler wecken auch medial großes Interesse und einiges an Empathie. Die Ängste und Sorgen jener Menschen, die die AfD und ihr politisches Programm ablehnen und fürchten, kommen weniger vor.

Das zweite Beispiel: Die NRW-SPD startete neulich eine Art digitale Schrei-Therapie für abgewanderte Stammwähler. Nach dem Motto: Lass alles raus, sag uns, warum du uns nicht mehr magst! Das irritierend selbstgeißelnde Online-Format läuft noch (falls Sie mitmachen wollen – und im Internet mal richtig Dampf gegen die Sozis ablassen wollen). Ganz nebenbei: Früher, als die SPD noch in NRW regierte, war es andersherum. Da ließen Spitzen-Genossen gerne selbst Dampf ab. Einem Clement, Steinbrück oder einer Hannelore Kraft wäre es wohl kaum eingefallen, in einem Internet-Kummerportal Wählerfrust zu sammeln.

Apropos SPD. Von Andreas und Torsten zu einem gewissen Sören. Ein Hauptstadtmedien-Newsletter berichtete dieser Tage, dass der Duisburger Oberbürgermeister Sören Link SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2027 werden könnte – und damit Herausforderer des in Umfragen weit vor den Sozialdemokraten liegenden Ministerpräsidenten Hendrik Wüst (CDU).

Link könne „glaubwürdig für das Narrativ einer Partei stehen, die sich für die Fleißigen und Aufstiegswilligen einsetzt, nicht (nur) für die Transferempfänger“, behauptete „Table.Media“. Link wiederum, gerade erst als OB wiedergewählt, äußerte sich ziemlich zurückhaltend dazu.

SPD-Suche nach einem Kandidaten

Sören Link (SPD) und Carsten Groß (AfD)

Duisburgs OB Sören Link (SPD, links im Bild) nach seiner Wiederwahl im September

Was durchaus aufschlussreich an solchen Medienspekulationen ist: Auch bei einer etwaigen Link-Kandidatur scheint es weniger um konkrete Politik, als um ein Gefühl zu gehen. Ein “Kümmerer”, ein vermeintlicher “Macher” soll es irgendwie regeln für die seit vielen Jahren kriselnde SPD - auch wenn Duisburger Themen wie Schrottimmobilien und Armutszuwanderung in anderen Regionen NRWs wie dem Münsterland oder Ostwestfalen eher weniger interessieren dürften.

„Effekthascherei“ seien die medialen Link-Spekulationen, hieß es von einem Sozi aus dem SPD-Landesvorstand. Wer auch immer am Ende die sozialdemokratische Spitzenkandidatur für die nächste Landtagswahl übernimmt (eine/r muss es ja machen): Effekte, positive politische Emotionen und öffentliches Interesse auszulösen – daran arbeiten die Sozialdemokraten in Nordrhein-Westfalen gerade noch. Im Januar wollen sie in der K-Frage von sich hören lassen. Vielleicht können sie ja ein paar Torstens wieder für sich interessieren.