Der Unternehmertag NRW in den Düsseldorfer Rheinterrassen ist für die heimische Wirtschaft das, was die Modewoche für Paris ist: Alles, was glänzt und Einfluss hat, läuft auf. Jetzt stelle man sich vor: Einem Yves Saint Laurent wäre in Paris vorgeworfen worden, dass er nichts von Mode versteht. Das wäre ja so, als würde der Wirtschaftskanzler Friedrich Merz zum Heimspiel nach Düsseldorf kommen und dort würde ihn keiner verstehen. So diese Woche geschehen.
Standpauke für Merz
Statt rotem Teppich gab es eine Standpauke für Merz - für NRW-Unternehmerpräsident Kirchhoff "die schwerste Rede", die er je auf diesem Event halten musste: Er musste "einen Freund" abwatschen für die Reformträgheit in Berlin, die NRW die "strukturelle Erosion der Volkswirtschaft" bringe. Es war eine Schelte im Namen der rund 80.000 vor allem mittelständischen Betriebe unter dem Dach des Verbands. Ein Jahr, nachdem sie CDU-Mann Merz als einen der ihren bejubelt hatten, zeigten sich die NRW-Wirtschaftsvertreter ernüchtert und frustriert. Fassungslos über die "On Hold" gesetzten Versprechen an sie.
Neue wirtschaftlichen Belastungen seien "ein Fehlschlag"
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) beim Unternehmertag NRW in den Rheinterassen Düsseldorf
Statt Entlastungen bei Strom und Lohnnebenkosten: neue Belastungen, wie die von der Bundesregierung geplante und vorerst im Bundesrat gescheiterte, steuerfreie 1.000-Euro-Prämie von den Arbeitgebern für Beschäftigte. "Ein Fehlschlag", so das vernichtende Urteil von Kirchhoff. Über diese "wirsche Idee" seien "sie alle entsetzt gewesen", gestand die Geschäftsführerin des Dortmunder Familienbetriebs "Bergmann Unternehmung" ins WDR-Mikro, und auch Thyssenkrupp-Chef Miguel Lopez schüttelte den Kopf. Lara Kufferath, Geschäftsführerin der GKD Metallweberei Düren, appellierte: "Wir müssen handlungsstärker werden." Im internationalen Vergleich "sind wir noch lange nicht mutig genug. Schade, dass wir es nicht schaffen, eine gemeinsame Vision zu entwickeln."
Merz wirbt für Widerstand gegen AfD
Mit einer Vision konterte Merz dann auf Kirchhoffs "Philippika", ein Begriff, mit dem der Kanzler - offenbar gut auf die Schelte vorbereitet - auf eine bedeutende Kampfrede aus der Antike anspielte. Darin rief der Redner Demosthenes die griechischen Stadtstaaten zur Einigkeit und zum bewaffneten Widerstand auf. Merz warb in Düsseldorf dagegen um den geschlossenen Widerstand der demokratischen Volksparteien im Bundestag. "Ich möchte unser Land nicht den Radikalen überlassen", beschwor der Kanzler, der mal angetreten war, die AfD zu halbieren. In der Realität hat die AfD laut aktuellem ARD-Deutschland Trend erstmals in der Geschichte alle Regierungsparteien, inklusive Merz' CDU, überholt.
Merz räumt Kommunikationsproblem ein
Über diesen Epochenbruch kann auch kein neues Narrativ hinwegretten, wie Merz es den Unternehmern als Therapie vorschlug. Es fehle schlichtweg "ein kommunikativer Überbau", um darzulegen, wieviel diese Regierung doch in einem Jahr tatsächlich erreicht habe. Etwas, das "dieser weit verbreiteten pessimistischen Grundhaltung" etwas Positives entgegengesetzt.
Merz riet, doch mal nach Frankreich zu schauen - wie der Staatspräsident da in der Lage sei, etwas zu inszenieren... Ein staunender Kanzler, dem schon etwas Neid darüber anzumerken war, dass ihm als Westfalen solch eine aristokratische Inszenierung nicht ganz so gut gelingen würde. Ein Unternehmertag NRW ist eben doch keine Pariser Fashion Week.
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