Sind Sie eigentlich Mitglied in einer Gewerkschaft? So richtig mit Monatsbeitrag, mit (hoffentlich gutem) Tariflohn und (manchmal vielleicht sogar) Streik? Nein? Dann befinden Sie sich in immer größerer Gesellschaft: Nur noch ein Viertel der Betriebe im Land hat einen Tarifvertrag, nur noch etwas über die Hälfte der arbeitenden Menschen erhalten einen Tariflohn. Auch die Mitgliederzahlen der großen Gewerkschaften befinden sich im Sinkflug.
Diese zunehmend schwierige Lage der Gewerkschaften beschäftigt mich. Bitte einmal kurz tapfer sein, ich muss dazu ein sperriges Zitat aus einem spannenden Buch bemühen:
Der Verlust von Machtressourcen in Form abnehmender gewerkschaftlicher Organisation, aber auch die politische Demobilisierung und die Zerfaserung von Milieus sorgen dafür, dass entsprechende Spannungen zwar erlebt, aber nicht klassenförmig ausgetragen werden.
Das klingt so herrlich sozialwissenschaftlich und das ist es auch. Es ist aus "Triggerpunkte - Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft". Eine Untersuchung zur Frage, wie gespalten wir als Gesellschaft sind. Spoiler: Weniger als vielleicht viele denken. Diese Studie hat 2023 einigermaßen Aufsehen erregt und sie beruhigt mich ein wenig. Aber nicht ganz.
Wenn Gewerkschaften fehlen, schwindet der Ausgleich
Dieser Satz stammt nämlich aus dem Abschnitt zur Klassenfrage von Arm und Reich. Bezeichnend für mich ist, dass abnehmende gewerkschaftliche Bindung an allererster Stelle genannt wird. Mir bereitet das Kopfschmerzen, gerade für so ein Konsens-Land wie NRW, das über die Jahrzehnte immer verstanden hat, die wild gemixten Interessen so halbwegs überein zu bringen.
Zum Gelingen des Konsens gehören natürlich die Parteien, aber eben auch die Gewerkschaften. Wie würden Fachkräfte heute wohl bezahlt werden, wenn es DGB, Verdi, Komba und Co. nicht gäbe? Natürlich kann man auch sagen: "Durch gierige Gewerkschaften wurden Standorte unattraktiv und Preise in die Höhe getrieben." Diesem Spannungsfeld müssen sich die Gewerkschaften immer stellen.
Gewerkschaften unter Druck
Westpol. 15.06.2025. 28:47 Min.. UT. DGS. Verfügbar bis 15.06.2030. WDR.
Leistung ist nicht gleich gerechter Lohn
Trotzdem sollte einleuchten, dass Beschäftigte eher Vorteile haben, wenn sie gewerkschaftlich organisiert sind. Wir alle sind immer noch in großen Teilen sehr sensibel, wenn es um Ungerechtigkeiten geht. Milliardäre haben keinen guten Stand in der deutschen Gesellschaft. Dennoch gibt es einen fast schon unerschütterlichen Glauben - das haben die Forscher attestiert - an das Leistungsprinzip. Nach dem Motto "Wer viel leistet, der verdient auch viel". Selbst bis in die unteren Einkommensklassen wird diese Ansicht geteilt, dort findet es sogar die stärkste Unterstützung.
Das beunruhigt mich noch mehr. Weil es schlicht falsch ist, dass Leistung in der Breite angemessen vergütet wird. Wer zwölf Stunden Flaschen und Pakete für den Mindestlohn (was wäre eigentlich, wenn wir den nicht hätten?) ausliefert, leistet viel. Aber verdient er damit viel Geld? Sicher nicht! Man könnte es auf Millionen Menschen anwenden: Pflegerinnen, Erzieher, Einzelhandelsverkäufer und, und, und…
Trotzdem kommen Sprüche wie "wir müssen mehr arbeiten" aus der konservativen Ecke bei vielen Menschen bestens an. Wir haben eine riesige Bürgergeld-Debatte, in der oft nach unten getreten wird - bei gleichzeitiger Angst vor sozialem Abstieg. Das alles ist ein toxisches Gebräu.
Gewerkschaften müssen neu denken
Noch hält die Gesellschaft zusammen - wenn wir den Profis aus der Sozialwissenschaft glauben wollen. Aber der Markt regelt das nicht auf Dauer - ganz im Gegenteil.
Und hier kommen für mich die Gewerkschaften ins Spiel. Wie so viele Institutionen erlebe ich sie dort stark, wo ihre Traditionen liegen: Bei Thyssen am Werkstor, bei Tarifkämpfen im öffentlichen Dienst. Aber was ist mit den neuen Arbeitsformen? Sind sie auch Schutzmacht all der Solo-Selbständigen, der Amazon-Mitarbeiter, der Angestellten in kleinen Betrieben? Da sehe ich Schwächen. Klar: Es gibt Streiks im Einzelhandel oder am Logistik-Center. Aber die global agierenden Besitzer lächeln darüber oft nur müde. Die Kunden bestellen weiter. Und Alternativen, um den Streik zu umgehen, sind schnell gestrickt.
Vielleicht sollten die Gewerkschaften ihre Anstrengungen etwas umleiten: Rein in die Gesellschaft, Werbung für ihren Wert machen. Mal zeigen, dass es eben in dieser Welt nicht mehr reicht, sich etwas anzustrengen, um vorwärts zu kommen. Diese marktliberale Erzählung stößt immer mehr an ihre Grenzen.
Das sollte man den Menschen sehr deutlich sagen. Genau dafür gibt es Gewerkschaften - und nicht nur, damit die Löhne weniger Facharbeiter überproportional zu den der anderen Kollegen ohne Vertretung steigen.
Dieser Text erscheint auch als Editorial in "18 Millionen - Der Newsletter für Politik in NRW". Jeden Freitag verschicken wir die Themen, die NRW bewegen - an politisch Interessierte, Aktive, Gewählte, und Politik-Nerds. Hier können Sie den Newsletter kostenlos abonnieren:
