NRW-Justizminister Benjamin Limbach mit Yanni Gentsch, die hatte eine Petition gestartet, nachdem sie beim Joggen heimlich gefilmt wurde.
Hey, du Süße!
Hey Hübsche, lächel doch mal!
Liest sich harmlos? Dann stellen Sie sich mal vor, Sie gehen abends alleine über die Straße und werden dann so unvermittelt von einem wildfremden Mann angemacht. Das ist mindestens unangenehm, manchmal sogar gefährlich. Darauf einsteigen und was entgegnen, erfordert viel Mut und Schlagfertigkeit und ist nicht immer empfohlen. Gerne wird man dann auch beleidigt.
Mutig, aber allein gelassen - Yanni Gentsch
Yanni Gentsch bei der Pressekonferenz zu ihrer Petition "Voyeur-Aufnahmen strafbar machen"
Eine, die mutig war, ist die Kölnerin Yanni Gentsch. Als sie im Park joggen war, filmte ein Radfahrer ihren Hintern. Sie bekam das mit und stellte ihn zur Rede, er streitet es zunächst ab, später gibt er ihrer Outfitwahl die Schuld. (Yanni Gentsch trug eine Laufleggings).
Als ich das Video zum ersten Mal gesehen habe, fühlte ich mit. Klar kannte ich ähnliche Situationen. Und klar überlegte ich, was gewesen wäre, wenn der Mann anders reagiert hätte.
Angst, Wut, Hilflosigkeit – Routine für viel Frauen
Ich bin oft abends alleine unterwegs, zum Beispiel auf dem Rückweg von meinem Sprachkurs. Dann laufe ich die dunklen Straßen entlang und sage mir, dass alles gut ist. Dabei Musik hören? Forget it. Immerhin ist meistens alles gut. Aber eben nicht immer.
Ich wurde schon von einem Mann verfolgt, ich wurde beim Fahrradfahren in der Nacht von der Seite angesprochen, ich wurde nach dem Feiern bis zur Haustür gebracht, obwohl ich nicht wollte, dass der Mann weiß, wo ich wohne. Ich wurde von Männern in der Altstadt bedrängt, habe Sprüche gehört wie „Hab dich nicht so“. Mir wurde hinterhergerufen, gepfiffen, geschnalzt, ich habe Luftküsse bekommen.
Das alles sind keine Komplimente. Für mich sind das herabwürdigende Belästigungen. In jeder dieser Situationen habe ich mich unwohl gefühlt, körperlich meist unterlegen, und meist war ich auch perplex, weil – was soll ich denn schon erwidern?
Strafbarkeit und Realität
Was aber wäre, wenn diese Formen von Belästigung strafbar wären? NRW-Justizminister Benjamin Limbach setzt sich dafür ein, dass Catcalling (also zum Beispiel das verbale Belästigen) strafbar wird. Das ist das eine. Das andere ist, den digitalen Voyeurismus, den Yanni Gentsch erlebt hat, strafbar zu machen. Denn das ist er bisher nicht, nur das sogenannte Upskirting, also das heimliche Unter-den-Rock-Fotografieren. Und für sexuelle Belästigung muss eine körperliche Berührung stattfinden. Würden diese Bestände ausgeweitet, wüssten Betroffene: Das Recht ist auf ihrer Seite.
Und trotzdem kann man sagen: Nicht alles kann über das Strafrecht geregelt werden. Und dass es extrem schwer wäre, Catcalling oder das heimliche Filmen nachzuweisen. Mit dem Strafrecht muss man sorgsam umgehen, ein Staat sollte nicht zu repressiv sein. Es ist also ein schmaler Grat zu bestimmen, wo die Grenzen verlaufen: Ab wann ist ein Foto „voyeuristisch“? Wie erkennt man die Intention des Fotografen? Und wann wird ein „Kompliment“ zur Belästigung?
Das auszudiskutieren ist Aufgabe der Politik. Und die diskutiert genau darüber: In einer Aktuellen Stunde des Landtags waren sich diese Woche fast alle einig, dass sich in Sachen heimliche Aufnahmen im Park oder Freibad etwas ändern sollte. Und auch die Justizministerinnen und -minister sprechen heute darüber. Bundesministerin Hubig hat schon einen Gesetzentwurf zum digitalen Voyeurismus angekündigt. Ich bin gespannt, wie es damit weitergeht. Immerhin leben wir in einer Gesellschaft, in der Kameras allgegenwärtig sind – und Grenzüberschreitungen leider auch.
Dieser Text erscheint auch als Editorial in "18 Millionen - Der Newsletter für Politik in NRW". Jeden Freitag verschicken wir die Themen, die NRW bewegen - an politisch Interessierte, Aktive, Gewählte, und Politik-Nerds. Hier können Sie den Newsletter kostenlos abonnieren
