Das Jahr 2026 hat uns schon in den ersten Tagen einen Vorgeschmack gegeben auf das, was uns politisch erwarten könnte. Weltweit, in Deutschland, bei uns in NRW. Wir sind es bereits gewohnt, dass alte Gewissheiten zum Teufel gehen, dass die politische Realität die wildeste Fiktion überholt, dass sich die Spirale des Irrsinns schneller dreht. Schicksalsjahre geben sich selten im Voraus zu erkennen, sie lassen sich erst im Nachhinein bestimmen.
Um die Wirtschaft steht es nicht gut, das Industrieland leidet. Die Staatsfinanzen sind längst in Schieflage, Renten-, Pflege- und Gesundheitssysteme müssen an den Tropf, versprochene Reformen sind entweder zu zaghaft oder bleiben gleich ganz aus. Die anstehenden acht Wahlen in diesem Jahr könnten den Spielraum für die Kräfte der politischen Mitte weiter einengen. Die Stimmung ist trüb.
Trost in der Vergangenheit
Konrad Adenauer
Wie wohltuend muss es da für die Christdemokraten sein, dass sie sich inmitten dieses Unbehagens am vergangenen Montag, dem 150. Geburtstag von Konrad Adenauer, die Hände an der Glut des Gründungskanzlers wärmen können. Messe im Dom zu Köln, Kranzniederlegung auf dem Waldfriedhof in Rhöndorf, Gedenkveranstaltung in Bonn.
Etwa 1.200 Gäste sind auf Einladung der beiden Stiftungen, die den Namen Adenauers tragen, in den alten Plenarsaal des Bundestages gekommen. Darunter Politprominenz wie der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert, Ministerpräsident a.D. Jürgen Rüttgers, Minister Nathanael Liminski, Ministerpräsidentin a.D. Annegret Kramp-Karrenbauer, Europapolitiker David McAllister, Bundesministerin Karin Prien, aber auch viele Mitglieder der Familie Adenauer. Es geht feierlich zu.
Liminski, Lammert und McAllister erinnern an das Vermächtnis des einstigen Kölner Oberbürgermeisters, CDU-Fraktionsvorsitzenden im Landtag, Kanzlers und Europäers der ersten Stunde. "Adenauer hat die Fundamente gelegt", so Liminski, "es ist an uns, sie sturmfest zu machen." Adenauer habe die Gründung der CDU "als seine größte Leistung" betrachtet, befindet Lammert. Und die Westbindung Deutschlands, vom ihm maßgeblich vorangetrieben, sei "eine Achsendrehung der deutschen Geschichte", sagt McAllister.
Adenauers Vermächtnis wirkt plötzlich zerbrechlich
Das hätten sie alle so oder so ähnlich auch vor fünf oder zehn Jahren sagen können. Es wäre nicht falsch gewesen. Doch etwas ist anders heute. Adenauers Erbe wankt, erscheint auf einmal zerbrechlich. Die Einheit des Westens ist keine Selbstverständlichkeit mehr, Freiheit und Demokratie sind verletzlich, um das gemeinsame Europa stand es auch schon besser. Und die CDU wirkt verunsichert, die Fliehkräfte in der Partei gewinnen an Schwung. Das Wahljahr könnte manch böse Überraschung bereithalten.
Die Brüchigkeit der Gegenwart ist so präsent im Saal wie der Name des Jubilars. Die Redner würdigen die Leistungen der Vergangenheit, aber es klingt, als beschworen sie die Ahnen angesichts drohenden Ungemachs. Am Ende lassen die Veranstalter Gustav Mahlers Klavierquartett a-Moll aufführen: dramatisch, spannungsreich, unheilvoll. Mehr Weltuntergangsstimmung als optimistischer Aufbruch. Ein ungewöhnlicher Regie-Einfall, das Werk aus Adenauers Geburtsjahr 1876 wirkt wie ein Menetekel, ob gewollt oder nicht. Man entlässt das Publikum nachdenklich ins "Adenauerjahr" 2026.
"Wer alles schwarz sieht, stets das Schlimmste befürchtet", schrieb Arthur Schopenhauer, "und demnach seine Vorkehrungen trifft, wird sich nicht so oft verrechnet haben, als wer stets den Dingen die heitere Farbe und Aussicht leiht." Kurzum: Rechne mit dem Schlimmsten, aber hoffe das Beste.
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