Welttag der Handschrift: Tod einer Kulturtechnik?
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Stirbt das klassische Schreiben mit Stiften aus? Der heutige Welttag der Handschrift soll das verhindern. Fragen an eine Sprachdidaktikerin.
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Jetzt mitdiskutierenIm Alltag ist sie immer noch wichtig: Notizen, Einkaufszettel, To-Do-Listen, die Unterschrift im Arbeitsvertrag, der Liebesbrief, das Kondolenzschreiben - all das wird meist noch mit Hand geschrieben. Denn jeder Mensch hat eine unverwechselbare Schrift. Aber reicht das, um diese alte Kulturtechnik in Zeiten allgegenwärtiger Digitalisierung zu erhalten?
Fragen an die Sprachdidaktikerin Necle Bulut. Sie promovierte zur Rechtschreibentwicklung von Grundschulkindern und lehrt derzeit an der Universität Münster.
WDR: Frau Bulut, braucht man heutzutage überhaupt noch die Handschrift?
Necle Bulut: Das Handschreiben ist einfach, leise und überall verfügbar. Wir müssen davon ausgehen, dass es ein unverzichtbares Werkzeug der Menschen ist. Es ist ökonomisch und außerdem förderlich für andere Prozesse - zum Beispiel unser Denk- oder Erinnerungsvermögen.
WDR: Schreiben ist Denken mit der Hand, sagt man. Warum geht das denn nicht digital?
Bulut: Wenn wir mit den Händen über die Tastatur flitzen, dann lernen wir nicht. Wenn man beide Prozesse miteinander vergleicht, Hand- und Tastaturschreiben, dann fällt auf, dass wir per Tastatur nahezu wörtlich mitschreiben können. Das ist eine ganz andere Geschwindigkeit als beim Handschreiben. Deswegen müssen wir beim Handschreiben manchmal auswählen, welche Information wir festhalten. Es liegt also an dem verlangsamten Prozess, dass wir einige Dinge nachhaltiger aufbewahren.
Der andere Grund ist, dass die Bewegungen völlig unterschiedlich sind. Beim Handschreiben muss ich jeden einzelnen Buchstaben nachziehen. Diese Bewegungen sind Spuren, die im Gehirn hinterlassen werden. Studien zeigen ja auch, dass Grundschulkinder sich Buchstaben besser merken können, wenn sie mit der Hand geschrieben wurden.
WDR: Dennoch setzt sich das digitale Schreiben immer mehr durch. Ist das denn so schlimm?
Bulut: Es ist eine völlig normale Entwicklung. Je mehr Werkzeuge uns zur Verfügung stehen, desto besser. Es geht gar nicht darum, das eine gegen das andere auszuspielen. Sondern man sollte sich die Frage stellen, welche Technik besser zu einer bestimmten Situation passt.
Zum Beispiel im schulischem Rahmen: Möchte ich den Prozess so verlangsamen, dass nachhaltig gelernt wird? Oder geht es mir nur darum, dass etwas so schnell wie möglich dokumentiert ist?
Es geht gar nicht darum, welche Technik besser ist. Sondern in welcher Situation ist das eine nützlicher als das andere. Necle Bulut, Sprachdidaktikerin
WDR: Stichwort Tablets an Schulen: Da schreiben Kinder mit der Hand auf ein digitales Medium. Ist das die perfekte Symbiose?
Bulut: Schüler und Schülerinnen verwenden dabei sogenannte Smartpens. Und da zeigen einzelne Studien, dass die Oberfläche des Tablets glatter als Papier ist und deshalb muss das Ganze kontrollierter ausgeführt werden. Schüler, bei denen die Handschrift weitestgehend automatisiert ist, stellt das gewöhnlich kein großes Problem dar. Wenn sie sich noch im Entwicklungsprozess befinden, ist es sinnvoll, das zunächst zu automatisieren.
Das Interview führte Andrea Oster.
Das Gespräch wurde für die Online-Version gekürzt und sprachlich bearbeitet.
Unsere Quellen:
- Interview mit Necle Bulut im WDR 5-Morgenecho
Sendung: wdr.de, Interview mit Necle Bulut, 23.01.2026, 6.03 Uhr
19 Kommentare
Kommentar 19: Bernd schreibt am 24.01.2026, 21:21 Uhr :
Bei so einem Thema mehr als 10% gesperrte Kommentare, ich bin ehrlich gesagt entsetzt, wo ich lebe und die bekannten Störer sind noch gar nicht dabei. *kopfschüttel*
Kommentar 18: Franziska 1 schreibt am 24.01.2026, 20:21 Uhr :
Die Handschrift ist wichtig. Das Hirn bleibt in Bewegung und das Handgelenk bringt manche ökonomiesche, talentierte Fantasie aufs Papier. Der Spleen der KI sie könnte alles übernehmen und der Betreuer der Kinder und Erwachsene zu sein, da liegt die KI falsch mit der Annahme. Jeder Mensch führt seine Finger anders bei der Handschrift. Der eine kritzelt lustlos Blöcke an Buchstaben hin, der andere schreibt geschmeidig seine Sätze mit eleganten Schwung. Wer ist dümmer, keiner! Der Computer bietet eine Menge an verschiedene Handschriften an. Wozu eigentlich, für was, wenn angeblich die Handschrift der Kinder in der Schule nicht mehr gefragt sein soll? Für Leistungs-Urkunden?Es gab Mal eine Software, man konnte seine Handschrift speichern. Ich dachte mir wozu den Brief ausdrucken, er kommt beim Empfänger unpersönlich an, weil ich habe den Brief geschrieben und nicht der Computer. Einen gedruckten Brief an Freunde, Bekannte senden ist unhöflich, geschmacklos, ein No Go! Der Welttag ist OK!
Kommentar 17: Hubert k. schreibt am 24.01.2026, 18:27 Uhr :
Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er sich nicht auf das Thema der Diskussion bezieht. (die Redaktion)
Kommentar 16: Brigitta S. schreibt am 24.01.2026, 11:58 Uhr :
Modern wird getippt auf einer Computer-Tastatur, und auf dem Handy. Man kann mit dem Computer sprechen, der schreibt alles. Letzteres wäre eigentlich für behinderte Menschen, die keine andere Option haben um zu schreiben. Der Mensch hat zwölf Areale im Gehirn, die werden nicht mehr ganz gefordert. Die Handschrift mehr in Anspruch zu nehmen, würde den Kopf lernfähiger erhalten. Warum haben Kinder keine schöne Handschrift mehr? Ganz einfach zu erklären: Ihnen hilft der Kopf kaum mehr, wenn sie auf Papier und Stift schreiben. Beschwipst krakelig schauen ihre Buchstaben aus. Bei der Handschrift ist das Hirn, die Hand in Bewegung wobei man viele vorhandenen Muskeln in Anspruch nehmen kann. Diese Benutzung sorgt für ein besseres Gedächtnis und gesünder ist es ebenfalls. Wie viele ständige Digital- Benutzer haben Nacken, Rückenschmerzen, während der Kopf nicht alles gespeichert aufnimmt? Die Handschrift ist nicht nur Kultur, sie hilft unseren Kopf selbst besser zu Denken.
Kommentar 15: Marion schreibt am 24.01.2026, 11:39 Uhr :
Leider kann o.g. Thema hier nur sehr beschränkt diskutiert werden. Hier meine kurze Ansicht dazu: Als LRS-Therapeutin habe ich immer mehr Kinder, die Probleme in der Schriftsprache haben. Die Gründe sind vielschichtig! Einer liegt im Bereich Grundschule: Dort werden Schreiben und Lesen durch Nutzung des Seh- und Tastsinns (Stifthaltung und -führung) viel zu wenig trainiert! Ist das nicht mehr gewollt oder mangelt es an Zeit? Ich plädiere für die Entrümpelung der Lehrpläne an der richtigen Stelle zugunsten der Qualität! Entwicklungspsychologen und Kinderneurologen müssen dazu mit einbezogen werden! Unsere Kinder sollten erst dann digitale Medien benutzen, wenn sie die einfachen Grundlagen beherrschen! Sonst werden die Menschen in Zukunft von den digitalen Medien beherrscht! (Wir sind bereits auf dem Weg zu Letzterem). Oder wollen wir wieder durch Rauchzeichen kommunizieren, wenn der Strom längere Zeit ausfällt? Die Eigner der digitalen Medienkonzerne sorgen so für Volksverdummung!
Kommentar 14: Reinhard der Urbanwinner schreibt am 24.01.2026, 11:27 Uhr :
Als Großvater von fünf Enkelkindern musste ich leider feststellen, dass das Schulsystem nicht mehr so vermittelt, wie wir es damals in den 60er Jahren selbst erlebt haben: Bewertung der Schriftart und der Ausdrucksweise der Handschrift. In einem Blog von mir (https://urbanwinner.wordpress.com/2026/01/24/etwas-schreiben/) darf aber jeder Interessierte gerne einmal mehr zu diesem Thema nachlesen, denn es hat mich bewegt und macht es auch heute noch: Aufzuzeigen, wozu und wofür man seine Handschrift verwenden kann und sollte, um mehr verstehen zu können.
Kommentar 13: KausB schreibt am 24.01.2026, 10:12 Uhr :
Ob man mit schönen Fingernägeln auch schöner schreiben kann? Frage für einen Freund.
Antwort von Franziska 1 , geschrieben am 24.01.2026, 22:52 Uhr :
Diese schönen Fingernägel sind meistens künstlich von der Kosmetikerin angebracht. Ob man damit schön schreiben kann? Oh ja, Frauen sind erfinderisch? Manche Männer knabbern lange Nägel ab. Satire oder nur Witz?
Kommentar 12: Franziska 1 schreibt am 23.01.2026, 20:17 Uhr :
Jeder kann in Situationen kommen, wo kein Laptop, Tablet oder Smartphone vorhanden ist. Unverständlich der Gedanke, die Handschrift mit Stift von der Welt zu verweisen. Die Oberfläche des Tablet ist glatter als Papier, ist es ausschlaggebend beim Schreiben und Lernen? Ich setze auf die Dosierung beim schreiben, benutze den PC um zum Bsp. Kommentare texten, Geschäftsbriefe, E-Mail zu schreiben und mein Englisch zu verbessern. Vieles am Tag wird noch mit Stift in der Hand erledigt. Für die Schule würde ich anraten, vergesst nicht die Kultur mit der Hand zu schreiben. Von Anfang an das ABC gut zu lernen bei Erstklassler, kann mit eigener Fantasie besser gelernt werden. In meiner Grundschule malten wir Schüler um die Buchstaben erfundene Blümchen. Selbst jetzt noch entspannt es Erwachsene mit Stift in der Hand, wenn neben dem telefonieren was auf Papier gemalt wird. Das bedeutet, zwei Dinge kann man gleichzeitig tun. Die Kultur Handschrift, der Stift wird nie sterben!
Antwort von Bernd , geschrieben am 23.01.2026, 22:00 Uhr :
Yes, erst recht, wenn man nach dem Ritual Federkappe abnehmen, Füller im Tintenfass füllen, dabei schon die Anrede und den ersten Satz durchdenken und dann mit Handwerk pur, Lust und Geschick,, aus einem Blatt Papier ein Dokument herstellt. Beim Testament nach meinem Kenntnisstand immer noch Pflicht, handgeschrieben! Was für eine wunderbare Vereinigung von Kopf und Hand. Jeder sollte einen halbwegs guten Füller besitzen und jahrhundertealte, stromlose Traditionen bewahren und weitergeben. Wenn man einen gelungenen Brief in einen Umschlag steckt, ihn zuklebt und zum Briefkasten bringt… ein ganz anderes Gefühl als eine SMS oder whatts app oder sonst was… kenne mich da nicht so aus, schreibe halt mit Kopf und Hand auf Papier.
Antwort von Franziska 1 , geschrieben am 23.01.2026, 22:33 Uhr :
@Bernd, danke für Ihre angenehme Antwort. Ich finde mit Bauchgefühl lässt sich besser leben. Es ist schade bzw. furchtbar, wie Menschen heutzutage gedrillt werden, wie sie leben sollen. Ich schätze Ihre Meinung sehr, weil sie um 22:00 gesendet wurde. Andere User schauen bestimmt Dschungelcamp", auch eine Show- Art von Kultur, die ich nicht unbedingt pflegen muss von Jahr zu Jahr. Nice weekend!
Kommentar 11: 23.01.2026, 17:48 Uhr :
Name und Kommentar wg. Netiquette-Verstoßes gesperrt. (die Redaktion)
Kommentar 10: Brigitta S. schreibt am 23.01.2026, 17:10 Uhr :
Gedanken ablegen um den Kopf für anderes freizulegen, sollte auch heute noch gelten. Handschreiben hilft mit dem Kopf besser in Kontakt zu kommen gerade beim Lernen sehr wichtig. Wer nur noch Tasten drückt, der schreibt für den Moment der Speicherablage für den modernen Computer. Die Augen sehen das Geschriebene, der Kopf jedoch speichert teilweise nicht alles ab. Die Kultur zu erhalten, nebenbei mit der Hand zu schreiben und in der Schule zu praktizieren wäre sehr wichtig um das Gedächtnis weiter zu entwickeln. Selbstgeschriebenes aktiviert einige Hirnareale, was das Denkvermögen fördert. Wir sprechen von unserer modernen Zeit wo Digital gelernt, gearbeitet werden soll, der motorische Natur- Kopf des Menschen aber darunter leiden wird. Die Hand, die Finger sind auch zum Handschreiben gedacht. Eine Tastatur kann Mal kaputt gehen, Hände die gesund sind, stehen den Menschen immer als Schreib-Ersatz bereit. Man sollte Handschreiben würdevoll leben lassen in den Schulen!
Kommentar 9: Luftikuss schreibt am 23.01.2026, 17:03 Uhr :
Mit der Hand zu schreiben, ist eine Kulturtechnik. Es macht Spaß und das Textbild kann sehr ästhetisch sein. Das Tippen auf Tasten oder Felder erzeugt zwar den gleichen Effekt der Chiffrierung, ist aber langweiliger.