Arzt des Essener Uniklinikums lehnt Abtreibungen ab
WDR. 02:33 Min.. Verfügbar bis 20.05.2028.
Kritik nach Interview : Essener Mediziner lehnt Abtreibungen ab
Stand:
Er könne Abtreibungen nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, sagt ein Mediziner des Essener Uniklinikums. Das sorgt für Kritik.
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Jetzt mitdiskutierenRainer Kimmig ist Direktor der Abteilung für Frauenheilkunde im Essener Universitätsklinikum. In einem Interview mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) sagt er, dass er sich aus Gewissensgründen weigere, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen.
"Ich könnte nicht damit leben, das auch nur einmal gemacht zu haben." Prof. Dr. Rainer Kimmig, Universitätsklinikum Essen
Für ihn sei das eine Frage der Ethik - so der Mediziner weiter. Religiöse Gründe für seine Entscheidung habe er nicht. Er würde sich auch weigern, Sterbehilfe zu leisten. Beratungsstellen im Essener Uniklinikum geben an, dass sie Frauen, die ihr Kind abtreiben lassen wollen, helfen, andere Kliniken zu finden. Für die werden dann allerdings die Wege deutlich länger.
Uniklinik akzeptiert Kimmigs Überzeugung
Die Universitätsmedizin Essen stellt in einer Stellungnahme vom Dienstag klar, dass es sich bei Kimmigs Haltung um seine persönliche Überzeugung handele. Diese sei in den rund 25 Jahren seiner Tätigkeit akzeptiert worden.
Vorm Haupteingang des Universitätsklinikums Essen soll heute Nachmittag ein Protest stattfinden.
Zugleich verweist das Klinikum auf die rechtliche Lage: Öffentliche Krankenhäuser seien in Deutschland nicht verpflichtet, Schwangerschaftsabbrüche anzubieten. Nach dem Schwangerschaftskonfliktgesetz sei zudem kein medizinisches Personal gezwungen, an einem Abbruch mitzuwirken.
Beratungsstelle: Auswirkungen auf die Versorgung in der Region
In diesem Zusammenhang kritisiert aber die Leiterin einer zentralen Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle der AWO in Essen, zu welchen Auswirkungen die Haltung des Chefarzts führe: "In Essen bedeutet das aber, dass aufgrund der persönlichen Einstellung des Klinikdirektors praktisch keine Abbrüche an der Uniklinik durchgeführt werden", so Leiterin Nicola Völckel gegenüber der WAZ.
Sie kritisiere daher, dass die Uniklinik als Maximalversorger und staatlich finanziertes Krankenhaus diese wichtige medizinische Leistung nicht erbringe und dies Probleme für die Versorgung in der gesamten Region mit sich bringe.
Diskussion um Abtreibungen in Essen: Protest vor Klinikum
Das Netzwerk "FIVE - Feminismus, Intersektionalität und Vielfalt in Essen“ hat am Nachmittag vor dem Uniklinikum gegen die Aussagen Kimmigs protestiert. Das ganze sei auch ein Versorgungsproblem, sagt Rebekka Höch, die für FIVE den Protest angemeldet hat.
Ungefähr 800 Frauen pro Jahr würden in Essen allein bei der AWO einen Beratungsschein nach einem Gespräch zu einem Schwangerschaftsabbruch bekommen, so Höch gegenüber dem WDR. Es gäbe aber nur eine Praxis in Essen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführe: "Da klingeln die Frauen jetzt Sturm". Nach Angaben des Netzwerkes Doctors for Choice Germany, das sich für das Recht auf Abtreibungen einsetzt, gibt es noch eine weitere Praxis in Essen, die entsprechende Eingriffe durchführt.
Im Juli 2026 wird Kimmig planmäßig in den Ruhestand gehen.
Kritik kommt auch von der Initiative "Medical Students for Choice" - Medizinstudierende für Wahlfreiheit. Eine Sprecherin fragt, wie es sein könne, dass eines der größten Krankenhäuser in NRW - noch dazu ein aus öffentlichen Geldern bezahltes - einen solchen Eingriff ablehnt?
Kritik auch Thema im Gesundheits- und Sozialausschuss
Die Landtagsabgeordnete Lisa Kapteinat
Die SPD-Fraktion des NRW-Landtages hat das Thema heute im Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales diskutiert. Mitglied darin ist die Castrop-Rauxeler SPD-Abgeordnete Lisa Kapteinat, die das Thema mitgebracht hatte.
"Wir wissen, dass immer mehr Ärztinnen und Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen haben, in den Ruhestand gehen. Wir hören von immer mehr Studierenden, dass sie Probleme haben, überhaupt noch in der Praxis diesbezüglich ausgebildet zu werden. Dieses Wissen darf in Deutschland nicht verloren gehen." Lisa Kapteinat, SPD-Landtagsabgeordnete und Mitglied im Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales
Von der Uniklinik Essen als Landesklinik müsse man eine entsprechende ortsnahe Versorgung für betroffene Frauen erwarten können, so die Politikerin im WDR-Interview.
Nach 25 Jahren Ruhestand
Im Juli 2026 wird der Gynäkologe Rainer Kimmig planmäßig in den Ruhestand gehen. Die Universitätsmedizin Essen kündigt an, zukünftig entsprechend des staatlichen Versorgungsauftrags Schwangerschaftsabbrüche in allen Indikationen im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben anzubieten.
Unsere Quellen:
- WAZ
- WDR-Interview mit Lisa-Kristin Kapteinat, SPD-Landtagsabgeordnete und Mitglied im Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales
- WDR-Interview mit Rebekka Höch, Netzwerk "FIVE - Feminismus, Intersektionalität und Vielfalt in Essen“
- Stellungnahme der Uni-Klinik Essen
Sendung: WDR.de, Essener Gynäkologe lehnt Abtreibung ab, 20.05.2026, 05:05 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Ruhr, 20.05.2026, 19:30 Uhr
15 Kommentare
Kommentar 15: Frau Müller schreibt am 22.05.2026, 12:12 Uhr :
Die genannte Beratungsstelle existiert seit circa 30 Jahren in der Frauenklinik und hat sich zu dem Thema nicht geäußert. Jetzt wird auf einen fahrenden Zug aufgesprungen. Das lässt tief blicken.
Kommentar 14: Frau Lein schreibt am 21.05.2026, 18:26 Uhr :
Interessant wie hier vor allem die Männer dem Mann „beistehen“ und „beipflichten“ ohne dabei die vielzähligen und vielfältigen Gründe für FRAUEN eine Abtreibung durchführen zu lassen (lassen zu müssen) in den Blick zu nehmen. Es wird Zeit, dass Frauen hier die Entscheidung treffen, denn die sind es, die hier betroffen sind.
Kommentar 13: Stefan Heidrich schreibt am 21.05.2026, 09:48 Uhr :
Herr Kimmig darf ruhig für sich diese Meinung haben. Es stellt sich dann nur die Frage, ob er als Frauenarzt den richtigen Job gewählt und als ärztlicher Direktor an der richtige Stelle sitzt. Ich halte es für extrem schwierig, wenn er als Mann Entscheidungen über das Leben von Frauen trifft und mit den Konsequenzen aus seinen Entscheidungen nicht leben muss.
Kommentar 12: Ruhri schreibt am 21.05.2026, 00:48 Uhr :
Voltaire: „Ich bin zwar anderer Meinung als Sie, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass Sie Ihre Meinung frei aussprechen dürfen.“ „Uniklinik akzeptiert Kimmigs Überzeugung“, auch das ist kein Problem. Etwas Problem könnte es geben, wenn die Uniklinik auf der anderen Seite steht, und wenn Kimmig anderen Ärzten verbietet in seiner Abteilung Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen; das wäre Grund Kimmig vor die Tür zu setzen – also Entlassung ohne Abfindung. Wäre dadurch der Versorgungsauftrag in der Region gefährdet wenn die Uniklinik das alles schluckt, müssten eine Menge Leute mehr die Uniklinik verlassen – ohne Abfindung. Wenn dadurch keine echten Probleme entstehen ist es auch keine Problem, wenn das Land nicht handelt.
Kommentar 11: PBMM schreibt am 20.05.2026, 22:20 Uhr :
Respekt für diesen guten Arzt. Ich teile seine Ansichten zwar nicht, aber wir leben (noch) nicht in einer grünen Diktatur und da darf er natürlich seine Meinung frei äußern, auch wenn das den grünen nicht passt. Daher meine Botschaft: Lasst euch nicht den Mund verbieten
Antwort von Oli , geschrieben am 21.05.2026, 14:31 Uhr :
Wenn ich jetzt noch erfahren dürfte, was das mit den Grünen zu tun hat...?
Antwort von Patzi , geschrieben am 21.05.2026, 19:44 Uhr :
Das Recht auf körperliche Selbstbestimmung, mentale Gesundheit und eine umfassende medizinische Versorgung hat nichts mit "grüner" Politik zutun. Jeder darf in diesem Land seine Meinung frei äußern. Ob aber hunderten Frauen diese Behandlung verweigert oder zugestanden wird, darf insbesondere in unserem freien Land aber nicht von der persönlichen Meinung eines einzelnen Mannes abhängen. Wenn diesbezüglich in Essen ein Versorgungsmangel herrscht, ist das mindestens fahrlässig und sollte nicht mit rechts, links, grün verargumentiert werden, sondern mit einem gesunden Moralkompass und logischem Menschenverstand.
Kommentar 10: Julian schreibt am 20.05.2026, 22:10 Uhr :
Interessant, dass hier in den Kommentaren (Stand jetzt) der Respekt für eine Gewissensentscheidung überwiegt, während die mediale Öffentlichkeit und Berichterstattung grundsätzlich tendenziös und pro Choice ausfällt. Plusplunkt für die Kommentarfunktion beim WDR (und hoffentlich sachliche und höfliche Ergänzungen), trotzdem aber auch immer mit etwas G'schmäckle in Bezug auf die Berichterstattung...
Kommentar 9: Susanne schreibt am 20.05.2026, 21:53 Uhr :
Leider hat die Klinik auch einen Bildungsauftrag für kommende Mediziner:innen. Er muss es ja auch nicht selber durchführen.
Kommentar 8: Bernhard schreibt am 20.05.2026, 21:43 Uhr :
Ich habe großen Respekt vor jemandem, der seinem Gewissen folgt, auch wenn es unbequem ist. In einer offenen Gesellschaft muss es möglich sein, auch und gerade bei einer so entscheidenende Frage wie "Was ist der Mensch?" und "Was ist das Leben?" diese Haltung einzunehmen.
Kommentar 7: Lu schreibt am 20.05.2026, 21:35 Uhr :
Es ist für mich unverständlich, wie sich jemand für die FRAUENheilkunde entscheiden kann, und dann so eine Maßnahme ablehnt.
Kommentar 6: Johann Moritz schreibt am 20.05.2026, 20:45 Uhr :
Genauso, wie niemand zum Dienst mit der Waffe gezwungen werden darf, darf auch niemand zum Töten ungeborenen Lebens gezwungen werden. Im hippokratischen Eid (https://de.wikipedia.org/wiki/Eid_des_Hippokrates) heißt es unter anderem: "Ich werde niemandem, auch nicht auf seine Bitte hin, ein tödliches Gift verabreichen oder auch nur dazu raten. Auch werde ich nie einer Frau ein Abtreibungsmittel geben. ". Ich habe großen Respekt vor der Charakterstärke dieses Arztes, der trotz der mannigfachen Anfeindungen ihm gegenüber nicht einknickt.
Kommentar 5: Herr Meier schreibt am 20.05.2026, 19:45 Uhr :
Für die zwei Monate macht man da ein Faß auf? Ich bin kein Abtreibungsgegner und für die Abschaffung von $ 218, aber hier scheint es nur Sichtbarkeit der einschlägigen Aktivistinnen zu gehen. Hallo WDR, wo ist die journalistische Relevanz kurz vor dem Ruhestand des Arztes? Und die Uniklinik hat sich auch pro positioniert.
Antwort von Anonym , geschrieben am 20.05.2026, 20:48 Uhr :
Da gehts ums Prinzip. Es geht darum, dass das Thema sichtbar gemacht wird. Und wenn der Arzt nur noch einen Tag da arbeiten würde... Es geht um das Offenlegen der Problematik und um das Aufzeigen von Menschen, die sich aus angeblichen Gewissensgründen im 21. Jahrhundert immer noch gegen so etwas aussprechen. Vor allem geht es um männliche Ärzte, die meinen, der Frau und ihrem Körper sagen zu dürfen, was das beste für sie ist. Die journalistische Relevanz besteht also darin, das Thema zu enttabuisieren. Nicht darin, ein Profil des Arztes zu erstellen.
Antwort von Lisa , geschrieben am 20.05.2026, 20:59 Uhr :
Das Fass hat der Arzt selbst aufgemacht in dem er sich mit dem Interview ins Rampenlicht stellte. Mal kurz vor dem Abstieg in die Bedeutungslosigkeit (=Ruhestand) noch mal schnell laut "die Fahne schwenken" für seine Überzeugung - die ich ihm nicht absprechen möchte, auch wenn sie nicht meine ist. Da ist mir der Chefarzt von Lippstadt mit seiner klaren Vorgehensweise gegen das religiös motivierte Abtreibungsverbot deutlich sympathischer!
Antwort von Conny , geschrieben am 21.05.2026, 05:46 Uhr :
Es ist schon bezeichnend, jemandem, der offenbar anders denkt, "angebliche" Gewissensgründe zu unterstellen. Ja, Menschen mit Gewissen haben gute Gründe, Abtreibungen abzulehnen. Auch wenn viele es nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dabei wird ein kleiner Mensch getötet, der unschuldig und wehrlos ist. Daß die Hauptlast von ungewollten Schwangerschaften die Frau trägt, ist so, erscheint auch ungerecht, hat aber nicht der Arzt zu verantworten. Meinen absoluten Respekt für diese mahnende Stimme gegen die laute Mehrheit, die die Andersdenkenden mundtot machen und ihnen die Rechte (Demonstrationsrechte etc.) streitig machen wollen, die sie für sich selbst ganz selbstverständlich in Anspruch nehmen! Toller Arzt mit Charakter und Gewissen! (Und ich bin kein Mann!)