Rechtsextreme AfD-Kandidaten im Kreis Unna

Lokalzeit aus Dortmund 09.09.2025 05:24 Min. Verfügbar bis 09.09.2027 WDR Von Christof Voigt

Rechtsextreme AfD-Kandidaten im Kreis Unna

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Aufrufe sich zu bewaffnen, Nazisymbole, völkische Gruppen im Verborgenen – Unsere Recherchen zu drei AfD-Kandidaten im Kreis Unna haben jetzt dazu geführt, dass der Staatsschutz ermittelt.

Von Christof Voigt

AfD-Wahlkampf in Bergkamen im Kreis Unna am 30. August 2025. Mit dabei: Winfried Grundmann. Der AfD-Mann kandidiert für den Rat der Stadt Bergkamen. Auffällig: seine Runen-Tattoos. An  seinem rechten Unterarm prangt eine Odalrune. Die ist im Nationalsozialismus ein Symbol der Hitlerjugend und der SS gewesen. Das Zeigen dieser Rune kann in gewissen Zusammenhängen strafbar sein.

Ich, WDR-Reporter Christof Voigt, bin hier, um Grundmann zu Sprachnachrichten in einem Querdenker-Chat aus dem Jahr 2021 zu befragen. Die sind mir zugespielt worden. Und sie sollen von Grundmann stammen. Darin heißt es unter anderem: "Dann müssen die Leute sich eben organisieren, dann müssen wir kleine Splittergruppen machen, wie die ETA (Anm. d. Red.: Ehemalige baskische Terrororganisation) und so weiter. Das muss jetzt zur Sache gehen." Oder: "Da geht’s für mich nur noch da weiter, wo andere schon längst aufgehört haben. Das heißt: Waffen bauen und so weiter. Und wer das einfach nicht kapieren will, der soll sich am besten jetzt schon einen durch die Birne halten, weil der stört uns nur bei unseren Taten."

Beratungsstelle warnt vor Radikalisierung in der AfD

Das sind gewaltsame Umsturz-Fantasien. Wie steht der AfD-Kandidat heute zu diesen Aufrufen? Mehrfach frage ich an diesem Vormittag danach, aber Winfried Grundmann will nicht über seine Bewaffnungspläne sprechen.

Leroy Böthel von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus schlägt Alarm: "Wer solche Äußerungen tätigt, den sollte man auch ernst nehmen, vor allem vor dem Hintergrund der Vorfälle in den vergangenen Jahren. Es lässt sich ja kaum noch aufzählen, wie viele rechtsterroristische Putschversuche oder Untergrundgruppierungen da ausgehoben worden sind."

Polizei ermittelt – AfD distanziert sich

Das sieht auch die zuständige Dortmunder Polizei so. Jetzt ermittelt der Staatsschutz gegen den AfD-Kandidaten Grundmann. Schriftlich teilt die Polizei mit: "Wir haben Ihren Hinweis zu den Sprachnachrichten nun zum Anlass genommen ein Ermittlungsverfahren einzuleiten."

Auch die Strafbarkeit von Grundmanns Tattoo werde jetzt überprüft. Zwar schreibt uns die Polizei, dass die gezeigte Odalrune grundsätzlich nicht strafbar sei. Eine Strafbarkeit könnte aber vorliegen, wenn sie von verbotenen Organisationen genutzt wird.

Die AfD distanziert sich auf Anfrage von ihrem eigenen Kandidaten, der kein Parteimitglied sei. Stephan Grubendorfer, der Vorsitzende des AfD-Kreisverbands Unna, schreibt mir: "Eine zukünftige Mitgliedschaft in unserer Partei schließe ich nach dem Bekanntwerden dieser Aussagen aus." Und der AfD-Landesverband lässt über seine Pressestelle mitteilen, dass man die Hinweise prüfen werde, "einschließlich möglicher parteirechtlicher Schritte."

Ersatz-Hakenkreuze im Online-Shop

Schwarze Sonne im Online-Shop von AfD-Mitglied Jan Bienas

Schwarze Sonne im Online-Shop von AfD-Mitglied Jan Bienas

Parteirechtliche Schritte muss ein anderer AfD-Kandidat aus dem Kreis Unna offenbar nicht fürchten. Jan Bienas ist Spitzenkandidat der Partei für den Stadtrat in Unna. In seinem Onlineshop und auf Märkten vertreibt er rechtsextreme Symbole, wie die Lebensrune oder Schwarze Sonnen.

Für Leroy Böthel von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus ein klarer Beleg für die rechtsextreme Ausrichtung von Bienas Shop: "Die Schwarze Sonne ist ein Symbol, was sehr prominent, wenn nicht das prominenteste Symbol in der Neonazi-Szene ist, was direkt in Verbindung steht mit der Wewelsburg, der Ordensburg der SS, und deswegen von der Neonazi-Szene aufgegriffen wird als Ersatz-Hakenkreuz."

AfD-Kandidat Jan Bienas im Gespräch mit WDR-Reporter Christof Voigt

AfD-Kandidat Jan Bienas im Gespräch mit WDR-Reporter Christof Voigt

Auch Jan Bienas lehnt ein Interview ab, teilt aber schriftlich mit, dass die Symbole, die er verkauft, "Symbole des frühen Mittelalters" seien, "die es an jedem zweiten Schmuckstand auf mittelalterlichen Veranstaltungen gibt." Leroy Böthel kontert, dass die Schwarze Sonne relativ wenig mit Mittelalter oder Wikinger-Folklore zu tun habe.

AfD-Kandidatin mit Kontakten in die völkische Szenen

Irmela Bienas auf einer Veranstaltung des rechtsextremen und völkischen Sturmvogel

Irmela Bienas auf einer Veranstaltung des rechtsextremen und völkischen Sturmvogel

Auch Irmela Bienas, die Frau von Jan Bienas tritt für die AfD zur Kommunalwahl an. Sie kandidiert im Wahlbezirk Unna-Massen. Und sie hatte schon vor  vielen Jahren Kontakte zu Rechtsextremisten. Im Zuge meiner Recherche stoße ich auf ein Bild, das Irmela Bienas bei einer Veranstaltung der rechtsextremen Vereinigung "Sturmvogel Deutscher Jugendbund" zeigt.

Auch sie lehnt ein Interview ab. Stattdessen antwortet ihr Mann schriftlich für sie: "Dass Sie sich in diesem Zusammenhang über die Freizeitgestaltung in der Jugend meiner Frau interessieren, erschließt sich mir nicht." Der AfD-Kreisverband schreibt mir zur AfD-Kandidatin Irmela Bienas, sie sei kein Mitglied der Partei, über ihre Aktivitäten sei nichts bekannt.

Völkische Erziehung über Generationen

Die Politologin und Journalistin Andrea Röpke beschäftigt sich seit mehr als drei Jahrzehnten mit rechtsextremen Bünden wie dem Sturmvogel. Und sagt die "Freizeitgestaltung" sei nichts anderes als rechtsextremer Drill: "Die haben Fahrten, Lager, Märsche durchgeführt. Die härten die Kinder ab, das geht so weit, dass es sogar Mutproben gibt. Es gibt natürlich ganz klar radikale Geschlechtertrennung, also alles was unserer pluralistischen, vielfältigen Welt entgegensteht."

Für Röpke ist auch klar, warum Irmela Bienas nicht mit dem WDR sprechen möchte: "Wenn die Personen aus dem Sturmvogel Deutscher Jugendbund stammen, wenn sie dort sozialisiert und man muss das sagen radikalisiert wurden, dann sind sie zu einer klandestinen Kämpfergemeinschaft zugehörig. Das heißt, sie sind es gewohnt im Hintergrund zu arbeiten und sich immer weiter von der Demokratie zu entfernen."

Aufbau antidemokratischer Strukturen

Dem WDR liegen Bilder vor, die zeigen, dass Irmela Bienas wahrscheinlich schon sehr früh genauso sozialisiert worden ist. Sie stammen aus dem Jahr 2016. In diesem Jahr ist die heutige AfD-Kandidatin Bienas 18 Jahre alt geworden und hat mit ihrer Familie an einer rechtsextremen Maifeier teilgenommen.

Andrea Röpke hat diese Zusammenkunft damals beobachtet: "Das war ein völkischer Event, wo wirklich von der NPD über die Identitäre Bewegung bis zur AfD das who is who der Szene vertreten war." Röpke warnt vor dem großen Einfluss der völkischen Kräfte in der AfD. Wenn die jetzt verstärkt für die Partei antreten, sei davon auszugehen, dass man es da wirklich mit "radikalsten antidemokratischen Strukturen" zu tun haben könnte.   

Unsere Quellen:

  • eigene Recherche des Autors
  • Interview mit Leroy Böthel, Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus im Regierungsbezirk Arnsberg
  • Online-Recherche
  • Nachrichten aus Querdenker-Chats vom 23.03.2021 und vom 27.04.2021
  • Schriftliche Antwort Polizei Dortmund
  • Schriftliche Antwort AfD-Landesverband NRW
  • Schriftliche Antwort AfD-Kreisverband Unna
  • Schriftliche Antwort Jan Bienas, Beisitzer im Vorstand des AfD-Kreisverbands Unna
  • Interview mit Andrea Röpke, Politologin und Journalistin

Verfassungsschutzbericht 2019 des Landes Niedersachsen

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