Ein Tablet und Handy liegen an einer Schule im Unterricht am Platz einer Schülerin

Schüler verzichten aufs Smartphone

Projekt an Schulen Kein Smartphone für mein Kind - so begleite ich das

Stand:

In Schul-Projekten wie in Schwerte bekommen Kinder bis Ende der sechsten Klasse kein Smartphone. Wie können Eltern mit dem Thema umgehen?

Von Felix Wessel

Nadine Tonn ist Lehrerin am Ruhrtal-Gymnasium in Schwerte und selbst Mutter. Wenn es um die Smartphone-Nutzung geht, beobachtet sie bei jungen Menschen einen sozialen Druck, bei Mädchen etwa: "Wenn ich jetzt auf Social Media unterwegs bin, muss ich vielleicht besonders gut aussehen?" Bei Jungs seien vor allem digitale Spiele ein Thema, erzählt sie dem WDR. "Das wäre doch schön, wenn man das etwas weiter nach hinten schiebt, damit die Kinder einfach schon gefestigter sind".

Social-Media-Sucht bei vielen Kindern und Jugendlichen ein Problem

Man sehe auch, dass psychische Erkrankungen zugenommen hätten, sagt Tonn. Und eine Studie der Krankenkasse DAK zeigt, dass das ein Problem in ganz Deutschland ist: Demnach verbringen 10- bis 17-jährige Kinder und Jugendliche im Schnitt werktags fast zweieinhalb Stunden mit sozialen Medien - am Wochenende sogar noch mehr.

Mehr als jedes vierte Kind nutzt laut DAK soziale Medien in problematischer Form. Und das könne ernsthafte Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben: Viele der befragten Jugendlichen berichteten von häufiger Niedergeschlagenheit, Angstgefühlen und Stress.

Ausdruck in Folie, durchgestrichenes Smartphone mit der Aufschrift "Wir sind eine No-Smartphone-Schule"

Smartphonefreie Schule in Schwerte

Viele Schulen haben das Problem erkannt und versuchen bereits, dagegen vorzugehen. Am Ruhrtal-Gymnasium in Schwerte sind Smartphones auf dem Schulgelände schon tabu. Eine fünfte Klasse geht einen Schritt weiter: Eltern sichern der Schule zu, dass ihre Kinder bis mindestens zum Ende der sechsten Klasse überhaupt kein eigenes Smartphone bekommen. Aber was sollten Eltern in solchen Fällen beachten?

Professor rät: Kein Smartphone bis zum Alter von 12 oder 13 Jahren

Christian Montag schaut von China aus mit Interesse auf Projekte wie das in Schwerte. Montag war im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere auch schon in Bonn tätig und ist mittlerweile Professor für Kognitions- und Neurowissenschaften an der Uni in der chinesischen Sonderverwaltungsregion Macau. Er schaut in seiner Arbeit auch darauf, wie Kinder und Jugendliche soziale Medien nutzen - und wie sich das auf sie auswirkt.

Porträt von Professor Christian Montag

Professor Christian Montag

Montag spricht sich dafür aus, dass Kinder bis zu einem Alter von 12 oder 13 Jahren überhaupt kein eigenes Smartphone besitzen. Denn das führe sehr häufig zu einer unregulierten Nutzung - "also dass eben Mama und Papa nicht immer den Blick drauf haben, wann was wie passiert". Montag rät deshalb zu Beginn eher dazu, ein gemeinsames Gerät zu teilen - etwa ein Familien-Tablet.

Kein Smartphone für mein Kind - so begleite ich das

WDR 16.06.2026 02:12 Min. Verfügbar bis 15.06.2028 WDR Online

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Das Projekt der Fünftklässler ohne Smartphone in Schwerte basiert auf der Initiative "Smarter Start ab 14". Sie beschreibt das Problem auf ihrer Website so: "Wenn Kinder bereits im Grundschulalter ein Smartphone erhalten, ist die Gefahr groß, dass dieses Gerät mit all seinen Möglichkeiten und Verlockungen alle anderen Freizeitbeschäftigungen aussticht". Dort heißt es aber auch: "Glauben wir, dass eine smartphonefreie Kindheit die alleinige Lösung ist? Natürlich nicht!". Es brauche parallel Medienerziehung und begleitetes Heranführen. Nötig seien außerdem Eltern mit eigener Medienkompetenz als Vorbilder.

Wichtige Vorbildfunktion der Eltern bei Smartphone-Nutzung und Social Media

Wie wichtig diese Vorbildfunktion sein kann, betont auch Ira Katharina Petras. Sie ist Psychologin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der RWTH Aachen. Man sehe, "dass eben der elterliche Medienkonsum einer der höchsten Risikofaktoren ist für das kindliche Mediennutzungsverhalten", sagte Petras vor Kurzem dem WDR.

Und Christian Montag betont: "Wenn Mama und Papa natürlich die ganze Zeit am Smartphone kleben, dann machen Kinder das nach". Wenn es darum gehe, Kinder an Online-Netzwerke und ähnliche Apps heranzuführen, sollten sich Eltern intensiv mit den Plattformen beschäftigen, die bei ihren Kindern gerade angesagt sind. Viele Eltern seien aber zum Beispiel noch nie auf Tiktok unterwegs gewesen.

Das heißt, da gilt es sich aufzuschlauen, ansonsten kann man natürlich die Nutzung der jungen Menschen nicht begleiten. Prof. Christian Montag

Nicht über Kopf der Kinder hinweg entscheiden

Montag rät außerdem, dass Eltern ein Thema wie Smartphone-Verzicht nicht über den Kopf der Kinder hinweg entscheiden, sondern sie direkt mit einbeziehen sollten. "Es ist ganz wichtig, dass wir auch daran denken, dass die Jugendlichen selber mit am Tisch sitzen, wenn wir über solche Maßnahmen sprechen". Denn die Jugendlichen seien ja direkt betroffen. Ein Vorschlag: Sich in der Familie zusammensetzen und die Jugendlichen mitbestimmen lassen, wie insgesamt in der Familie Technologie genutzt wird - also auch, wie viel Zeit die Eltern am Bildschirm verbringen.

Man könnte das mit so einem Medienvertrag aushandeln: Alle schreiben drauf, wie wir das in der Familie handhaben wollen, das wird dann an den Kühlschrank gepinnt als gemeinsame Verabredung. Prof. Christian Montag

Expertinnen und Experten betonen auch, wie wichtig es ist, dass Eltern und Kinder gemeinsam eine smartphonefreie Zeit verbringen - etwa am Abendbrottisch. In den Familien sei es wichtig, "bestimmte Inseln zu schaffen, wo das Telefon keine Rolle spielt", meint Montag. Smartphones und andere technische Geräte würden hier die Kommunikation und den Austausch hemmen.

Eine entscheidende Voraussetzung dafür ist allerdings, dass es diese gemeinsame Zeit überhaupt noch gibt. Psychologin Ira Katharina Petras bekommt von Kindern immer wieder zu hören, dass in der Familie zum Teil gar nicht mehr zusammen gegessen werde.

Verantwortung liegt nicht nur bei Eltern und Schulen

Ein Schild mit einem durchgestrichenen Smartphone und der Aufschrift «Auf dem ganzen Schulgelände - zu jeder Uhrzeit! DANKE!» hängt am Zugangstor zum Schulhof einer Schule

An vielen Schulen gibt es mittlerweile ein Handyverbot.

Klar ist aber vielen Expertinnen und Experten: Am Ende kann die Verantwortung nicht nur bei den Schulen und den Eltern liegen. "Wenn wir uns soziale Medien angucken, dann sind wir uns alle einig, dass da noch viel Luft nach oben ist, was Jugend- und Kinderschutz angeht", sagt Stephan Dreyer vom Leibniz-Institut für Medienforschung im WDR. "Aber dann müssen wir uns ja an die Plattformanbieter wenden".

Die Social-Media-Firmen müssten dazu gebracht werden, problematische Funktionen nicht mehr anzubieten, meint Dreyer. Australien ist mit seinem Social-Media-Verbot für junge Menschen noch einen Schritt weiter gegangen, mehrere Länder wie Großbritannien wollen jetzt nachziehen. Auch aus NRW kamen schon entsprechende Forderungen.

Jemand hält ein Smartphone in den Händen, auf dem TikTok geöffnet ist

Müssen Anbieter wie der Tiktok-Konzern Bytedance stärker in die Pflicht genommen werden?

Doch Dreyer befürchtet, dass ein Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige sogar negative Auswirkungen auf den Jugendschutz haben könnte. Denn Anbieter wie Instagram oder Tiktok könnten diesen dann zurückfahren, weil sich ja Jugendliche bis zu einem bestimmten Alter gar nicht mehr auf den Plattformen aufhalten dürften.

Das heißt also, wir rennen möglicherweise in eine Situation, wo der Jugendschutz am Ende noch schlimmer geworden ist auf diesen Plattformen. Und wir müssen ihn nicht schlechter machen, sondern wir müssen ihn besser machen. Stephan Dreyer

Für Christian Montag ist klar: Um bessere Plattformen zu bekommen, müssten die Social-Media-Konzerne ihr datengetriebenes Geschäftsmodell ändern. "Denn erst dann, wenn wir Plattformen haben, die eben nicht mehr nach unserer Aufmerksamkeit heischen und uns dauernd drauf haben wollen, kommen wir tatsächlich am Ende des Tages auch nachhaltig zu einem gesünderen Verhalten."

Wie sinnvoll ist ein Social-Media-Verbot für Jugendliche?

WDR 5 Morgenecho - Interview 16.06.2026 06:02 Min. Verfügbar bis 16.06.2027 WDR 5

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Unsere Quellen:

Sendung: WDR.de, Kein Smartphone für mein Kind - so begleite ich das, 16.06.2026, 15:20 Uhr.

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