Bei drängenden Fragen hilft vielen heute ein Sprachmodell einer KI. ChatGPT, Gemini und Co. können einen ersten Einblick geben. Manche versuchen sich sogar bei Rechtsfragen an der Künstlichen Intelligenz. Das kann helfen. Aber auch böse enden - und am Ende für alle Beteiligten zumindest mehr Arbeit bedeuten.
Eilanträge beinahe verdreifacht
In ihrem aktuellen Jahresbericht macht das Sozialgericht Duisburg auf einen Trend aufmerksam, der die Institution seit einer Weile fordert. Immer mehr Anträge, darunter Klagen und Eilanträge, gingen 2025 bei dem Gericht ein, bei denen es sich offensichtlich um KI-generierte Schreiben handelt.
Während sich das Gericht 2024 noch mit 9.500 Eingängen befasste, waren es 2025 schon 10.800. Auch mit Blick auf das erste Quartal dieses Jahres zeichnet sich ein Anhalten des Trends ab. Alleine bei den Eilanträgen hat sich die Zahl der Eingänge innerhalb eines Jahres beinahe verdreifacht.
Anwälte fehlen
Das Gericht versucht sich an einer Erklärung, warum es diesen Anstieg gibt. Zum einen gebe es einen Fachanwaltsmangel, sagt Andreas Ostheimer, Präsident des Duisburger Sozialgerichts. Da anwaltliche Hilfe zu finden, sei schwer. Viele Menschen könnten sich in der existenziellen Not zudem keinen Anwalt leisten. Zumindest erleichtere die KI den Menschen den Zugang zum Recht, ergänzt Ostheimer.
Dirk Schwane ist Fachanwalt in Gelsenkirchen. Er kann sich vorstellen, dass Menschen in Notsituationen sich davor scheuen, Hilfe beim Anwalt zu suchen. Dass sie Angst vor der Kostenlast haben. "Weil man gegebenenfalls auch die Mühe scheut, zum Amtsgericht zu gehen und den Beratungshilfeberechtigungsschein zu holen", sagt Schwane. Der ermöglicht es Menschen mit geringem Einkommen, sich rechtlich beraten oder außergerichtlich vertreten zu lassen.
Trend auch in anderen NRW-Städten
Andere Sozialgerichte in NRW bestätigen den Trend. Auch in Dortmund hat es einen Anstieg gegeben. Es sei zu beobachten, "dass sich Antragsteller offenbar vielfach nach den Empfehlungen sogenannter Künstlicher Intelligenz richten", teilt Präsident des Sozialgerichts, Bernd Gregarek, mit. Dabei berücksichtige die KI nicht, dass Eilververfahren vom Gesetzgeber für "außergewöhnliche prozessuale Situationen kinzipierten worden sei" und "nur unter engen Vorraussetzungen Erfolg haben können", so das Dortmunder Gericht weiter.
Am Landessozialgericht NRW in Essen stiegen die Eingänge um mehr als sechs Prozent als im Vorjahr. In ganz NRW, also an allen acht Sozialgerichten des Bundeslandes, hat es einen Anstieg von beinahe 13 Prozent gegeben. Auch den Anstieg führt das Landessozialgericht in ihrem Jahresbericht auf eine vermehrte KI-Nutzung der Rechtschutzsuchenden zurück. Auch Verwaltungs- und Arbeitsgerichte schildern dem WDR auf Anfrage eine ähnliche Situation.
Anträge und Klagen werden durch KI länger
Nicht nur die neue Menge der Schriftsätze macht es den Gerichten immer schwerer, auch sind die KI-generierten Schriftsätze durchschnittlich deutlich länger als übliche Klagen und Eilanträge, die etwa von Anwälten verfasst werden. Von Dateien mit Hunderten Seiten sprechen die Richter. Oft zitiere die KI falsche Urteile oder frei erfundene Rechtslagen - KI-übliche "Halluzinationen".
Sozialanwalt Schwane hat sich selber an einem KI-Sprachmodell versucht. Mit einigen Infos sollte es ihm eine Klage anfertigen. Die sei von der Grundstruktur "wirklich gut und brauchbar gewesen", sagt Schwane. Mit einem längeren Blick kamen dann aber Zweifel:
"Dann wird der Bürger allein gelassen. Er wird mit Urteilen zugeklatscht, die er selbst gar nicht nachlesen kann, aber einfach glaubt." Dirk Schwane, Anwalt
KI-Sprachmodelle geben meist Recht
Und das sei das große Problem, so Schwane. Die KI erwecke Menschen in Not den Eindruck, es gebe genug Urteile und die Person sei im Recht.
Die KI gibt Usern in der Regel recht. So werden Chatbots von OpenAI, Google und Co. trainiert. Das nennt sich "Reinforcement Learning from Human Feedback". Die KI gibt Nutzern Antworten, die sie als hilfreich oder angenehm empfinden.
Gerade in Rechtsfragen kann das zum Problem werden. Besonders, wenn es um existenzielle Nöte geht. Bei Eilanträgen an Sozialgerichte geht es meist ums Bürgergeld oder um Krankenversicherungen.
Trend wird anhalten
Vorerst erwarten Gerichte und Anwälte aber, dass der Trend anhalten wird. Die Aktenstapel und Eingänge im digitalen Postfach bei Gericht wachsen und die Verfahren werden länger dauern.
Unsere Quellen:
- Sozialgericht Duisburg
- Sozialgericht Dortmund
- Landessozialgericht NRW in Essen
- Interview mit Anwalt Dirk Schwane
- Interview mit Andreas Ostheimer, Präsident Sozialgericht Duisburg
Sendung: WDR.de, KI-Anträge belasten Gerichte in NRW, 23.06.2026, 5:07 Uhr