Holocaust-Gedenktag: KI lässt Zeitzeugen in Essen lebendig werden
Lokalzeit Ruhr. 27.01.2026. 03:16 Min.. Verfügbar bis 27.01.2028. WDR. Von Krafft-Dahlhoff, Carmen.
Mit viel Medienpräsenz hat NRW-Kulturministerin Ina Brandes (CDU) das einzigartige Projekt "Holo Voices" in Essen eröffnet. Auch eine Schulklasse konnte die neuartige Technik ausprobieren.
Stefan Göke zu Holo Voices | WDR Aktuell
01:16 Min.. Verfügbar bis 27.01.2028.
Es sieht aus wie ein modernes Kino, das in die ehemalige Maschinenhalle der Zeche Zollverein in Essen eingebaut wurde. Schon beim Betreten des mit blauem Licht inszenierten Raumes wird klar, dass in dem so genannten Holografischen Theater gleich etwas Besonderes passieren wird.
Besonderes Holografisches Theater
Die Akustik ist gedämpft, die Wände schlucken den Schall. Und als das große Licht ausgeht, erscheint auf der Bühne eine Frau, die auf einem Stuhl sitzt und zum Publikum spricht. Es wirkt so, als schwebe die Frau im Raum.
Zeitzeugin Eva Weyl erscheint als Hologramm
"Ich erzähl' euch jetzt eine kleine Geschichte über ein Mädchen von sechseinhalb, die in dem Alter ihre Freiheit verlor. In dem Alter musste sie aus dem Haus. Und sie musste in ein Konzentrationslager und dort war sie mit ihren Eltern", erzählt die Frau. Sie heißt Eva Weyl, ist heute 90 Jahre alt.
Hologramm-Technik verblüfft
Eva Weyl ist eine der wenigen Menschen, die den Holocaust überlebt haben und heute noch leben. Mit einer speziellen Hologramm-Technik wird sie auf die Bühne projiziert und erscheint für den Zuschauer dreidimensional.
Publikum kann mit Hologramm sprechen
Das Besondere an "Holo Voices" ist aber, dass das Publikum mit der Zeitzeugin in Interaktion treten und Fragen stellen kann. Künstliche Intelligenz ermittelt die passende Original-Antwort, die die Holocaust-Überlebende vorher in einem Interview gegeben hat.
KI-Projekt kommt von TU Dortmund
Auch Zeitzeugin Inge Auerbacher wurde mit der Videotechnik interviewt
Wissenschaftler der Technischen Universität Dortmund haben mehrere Zeitzeugen viele Stunden befragt, die Interviews wurden mit einer holografischen Videotechnik aufgezeichnet. "Wenn man eine Frage stellt, zerlegt eine KI die Frage in Schlüsselbegriffe und gleicht diese mit den beantworteten Fragen der Interviews ab", erklärt Manfred Bayer, Rektor der TU Dortmund.
Frage-Antwort funktioniert
Und das klappt erstaunlich gut. "Was möchten Sie den jungen Menschen heute mitgeben?", ist zum Beispiel eine der Fragen aus dem Publikum. Nach kurzer Zeit ertönt auch schon die Antwort: "Geht in die Schule, lernt was. Seid nicht neidisch auf andere und denkt ein bisschen nach und seid keine Mitläufer".
Großes Archiv an Antworten
Mehr als 900 Fragen haben die Wissenschaftler Zeitzeugen wie Eva Weyl gestellt. Die Jüdin wurde während der NS-Zeit mit ihren Eltern in das Lager Westerbork deportiert, das später das "Portal zur Hölle" bezeichnet wurde. Von dort wurden Juden in Konzentrationslager gebracht. Nur mit viel Glück konnte die Familie einer Deportation in ein KZ entgehen.
Nur wenige Zeitzeugen leben noch
In der ehemaligen Maschinenhalle ist Holo Voices zu erleben
Die Zeitzeugen sind heute zum Teil weit über 90 Jahre alt. Viele von ihnen machen Bildungsarbeit und gehen an Schulen und berichten über ihre Erlebnisse während des Holocausts. "Leider werden wir nicht mehr lange mit ihnen sprechen können", sagt NRW-Kulturministerin Ina Brandes. "Die zweitbeste Möglichkeit nach dem direkten Gespräch ist ein Dialog mit einem Hologramm", ergänzt die Ministerin.
Das Projekt wird vom Land Nordrhein-Westfalen, der RAG-Stiftung, der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung sowie von der Brost-Stiftung getragen.
Holo-Voices mindestens ein Jahr in Essen
Das kostenlose Angebot ist vor allem für Schulklassen gedacht und soll zunächst ein Jahr lang auf dem Gelände des Weltkurlutrerbes Zollverein bleiben. Dort gibt es auch begleitende Ausstellungen, unter anderem zur Zwangsarbeit im Ruhrgebiet. Danach soll "Holo Voices" auch an andere Standorte in Nordrhein-Westfalen wandern.
Unsere Quellen:
- WDR-Reporter vor Ort
- Ina Brandes, Ministerin für Kultur und Wissenschaft NRW
- Professor Manfred Bayer, Rektor TU Dortmund
Sendung: WDR.de, Ruhrgebiet: Holocaust-Gedenktag: KI lässt Zeitzeugen in Essen lebendig werden, 27.01.2026, 6:07 Uhr
