Michael Klotz rutscht ein wenig unruhig auf seinem Hocker herum. Die Aufregung ist dem Chef der Gelsenkirchener Sparkasse anzumerken. "Es trifft uns zutiefst und es tut uns auch leid", setzt er an. Doch weiter kommt er nicht. Im Saal brandet höhnisches Stöhnen auf. Das erste Aufeinandertreffen von Klotz und Geschädigten des Sparkassen-Einbruchs Ende Dezember zeigt schnell: Hier sind viele Emotionen im Spiel. Aufgestaute Wut, Verzweiflung, Unsicherheit.
Mehr als 200 Menschen sitzen im komplett gefüllten Kinosaal des Schauburg Filmpalastes in Gelsenkirchen-Buer. Viele von ihnen haben beim Einbruch den Inhalt ihrer Schließfächer verloren. "Ich hatte Schmuck und Bargeld im Fach, die Ersparnisse von vielen Jahrzehnten", sagt Petra. Es war ihr Polster für ein paar Sorgen weniger im Alter. Neben ihr berichtet Sigrid von "Wut, Ratlosigkeit und schlaflosen Nächten" – auch rund zwei Monate nach der Tat.
Sparkassen-Chef räumt Fehler ein
Was viele Betroffene vor allem wütend macht: Erst jetzt, zwei Monate nach dem Einbruch, stellt sich Klotz ihren Fragen. "Wo waren Sie bisher?", fragt ein Mann aus dem Publikum das, was viele hier umtreibt. Sie hätten sich ein paar Worte, ein persönliches Gespräch mit dem Sparkassen-Chef gewünscht. Die Sparkasse hatte geschädigte Schließfachkunden in einem Schreiben über den Einbruch benachrichtigt, Informationen auf ihre Homepage gestellt und eine Hotline geschaltet.
"Rückschauend betrachtet hätte man sich stellen sollen", räumt Klotz ein, "aber wir hatten auch Sorgen, dass die Situation weiter eskaliert". Am Tag nach Bekanntwerden des Einbruchs hatte sich eine aufgebrachte Menschenmenge vor der Sparkassen-Filiale versammelt, wollte Auskünfte und Antworten.
Intensive Ermittlungen
Auskünfte erhoffen sich die Betroffenen an diesem Abend auch zur Sicherheit. Wie konnte es überhaupt passieren, dass der Tresorraum aufgebrochen wurde? Warum glaubte die Sparkasse, dass alles ausreichend gesichert ist? "Wir überprüfen regelmäßig unsere Sicherheitskonzepte, auch zusammen mit Fachfirmen", sagt Klotz, "aber hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht". Details zu den Sicherungssystemen will er nicht nennen.
Gelsenkirchens Polizeipräsident Tim Frommeyer springt ihm dabei etwas zur Seite. "Die Tat wurde von Schwerstkriminellen in sehr professioneller Art begangen", sagt er und berichtet vom riesigen Umfang des Falles. Bis zu 350 Ermittler gleichzeitig waren in den letzten Wochen in der "BAO Bohrer" an dem Fall dran. Sie sichern Spuren auf tausenden Gegenständen aus dem Tresorraum, haben rund 1.800 Schließfachbesitzer bisher befragt, unzählige Stunden Videomaterial gesichtet. "Wir versuchen, alles so schnell wie möglich, aber so ordentlich wie möglich abzuwickeln", sagt Frommeyer.
Streit über Versicherung
Ordentlich müssen auch die betroffenen Schließfachbesitzer sein. Sie müssen genau auflisten, was in den Fächern war. Mit Belegen oder Fotos zum Beispiel. Das Problem: Die Schließfächer sind standardmäßig nur mit maximal 10.300 Euro versichert. Dabei hatten viele wohl deutlich höhere Werte in den Fächern gelagert.
Auf die Versicherungssumme wird in Beratungsgesprächen hingewiesen und sie steht auch so im Schließfach-Vertrag, sagt Sparkassen-Chef Klotz. "Eine Beratung hat nicht stattgefunden", sagt dagegen Jochen, seit Jahrzehnten Kunde bei der Sparkasse. Eine Erhöhung seines Versicherungsbetrags zu einem späteren Zeitpunkt sei laut einer Sparkassenmitarbeiterin nicht möglich gewesen. Einer von vielen Punkten, bei denen sich Klotz und die Betroffenen an diesem Abend nicht einig werden.
Fall wühlt Betroffene auf
Einig sind sie sich wohl nur darin, dass sie der Fall extrem aufwühlt. "Seit Ende Dezember ist kaum eine Minute vergangen, in der ich mich nicht mit dem Einbruch beschäftigt hätte, im Büro und außerhalb", sagt Klotz, "das geht auch an mir nicht spurlos vorbei". Klotz ist erst seit Anfang November Chef der Gelsenkirchener Sparkasse, nach ein paar Wochen im Amt war er mit dem Einbruch konfrontiert, der weit über Gelsenkirchen hinaus für Schlagzeilen sorgt.
Eine kleine gute Nachricht kann der Sparkassen-Chef noch verkünden. In der übernächsten Woche will die Sparkasse mit den Besitzern von nicht aufgebrochenen Schließfächern Termine ausmachen. Denn neben rund 3.000 aufgebrochenen Fächern haben die Täter auch 140 unangetastet gelassen.
Und auch Polizeipräsident Frommeyer will den aufwühlenden Abend des WDR Lokalzeit Stadtgesprächs zumindest mit etwas Optimismus enden lassen: "Aufgrund der vielen Spuren, die da sind, werden wir, da bin ich positiv, diese Täter irgendwann bekommen."
Unsere Quellen:
- WDR Lokalzeit Stadtgespräch
- Michael Klotz, Chef der Sparkasse Gelsenkirchen
- Tim Frommeyer, Polizeipräsident Gelsenkirchen
- Betroffene des Sparkassen-Einbruchs
Sendung: WDR.de, Lokalzeit Stadtgespräch: Der Sparkassen-Coup von Gelsenkirchen, 19.02.2026, 21.00 Uhr
Stadtgespräch aus Gelsenkirchen: Der Sparkassen-Coup
Lokalzeit Stadtgespräch. 19.02.2026. 57:03 Min.. Verfügbar bis 19.02.2028. WDR 5.
Kommentare zum Thema
Ich hätte mal ne ganz simple Frage gestellt! Warum gab es keine Körperschallsensoren??? Wo waren die? Auch im Wochenende? Das hätte ne Menge Arbeit erspart!!!
Die Täter mussten doch wissen, dass im Tresorraum keine Bewegungsmelder mit Alarmfunktion sind. Den Durchbruch mit dem Stemmhammer und Kernbohrer muss doch einer bemerkt haben. Auf dem Foto ist keine Bewehrung in der hinteren Tresorwand zu erkennen. Die Täter mussten den Tresoraum zuordnen können oder hatten Gebäudepläne. Aber die Kohle wird weg sein. Dreistigkeit siegt. Eine Millionen unerledigte Strafverfahren liegen bei deutschen Gerichten. Letztens wurden sogar 50 tatverdächtige Schwerverbrecher wegen Fristversäumnisse entlassen. Was sollen Täter auch fürchten?
Ich habe es schon mal geschrieben und wiederhole es noch mal: Die Sparkasse Gelsenkirchen-Buer sollte schnellstmöglich mit anderen Sparkassen fusionieren. Bei uns im Münsterland gibt es solche Einzel-Sparkassen nicht mehr und das ist auch gut so. Je nachdem wie die Klagen ausgehen, muss die Sparkasse das sogar, weil sie sonst wirtschaftlich nicht überleben kann.