Efe rappelt mit der Futterdose und da kommen schon die kleinen Schafe mit ihren schwarzen Köpfen und zotteligem Fell angehopst und fressen ihm aus der Hand. Für den 20-jährigen Mann sind die Mini-Schafe eine Kindheitserinnerung und eine Starthilfe in ein neues Leben. "Die sehen süß aus. Ich komme ursprünglich aus einem türkischen Dorf und bin mit Schafen und Hühnern aufgewachsen", schwärmt er. Jetzt kümmert er sich um die Pflege der Tiere und um das Gelände, auf dem sie frei herumlaufen.
"Ich war faul, habe zuhause herumgesessen, nichts gemacht. Das war ein großer Fehler." Efe, Projektteilnehmer
Mini-Schafe helfen beim Einstieg in ein neues Leben
Die Mini-Schafe sind Teil eines Gartenbauprojekts der Katholischen Jugendsozialarbeit Gelsenkirchen. Sie helfen dabei, dass Jugendliche mit schwieriger Vergangenheit eine neue Chance erhalten, langfristig im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. "Ich bin nicht schlecht erzogen", meint Efe, "nur falsche Freunde und ich war faul, habe zuhause herumgesessen, nichts gemacht. Das war ein großer Fehler". Die Arbeit mit den Tieren und in der Gemeinschaft gefällt ihm besonders und gibt ihm ein gutes Gefühl.
Das Projekt findet auf dem Gelände einer ehemaligen Gärtnerei in Gelsenkirchen-Erle statt. 16 Teilnehmer lernen hier zum Beispiel, wie man Gemüse anbaut - Kohlrabi, Zucchini oder Mangold. Und sie lernen, überhaupt wieder pünktlich irgendwo zu erscheinen. Denn die Tiere müssen schließlich versorgt werden.
Ein Team von Sozialarbeitern, Psychologen und Gartenbautechnikern begleitet und betreut die Jugendlichen. Alle haben schon viele Vertrauensbrüche erlebt und schlechte Erfahrungen in der Schule gemacht. Sie tun sich schwer mit den Strukturen der "normalen" Welt. Die Gartenarbeit und die enge Bindung an die Betreuer helfen ihnen dabei, wieder ein geregeltes Leben zu führen und Vertrauen zu Menschen aufzubauen.
Der 27-jährige Jan hakt durch das Zucchinibeet, er ist stolz, dass er schon die ersten Stangen ernten kann. "Mir macht die praktische Arbeit hier großen Spaß". Er will seine Vergangenheit hinter sich lassen. Mehr als fünf Jahre sei er obdachlos gewesen. "Jetzt suche ich gerade den Weg ins Berufsleben". Die Arbeit im Gemüsegarten sei langfristig allerdings nicht so sein Ding. Eigentlich möchte er Schweißer werden. "Das ist mein Traumjob".
Sinn und Zweck sei, dass die Teilnehmer in den Arbeitsmarkt kommen, "vielleicht finden einige sogar Geschmack am Gemüseanbau oder am Gartenbau", sagt Dirk Sackers, der die Jugendlichen als Gartenbautechniker anlernt. Auch Pflasterarbeiten und Zaunbau bringt er den Jugendlichen bei. "Wir haben einige schon in die Ausbildung im Garten- und Landschaftsbau schicken können". Andere wiederum kämen einmal und nie wieder.
Jessica (25) ist seit einem halben Jahr dabei und kümmert sich überwiegend um die Hühner, das Ausmisten des Stalls und die Pflege des Geheges. Sie sei früher extrem gemobbt worden und das habe sie so gestresst, dass sie sich nicht auf die Schule konzentrieren konnte. In Erle ist alles anders: "Es ist beruhigend hier. Ich mag einfach Hühner", sagt Jessica.
Das Projekt ist auf ein Jahr angelegt und wird vom Jobcenter finanziert. Im letzten halben Jahr seien 13 Teilnehmer in Arbeit, Ausbildung und andere Berufsvorbereitungsmaßnahmen vermittelt worden, sagt Vanessa Scharmansky, Geschäftsführerin bei der Katholischen Jugendsozialarbeit Gelsenkirchen. Auch Efe hat schon Pläne. In einem Monat will er seine Ausbildung als Straßenwärter bei der Autobahnmeisterei anfangen.
Unsere Quellen:
- Beobachtungen und Gespräche der Reporterin vor Ort
- Katholische Jugendsozialarbeit Gelsenkirchen
- Teilnehmer des Projekts
Sendung: WDR.de: Mit-Mini-Schafen-in-den-Job, 20.06.2026, 04:58 Uhr