Ins Gefängnis wegen Fahren ohne Ticket
WDR. 05:55 Min.. Verfügbar bis 03.06.2028.
Mit Handschellen abgeführt, aus der Wohnung raus direkt ins Gefängnis. Ein Szenario, das Bahnfahrenden sehr fern vorkommt. Doch für Heinz Jürgen Biergans ist es schneller zur Realität geworden, als er je gedacht hätte.
Heinz Jürgen Biergans fuhr ohne gültiges Ticket und sollte ins Gefängnis.
Aus gesundheitlichen Gründen musste Heinz Jürgen Biergans mehrere Monate zum Spezialisten nach Düsseldorf pendeln. Beim Jobcenter beantragt er ein Deutschlandticket. Doch laut eigener Aussage führten bürokratische Hürden und Misskommunikation dazu, dass dieses Ticket wohl nicht verlängert wurde.
Initiative Freiheitsfonds kauft ihn frei
Im Frühjahr diesen Jahres klingelt die Polizei mit einem Haftbefehl. Zu viert führen sie Heinz Jürgen Biergans ab und bringen ihn direkt zur JVA. Doch zu seinem Glück kontaktiert das Gefängnis schon kurz darauf die Initiative Freiheitsfonds.
"Was habe ich gemacht? Warum kommt ihr zu viert und führt mich in Handschellen ab? Habe ich einen Menschen ermordert?" Heinz Jürgen Biergans
Freiheitsfonds kämpft gegen Paragraf §265a StGB
Arne Semsrott und sein Team sammeln Spenden für genau diesen Fall: Damit sie Menschen aus dem Gefängnis freikaufen können, die sich das Ticket für den öffentlichen Nahverkehr nicht leisten konnten. Menschen wie Heinz Jürgen Biergans. Nach wenigen Stunden ist der Duisburger wieder frei.
Etwa 9.000 Menschen landen jedes Jahr im Gefängnis, weil sie sich ihr Bus- oder Bahnticket nicht leisten konnten, so der Freiheitsfonds. Auch die Kriminologin Nicole Bögelein von der Universität Köln schätzt, dass 8.000 bis 9.000 Menschen pro Jahr im Gefängnis landen - meist, weil sie die Geldstrafen nicht begleichen könnten.
Die dadurch entstehenden Haftkosten würden den Staat mit rund 1,6 Millionen Euro jährlich belasten. Städte wie Münster, Köln oder Düsseldorf haben deshalb die Strafverfolgung bereits abgelehnt. Das Ruhrgebiet bleibt bislang zurückhaltend.
Oberbürgermeister fordert klare Regeln für alle
Bundesweit wird im Frühjahr 2026 über eine mögliche Entkriminalisierung debattiert. Auch in Duisburg entfacht eine emotionale Diskussion: Oberbürgermeister Sören Link (SPD) spricht sich für eine einheitliche Linie aus: "Wer schwarz fährt, fährt auf Kosten aller."
Ratsherr der Duisburger CDU Frank Heidenreich
Auch die Duisburger CDU positioniert sich stark gegen eine Gesetzesänderung. Einzig die Ratsfraktionen Die Linke und Die Grünen setzen sich weiter für eine Entkriminalisierung ein. Ein entsprechender Antrag wurde jedoch schon 2024 von der Mehrheit des Rates abgelehnt.
"Es ist ein Fairnessfaktor den Bürgerinnen und Bürgern gegenüber, die mit ihren Steuergeldern diese Dinge bezahlen und sich sozial verhalten und andere, die notorisch schwarzfahren, es nicht tun." Frank Heidenreich, CDU
Schaden in Millionenhöhe
Laut den Duisburger Verkehrsgesellschaft (DVG) fahren etwa drei Prozent der Fahrgäste in Duisburg ohne Ticket, das führe jährlich zu Einnahmeausfällen von bis zu zwei Millionen Euro. Auch die DVG fordert daher, dass Fahren ohne Ticket eine Straftat bleiben soll.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Heinz Jürgen Biergans
- Freiheitsfonds
- Duisburger Verkehrsgesellschaft
- Rücksprache mit den Ratsfraktionen der Stadt Duisburg
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Duisburg, 01.06.2026, 19:30 Uhr
