40.000 Stoffstreifen erinnern bereits draußen vor der Dortmunder Reinoldikirche an die Todesopfer. Aufgereiht an Bänder, werden sie zu einem Mahnmal das beeindruckend aussieht und sprachlos macht. Drinnen werden die Namen verlesen und alles was man über die Verstorbenen in Erfahrung bringen konnte – Herkunft, Todesursache.
Einen Tag und eine Nacht lang, insgesamt 24 Stunden, wird die Liste verlesen. Die Menschen verloren ihr Leben in seeuntüchtigen Booten auf dem Meer, erstickten in Lastwagen, verhungerten in der Wüste, starben in Wäldern auf der Suche nach einem sicheren Ort oder nahmen sich das Leben als Geflüchtete in Europa.
Bedrückende Stimmung
Die Stimmung in der Kirche ist bedrückend. Die Menschen kommen spontan rein und hören einen Moment zu. Lange hält man es nicht aus. So geht es auch Elisa Hünerbein. "Das war nicht leicht, sich das anzuhören und es rückt die schreckliche Thematik in den Vordergrund", erzählt die Studentin.
Sie ist mit ihrer Mutter Marion Hünerbein hergekommen. Die Schicksale sind ihr bekannt, auch viele Fluchterlebnisse, denn sie arbeitet mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten. "Es sind für mich Namen anonymer Menschen, aber ich habe auch Geschichten dazu, die ich damit verknüpfen kann", sagt sie.
"Was ist das für ein Unrecht?"
Pfarrerin Susanne Karmeier ist die Koordinatorin des Projekts in der Reinoldikirche. Zum vierten Mal werden hier am Weltflüchtlingstag die Namen verlesen. Karmeier hat selbst schon mehrmals vorne gestanden und Namen für Namen vorgelesen. "Es ist etwas ganz bewegendes und es ist jedes Mal wieder etwas Verstörendes. Es gibt immer einen Moment wo ich stocke und wo ich das Gefühl habe, man kann nicht weiterreden, weil man Kinder verließt, weil man Dinge verlesen muss die ich gar nicht sagen mag, verwesende Menschen, die gefunden worden sind. Was ist das für ein Unrecht?", berichtet sie.
25 Minuten lang sind die Slots, dann gibt es kurz Musik und der nächste Freiwillige ist dran und liest weiter. "25 Minuten – das ist die Obergrenze die man aushalten kann", erklärt Karmeier.
Nach einem Aufruf auf Instagram hatten sich zahlreiche Menschen bei ihr gemeldet, die sich an der Aktion beteiligen wollten. Menschen aus der gesamten Breite der Gesellschaft machen mit, sind dankbar, dass sie was tun können, so Karmeier. "Viele kommen raus, sind still, weinen, der Tag geht anders weiter", erzählt Karmeier weiter.
Große Dunkelziffer
Weltweit fliehen Menschen vor Kriegen und Krisen. Aktuell sind ca. 122 Millionen Menschen auf der Flucht. Seit 1993 sind 66.519 Menschen auf der Flucht oder danach in Deutschland gestorben. Das sind nur die recherchierten und belegbaren Schicksale. Die Dunkelziffer wird weitaus höher sein.
Unsere Quellen:
- Reporterin vor Ort
- Pfarrerin Susanne Karmeier