Alte Bomben, lange unter der Erde. Dann tauchen sie auf - und Entschärfung und Evakuierung bedeuten riesigen Aufwand und große Einschränkungen. Warum? Zwei Leiter von Kampfmittel-Einsätzen erklären.
Dortmund: 300.000 Bomben
Mario Niedzialkowski leitet das Sachgebiet Kampfmittelbeseitigung im Ordnungsamt Dortmund. "Man geht davon aus, dass 300.000 Bomben auf Dortmund geworfen wurden", sagt er. Das ganze Ruhrgebiet war als Industrieregion immer wieder Ziel der Alliierten.
Zehntausend Blindgänger
Allein in seinem Stadtgebiet geht er noch von einer fünfstelligen Zahl an Blindgängern aus. Umso mehr gebaut und gebuddelt wird - umso mehr tauchen auf. Mit Luftbildern, die Einschlagstellen zeigen, werden vorab Risikobereiche ermittelt. Trotzdem sind es oft Baggerfahrer, die auf Bomben stoßen. Dann muss es schnell gehen.
"Was sich im Radius befindet, muss dann evakuiert werden. Es sei denn, es können irgendwelche Dämpfungsmaßnahmen eingeleitet werden. Aber das ist bei Ad-hoc-Situationen sehr schwierig." Mario Niedzialkowski, Sachgebietsleiter Kampfmittelbeseitigung Dortmund
Entschärfung muss "unverzüglich" erfolgen
Die Landesregierung gibt vor, dass Bomben "unverzüglich" entschärft werden müssen. Ziel ist in der Regel: noch am Tag des Fundes. Sofort übernehmen die Kampfmittelbeseitiger der Bezirksregierungen. Sie prüfen, wie gefährlich die Bombe ist, wie stabil der Zünder. Also: wie dringlich die Entschärfung ist und wie groß die Evakuierungszone.
"Wenn der Feuerwerker sagt, es muss sofort gemacht werden - auch wenn eine Klinik da ist - haben wir gar keine andere Wahl als alle erforderlichen Maßnahmen sofort einzuleiten." Mario Niedzialkowski, Sachgebietsleiter Kampfmittelbeseitigung Dortmund
Duisburg: Immer wieder Fragen nach der Verhältnismäßigkeit
In Duisburg koordiniert dann Thorsten Bleckmann, Abteilungsleiter Ordnungsangelegenheiten, das Team im Lagezentrum. Seine Leute stoßen immer wieder auf die Frage: Warum müssen wir denn raus, es geht doch immer alles gut? Aber er sagt: Gerade durch die lange Zeit unter der Erde sei schwer abzusehen, wie stabil Bomben sind, wenn sie wieder frei liegen.
"Ganz oft sind die Zünder noch scharf. Der Sprengstoff, der da drin ist, der hat kein Mindesthaltbarkeitsdatum. Der explodiert tatsächlich auch noch." Thorsten Bleckmann, Abteilungsleiter Ordnungsangelegenheiten Duisburg
Deshalb gehe Sicherheit vor. In Sonderfällen, etwa wenn Krankenhäuser betroffen sind, wäge sein Team ab: "Lass ich zum Beispiel in einer Frühchenstation die Kleinkinder da drin und nehm eventuell in Kauf, dass die Bombe explodiert - und der Strom im Krankenhaus ausfällt?" Die Frage sei immer: "Welches Risiko ist vertretbar?"
A40 in Mülheim: Sondierung vor Baumaßnahmen
Sondierungen vor Baumaßnahmen, wie jetzt rund um die A40 in Mülheim, sollen verhindern, dass irgendwann doch mal ein Bagger eine Bombe zur Explosion bringt. Doch weiter werden Blindgänger im Ruhrgebiet auch überraschend gefunden werden. Wie groß oder klein die Einschränkungen dann sind, hängt auch daran, wie gut alle mitmachen.
"Leute gehen nicht aus dem Bereich, der zu evakuieren ist, und das verzögert die Maßnahme. Je länger wir noch Leute im Evakuierungskreis haben, desto länger dauert es für alle anderen, die sich an die Regeln halten." Thorsten Bleckmann, Abteilungsleiter Ordnungsangelegenheiten Duisburg
Er meint: Es braucht die Zusammenarbeit aller, um mit dem Dauerproblem Blindgänger-Funde im Ruhrgebiet umzugehen.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Mario Niedzialkowski, Sachgebietsleiter Kampfmittelbeseitigung Dortmund
- Gespräch mit Thorsten Bleckmann, Abteilungsleiter Ordnungsangelegenheiten Duisburg
Sendung: WDR.de, Darum muss im Ruhrgebiet so oft evakuiert werden, 24.06.2026, 05:18 Uhr