Fund von Cold-Case-Abteilung: Kartonweise uralte Akten der Polizei Essen
Lokalzeit Ruhr. 29.07.2025. 02:26 Min.. Verfügbar bis 29.07.2027. WDR. Von Carsten Koch.
Es ist schon einige Jahre her, da war Dustin Wisnewski auf der Suche nach Akten. Wisnewski ist Leiter der Cold Case-Abteilung bei der Polizei Essen. Der Ermittler wollte Akten zu noch nicht gelösten Fällen finden. Also ist Wisnewski in den Keller des Essener Polizeipräsidiums gestiegen. Zwei Lagerräume gibt es dort, voll mit Dokumenten.
Bei der Suche stößt der Ermittler auf Akten, die wohl jahrzehntelang niemand mehr in den Händen hatte. Akten zu rund 40 Kriminalfällen im Ruhrgebiet. Wisnewski wagt vorsichtig einen Blick hinein, spürt das alte und vergilbte Papier in den Händen. "Es war für mich super spannend", sagt er. Für ihn ist schnell klar: "Der Keller ist nicht der richtige Ort, sondern diese herausragenden Akten müssen ins Archiv, um besser aufbewahrt zu werden."
Rund 100 Kartons mit alten Akten
Die alten Akten sind heute in grauen Kartons. Viele abgeheftet in grünen Pappordnern. Das Papier ist vergilbt, teilweise fehlen auch Stücke - die Folgen eines Wasserschadens im Keller des Polizeipräsidiums. Viele Akten enthalten alte Fotos von Tatorten, manches ist handgeschrieben, anderes mit der Schreibmaschine.
Der Inhalt der Akten: Vor allem Mord und Totschlag. Der älteste datiert aus dem Jahr 1927. In einer Akte geht es zum Beispiel um die Ermordung des SS-Mannes Arnold Guse im Jahr 1932. Anfangs wurde verbreitet, dass er von Kommunisten erschossen wurde. Im Laufe der Ermittlungen zeigte sich jedoch, dass der Schuss wohl von eigenen Leuten abgegeben worden war.
Besonderer Fund: Akte zur Entführung von Aldi-Gründer
Am spektakulärsten dürfte der Fund von Akten zur Entführung von Aldi-Gründer Theo Albrecht sein. Der Fall hat Ende 1971 ganz Deutschland in Atem gehalten. Am Ende wurde die damals riesige Summe von sieben Millionen Mark Lösegeld gezahlt. Albrecht kam nach 17 Tagen frei. Die beiden Entführer wurden gefasst und verurteilt. Mittlerweile sind sie tot.
Neue Ermittlungsansätze ergeben sich aus den gefundenen Akten nicht. "Es wird keine weitere Ermittlung erfolgen, es geht nur darum, das historisch zu bewerten", sagt Ermittler Wisnewski. Das gilt auch für die anderen gefundenen Akten.
Landesarchiv übernimmt Akten aus Essen
Der Leiter des Landesarchivs NRW, Frank Bischoff, freut sich über die Akten von Essens Polizeipräsident Andreas Strüve
Jetzt ist das Landesarchiv NRW für die Akten zuständig. Und hat mit den rund 100 Kartons zunächst einmal sehr viel Arbeit geerbt. Die Akten müssen erstmal aufbereitet werden: "Wir entnehmen Hefter und Heftklammern und wir reinigen die Akten mit kleinen Schwämmchen", sagt Sabine Eibl vom Landesarchiv NRW, "das ist quasi eine Wellness-Behandlung für die Akten." Anschließend werden Namen und Daten aus den Akten ins Archivsystem eingetragen. Alles Seite für Seite.
Eibl ist vor allem von den Fotos in den Akten spürbar begeistert: "Es sind Fotos von den 30ern bis in die 70er Jahre mit Ansichten von der Stadt Essen. Allein schon, wenn man sich die Wohnungen der Menschen aus den 50er Jahren ansieht, das ist Alltagsgeschichte." Die Fotos müssen noch einmal gesondert gelagert werden.
Datenschutz verhindert komplette Akteneinsicht
Die Arbeit der Restaurateure wird Monate dauern, so viel ist klar. Danach kann grundsätzlich jeder beim Landesarchiv Akteneinsicht anfragen. "Wir rechnen mit einer großen Nachfrage nach den Akten", sagt Frank Bischoff, Leiter des Landesarchivs. Wie viel Historiker und andere Interessierte dann sehen dürfen, unterscheidet sich von Fall zu Fall.
In den Akten tauchen viele persönliche Daten von Tätern, Zeugen und anderen auf. Schutzfristen regeln, dass solche Daten erst zehn Jahre nach dem Tod der Betroffenen herausgegeben werden dürfen. Die Akte zur Albrecht-Entführung zum Beispiel wird anfangs sicher nicht komplett zugänglich sein. Dafür wird sie, wie die anderen auch, jetzt professionell für die Ewigkeit erhalten.
Unsere Quellen:
- Dustin Wisnewski, Cold Case-Ermittler der Polizei Essen
- Sabine Eibl, Landesarchiv NRW
- Frank Bischoff, Leiter Landesarchiv NRW