Wie Warnwesten bei der Trauer helfen
02:44 Min.. Verfügbar bis 12.06.2028.
Die gelben Warnwesten stapeln sich im Auto der Familie Jochim. Jede einzelne trägt das Gesicht ihres Sohnes und das Logo der Luis Paulo Stiftung. Für Marcus und Lilian Jochim ist die Fahrt nach Hürth mehr als ein Termin. Sie führt zurück an den Ort, an dem sie vor einem Jahr ihren Sohn verloren haben.
Doch statt Wut bringen sie Hoffnung mit. Die Carl-Orff-Grundschule in Hürth ist für die Familie untrennbar mit dem 4. Juni 2025 verbunden. Denn nur knapp einen Kilometer von der Grundschule entfernt fährt damals ein BMW laut Gutachten bei Rot in eine Schülergruppe.
Zwei junge Menschen sterben
Der 25-jährige Schulbegleiter Luis Paulo und die zehnjährige Avin überleben nicht. Mehrere Kinder werden verletzt, viele kämpfen bis heute mit den Erinnerungen.
Ein Jahr danach steht die Familie heute auf dem Schulhof, wo Luis Paulo früher gearbeitet hat. Diesmal mit 930 Warnwesten für insgesamt elf Hürther Schulen.
Sekunden, die alles verändern
Die Unfallstelle in Hürth vor einem Jahr
Luis Paulo begleitet die Kinder damals über die Straße. Zeugenaussagen zufolge reagiert er sofort, schiebt noch mehrere Kinder zurück und rettet ihnen vermutlich das Leben. Dann wird er selbst von dem Auto erfasst.
Die Kinder tragen im letzten Sommer auf ihrem Weg zum Sportplatz Warnwesten - verhindern kann das die Tragödie jedoch nicht. Für seine Familie ist trotzdem schnell klar: Die Geschichte ihres Sohnes soll nicht mit dem schrecklichen Unfall enden.
Aus Trauer wird Hilfe
Nur wenige Monate nach dem Unfall gründen die Eltern und Geschwister die Luis Paulo Stiftung. Mit Spendenläufen, Kunstaktionen und Versteigerungen sammeln sie Geld für Projekte rund um Kindersicherheit.
Immer, wenn ich für unsere Stiftung aktiv bin, ist mein Sohn irgendwie ganz nah bei mir. Lilian Jochim, Mutter von Luis Paulo
Die Eltern von Luis Paulo und seine Geschwister Gustavo und Sofia
Die Warnwesten sollen künftig bei Fahrradtagen, Ausflügen und auf Schulwegen getragen werden – sichtbar, leuchtend und mit dem Bild von Luis Paulo.
Ein Vermächtnis für die Schulen
Für die Carl-Orff-Grundschule ist die Spende weit mehr als nur eine praktische Sicherheitsausstattung. Rund um den Jahrestag organisiert die Schule heute erstmals einen Verkehrssicherheitstag. Schüler und Lehrer sprechen über Sichtbarkeit, Vorsicht und Verantwortung im Straßenverkehr.
Westen sind immer noch nicht Standard in unseren Schulen. Sie erhöhen den Schutz für unsere Kinder. Zudem sind sie ein Zeichen unserer emotionalen Verbundenheit mit Luis Paulo und seiner Familie. Birgit Schneider, Schulleiterin Carl-Orff Grundschule
Die Schlange wird noch mit buntem Mosaik verziert
Besonders bewegend: Auch die Kinder, die den Unfall damals miterlebt haben, dürfen heute ihre Gedanken auf einer Gedenk-Schlange aus Beton verewigen. Dieses Kunstwerk liegt in der Nähe des Haupteingangs auf dem Schulhof und wird noch bunt verziert.
Kein Platz für Hass
Während vor dem Landgericht Köln noch kein Urteil gesprochen ist und weiter über Schuld und Verantwortung verhandelt wird, geht die Familie Jochim einen anderen Weg. Ohne Hass. Ohne Vergeltung.
"Luis hat immer auf andere aufgepasst. Er war einfach eine gute Seele", sagt Lilian Jochim mit Tränen in den Augen. An der Unfallstelle stehen bis heute Blumen, Kerzen und Fotos. Auf einem Bild lachen Avin und Luis Paulo gemeinsam in die Kamera.
Familie Jochim hoffe, dass die 930 gelben Westen künftig dafür sorgen, dass Kinder auf ihrem Schulweg besser gesehen werden. Das wäre mehr als nur Sicherheit. Es wäre ein Stück Luis Paulo, das weiterlebt.
Unsere Quellen:
- Beobachtungen der WDR-Reporterin vor Ort
- WDR-Gespräch mit Familie Jochim
- WDR-Gespräch mit Schulleiterin Birgit Schneider, Carl-Orff Grundschule
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Bonn, 12.06.2026, 19:30 Uhr
Sendung: WDR.de, Hürth: So helfen die Eltern des gestorbenen Schulbegleiters, 11.06.2026, 11:19 Uhr