Mindestlohn steigt: Nahaufnahme aus Xanten
Aktuelle Stunde . 27.06.2025. 37:44 Min.. UT. Verfügbar bis 27.06.2027. WDR. Von Julius Hilfenhaus.
Wenn man Julius Lümmen nach dem Mindestlohn fragt, muss der 25-Jährige erst einmal einmal tief einatmen. Was dieses Thema angeht, schlagen in der Brust des Juniorchefs der Xantener Metallbaufirma Janßen zwei Herzen. "Ich finde, jeder, der arbeitet, sollte gutes Geld verdienen", sagt er. Andererseits sieht er aber auch die Belastung, die in den kommenden Jahren auf ihn als Arbeitgeber und Unternehmer zukommt.
Denn am Freitag hat die Mindestlohnkommission in Berlin beschlossen, dass der Mindestlohn in zwei Schritten bis zum 1. Januar 2027 von derzeit 12,82 Euro auf 14,60 Euro steigen soll. Obwohl der Beschluss unter den von der SPD geforderten 15 Euro liegt, lobte Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) den Vorschlag, der genau so umgesetzt werden soll. Das wäre eine gute Nachricht für etwa sechs Millionen Menschen in Deutschland, so Bas.
Mehr Qualifikationen, mehr Lohn
Max Klimek arbeitet im Freizeitzentrum Xanten.
Und nicht nur für sie. Auch viele Beschäftigte, die schon jetzt mehr als den gesetzlichen Mindestlohn bekommen, profitieren von der Erhöhung. "Natürlich würde ich, wenn das kommt, auch nach einer Lohnerhöhung fragen", sagt Max Klimek, der schon länger im Freizeitzentrum Xanten arbeitet.
Unter anderem gibt der 20-Jährige Surfunterricht an der Xantener Südsee. "Dafür wurde ich zum Surflehrer mit zwei unterschiedlichen Lizenzen ausgebildet und habe einen Sportbootführerschein gemacht", sagt Klimek. Seiner Meinung nach sei es da angemessen, dass er mehr verdiene als beispielsweise ein Schüler oder eine Schülerin, die als Aushilfe arbeiten und diese Qualifikationen nicht haben. "Und wenn deren Lohn durch die Erhöhung des Mindestlohns steigt, sollte mein Lohn auch steigen", sagt der 20-Jährige.
Durch den Mindestlohn steigen auch die anderen Gehälter
Nikola Lümmen, Vorsitzende Interessengemeinschaft Gewerbetreibender Xanten
"Durch die Erhöhung des Mindestlohns wird genau diese Spirale in Gang gesetzt, die dann zum Problem für viele Firmen wird", sagt Nikola Lümmen, Vorstandsvorsitzende der Interessengemeinschaft Gewerbetreibender Xanten (IGX). So sieht das auch ihr Sohn Julius, in dessen Betrieb auch die ungelernten Mitarbeiter über Mindestlohn bezahlt werden.
"Wenn dieser dann angehoben wird, wollen diese Mitarbeiter natürlich auch eine Erhöhung, was wiederum dazu führt, dass die anderen Mitarbeiter auch mehr Lohn wollen", sagt Lümmen, der dafür durchaus Verständnis hat. Für ihn als Unternehmer wird das aber zu einer finanziellen Belastung. "Das führt dann dazu, dass man schaut, wo Sparpotenziale sind", sagt er. "Wir schauen dann beispielsweise, welche Tätigkeiten man automatisieren, also von Maschinen erledigen lassen könnte, um Personal zu sparen."
Julius Lümmen, Juniorchef von Metallbau Janßen in Xanten bei der Arbeit.
Automaten statt Mitarbeiter
Diesen Schritt sind Lukas Hegmann und Alina Stamsen zumindest teilweise schon gegangen. Das Paar betreibt den Höhnshof zwischen Xanten und Sonsbeck. In ihrem Hofladen gibt es diverse selbst produzierte Speiseöle, Fleisch von ihren Mastschweinen, aber auch Produkte anderer Landwirte aus der Region.
Lukas Hegmann und Alina Stamsen bewirtschaften zusammen den Höhnshof
Außerhalb der Öffnungszeiten können die Kunden sich die Waren aus Automaten im Vorraum des Geschäfts ziehen und mit Karte bezahlen. "So sparen wir auch Personal", sagt Hegmann. Denn die Produktion der Waren werde immer teurer - auch durch die Erhöhung des Mindestlohns.
"In der Landwirtschaft arbeiten wir viel mit Saisonkräften", so der Landwirt. "Die kommen aber eigentlich immer aus dem Ausland, beispielsweise Rumänien." Deutsche Mitarbeiter, die für den Mindestlohn arbeiten, seien schwierig zu bekommen. "Und daran wird auch die Erhöhung nichts ändern", sagt der 31-Jährige.
Alina Stamsen füllt einen Automaten mit Erdbeeren auf: "So sparen wir auch Personal".
Die Saisonarbeiter andererseits seien schon mit dem jetzigen Mindestlohn hochzufrieden. "Natürlich freuen sie sich, wenn sie noch einmal fast zwei Euro mehr bekommen", sagt Hegmann. "Sie würden aber auch für zehn Euro arbeiten, weil es mehr ist, als sie zuhause verdienen."
Wie werden die Mehrkosten finanziert?
Ludwig Ingenlath, Leiter des Freizeitzentrums Xanten
Auch im Freizeitzentrum Xanten werden vor allem in der Hochsaison Mitarbeiter gebraucht. Diese kommen aber nicht aus dem Ausland, sondern meist aus der Region. Schüler und Studenten helfen in der Gastro, beim Bootsverleih, aber auch am Strandbad. "Dafür bilden wir die Mitarbeitenden selbst aus, damit sie dann zum Beispiel ihren Rettungsschein Silber machen können, um als Rettungskräfte zu arbeiten", sagt der Leiter des Freizeitzentrums, Ludwig Ingenlath.
Auch bei ihnen gebe es durch die Erhöhung des Mindestlohns einen Domino-Effekt, sagt Ingenlath. "Einem Festangestellten ist es schwer zu erklären, wenn er am Ende weniger pro Stunde bekommt, als ein Mini-Jobber", sagt er. "Also muss auch sein Lohn steigen". Diese Kosten will er aber nicht an die Kunden weitergeben.
"Wir haben auch eine Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber", sagt der Betreiber der Xantener Süd- und Nordsee. Er ist der Meinung, dass es für jeden erschwinglich sein sollte, zum Schwimmen an den See zu kommen. Genau deshalb erhalte sein Unternehmen auch öffentliche Förderung.
Dass die Erhöhung des Mindestlohns kommt, können die Unternehmer in Xanten nicht ändern. "Wir werden uns damit arrangieren müssen", sagt Ingenlath.
Unsere Quellen:
- Interview mit Max Klimek, Mitarbeiter des Freizeitzentrums Xanten
- Interview mit Ludwig Ingenlath, Leiter des Freizeitzentrums Xanten
- Interview mit Nikola Lümmen, Vorsitzende der Interessengemeinschaft Gewerbetreibender Xanten
- Interview mit Julius Lümmen, Juniorchef von Metallbau Janßen in Xanten
- Nachrichtenagentur dpa
Über dieses Thema berichten wir am 27. Juni 2025 auch im WDR Fernsehen: Aktuelle Stunde um 18.45 Uhr.