Vorfreude bei Mexiko- und Südafrika-Fans im Rheinland

03:58 Min. Verfügbar bis 11.06.2028

Erstes WM-Spiel Vorfreude bei Mexiko- und Südafrika-Fans im Rheinland

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Am Donnerstagabend startet die WM mit dem Spiel Mexiko gegen Südafrika. Die Vorfreude bei Vertretern beider Nationen ist groß.

"Viva México! Das ist unser Lebensgefühl!" - Leticia Santaollala de Schroer lacht, schwingt ihren bunten Rock zur Musik und strahlt. Die Welt wird nach Mexiko blicken: Endlich Eröffnungsspiel im Estadio Azteca in Mexiko-Stadt nach deutscher Zeit um 21 Uhr. Gastgeber Mexiko gegen Südafrika. Doch nicht nur im Stadion brennt die Leidenschaft - auch hier am Niederrhein. Mexikaner und Südafrikaner fiebern dem Anpfiff entgegen. Denn Sportereignisse wie die WM sind mehr als nur Fußball: Sie sind Heimat auf Zeit, Gemeinschaft, Identität.

Die Tänzerin Judith Reyes des Spiss aus der Tanzgruppe Viva México tanzt in farbrohem Gewand zusammen mit anderen Tänzerinnen der Tanzgruppe.

Die Tänzerin Judith Reyes des Spiss aus der Tanzgruppe Viva México stimmt mit ihren Tänzerinnen auf die WM ein.

Röcke, Rhythmus und ein bitterer Beigeschmack

"Wir sind so geboren - mit unserer Freude, unserem Temperament", ruft Judith Reyes des Spiss und es klingt fast so euphorisch wie Fangesang im Stadion. Dabei ist es Düsseldorf, Tanzprobe der Gruppe Viva México. Aus den Boxen dröhnt traditionelle Musik, jemand ruft "Aplausos por favor!" - und alle jubeln. Santaollala de Schroer und Reyes des Spiss leben ihre Kultur und der Fußball gehört dazu: Derselbe Rhythmus, dieselbe Leidenschaft. Doch Santaollala de Schroer zieht kurz die Stirn kraus: "Mindestens 60 Prozent der Mexikaner lieben Fußball - aber die Tickets sind so teuer! Normale Bürger können sich das nicht leisten, das finde ich sehr schade." Der Jubel bleibt - aber er hat einen Riss.

Wenn Außenseiter auf der Weltbühne stehen

Während Mexiko zu den bedeutenderen Fußballnationen zählt, müssen sich Mannschaften wie die aus Südafrika erst einmal beweisen und ins Bewusstsein der Fans dribbeln. Auch das Hochgefühl angesichts so eines Ereignisses scheint da besonders zu sein. "Die Fußball-Euphorie in kleineren Ländern gleicht oft einem einmaligen Party-Ereignis, da diese Länder nicht so häufig an Weltmeisterschaften teilgenommen haben", sagt der ehemalige Profifußballer und Sportpsychologe Martin Meichelbeck aus Düsseldorf.

So beobachtet er "eine pure Freude am Ereignis und den Stolz, dabei zu sein und in der Welt wahrgenommen zu werden, aber auch der Welt und der Öffentlichkeit das eigene Land näher zu bringen, beispielsweise durch seine spezielle Feier- oder Tanzkultur, aber auch auf die Probleme im eigenen Land hinzuweisen". Die Teilnahme an einer Weltmeisterschaft erhöhe die wahrgenommene Wertigkeit eines Landes und öffne diesem Land wieder neue Türen auf verschiedenen Ebenen.

Ein Kontinent, ein Traum, 50 Jahre Warten

Der Krefelder Organisator des Afro-Food-Festivals Keita Bangaly, der eine beigefarbene New-York-Yankees-Cap trägt.

Der Krefelder Keita Bangaly organisiert das Afro-Food-Festival.

"Das ist Kalullu!", sagt die junge Frau aus Angola und rührt in dem großen Topf - sie macht einen traditionellen und herzhaften Eintopf. Duft nach Gewürzen, Familiengefühl unter freiem Himmel: Es ist das erste Afro-Food-Festival in Krefeld, das Keita Bangaly organisiert hat. Bangaly kommt aus Guinea, doch sein Herz schlägt heute für? "Für Kongo", sagt er lachend, "Kongo ist seit über 50 Jahren das erste Mal wieder bei einer Fußball-WM." Klar, er drücke Südafrika beim Eröffnungsspiel die Daumen, sagt der 34-Jährige, aber er hoffe, das Kongo es mindestens ins Viertelfinale schaffe. "Im Fußball ist alles möglich."

Wenn das Herz zwei Heimaten hat

TV, Radio und Social Media - die Technik macht es immer mehr möglich, das Millionen Menschen über den gesamten Erdball hinweg das Eröffnungsspiel feiern. "Und zwar gleichzeitig", betont Jan Haut, Sportsoziologe an der Uni Göttingen. Er beschäftigt sich damit, welche Rolle Sport in der Gesellschaft spielt und wie soziale Faktoren den Sport beeinflussen. Gerade für Menschen fern der Heimat werde das Turnier so etwas wie ein emotionaler Anker, meint er.

Wer in Neuss lebt und Wurzeln in Mexiko oder Südafrika hat, zieht ein Trikot über und fühlt sich verbunden. "Erst recht, wenn die Tore fallen und der Erfolg sichtbar wird", berichtet Haut und kann das mit Forschung belegen: "Der Nationalstolz wächst mit jedem Sieg der eigenen Mannschaft", weiß er. Aber er warnt auch: Aus Begeisterung könne "Party-Patriotismus" werden - wenn Euphorie in Ausgrenzung umschlägt. Deshalb sein Wunsch: "Ein Fest, bei dem man die Vielfalt der Welt friedlich erlebt."

Herausforderungen statt Boom für die Gastronomie

Die Fußball-WM ist aus sport-gastronomischer Sicht das Highlight in diesem Jahr, wie Thorsten Hellwig, Pressesprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) NRW, sagt. "Allerdings fällt die Erwartung vieler Gastronomiebetriebe in Deutschland und damit natürlich auch rund um Düsseldorf deutlich zurückhaltender aus als im Vergleich vor allen Dingen zur Europameisterschaft 2024 im eigenen Land." Das gelte natürlich im Besonderen für den Austragungsort Düsseldorf mit einigen Spielen und Zehntausenden von internationalen Fans. Die Rahmenbedingungen der WM 2026 seien zudem grundsätzlich herausfordernder. "Ein flächendeckender Umsatzschub ist in diesem Jahr unwahrscheinlich", sagt Hellwig. Ein wesentlich limitierender Faktor sind seiner Einschätzung zufolge die Austragungsorte und die daraus resultierenden Anstoßzeiten: Aufgrund der Zeitverschiebung werden zahlreiche Spiele in Deutschland erst spätabends oder nachts ausgestrahlt.

Historisch groß - die WM 2026

Die Fußball-Weltmeisterschaft findet erstmals gleichzeitig in drei Ländern statt: USA, Kanada und Mexiko. Das Turnier läuft vom 11. Juni bis 19. Juli 2026. Insgesamt werden 104 Spiele ausgetragen - so viele wie bei keiner Weltmeisterschaft zuvor. Das erste Deutschlandspiel findet am 14. Juni um 19 Uhr in Houston (USA) gegen Curaçao statt.

Tacos, frittierte Grashüpfer und über 3.000 Jahre Fußball

"In Mexiko machen wir eine große Party für alle - das vermisse ich. Meine Leute." Ledya Lopez lacht und wer einmal mit ihr in der Kochwerkstatt Düsseldorf stand, weiß: Mexiko gibt es auch am Rhein. Seit fünf Jahren holt sie mit ihren Kochkursen Menschen in eine Welt, die nach Chilli, Koriander und Großmutters Geheimnissen duftet.

Musiker Jean Carlos Giraldo Ante in einem traditionellen mexikanischen Musikeroutfit und Ledya Lopez von der Kochwerkstatt Düsseldorf im Fußballtrikot Mexikos.

Der mexikanische Musiker Jean Carlos Giraldo Ante und Ledya Lopez von der Kochwerkstatt Düsseldorf fiebern dem Start der WM entgegen.

Wer mutig ist, trinkt einen Mezcal und beißt danach in einen frittierten Grashüpfer. Fußball, erklärt Lopez, war schon bei den Maya Ritual - vor über 3.000 Jahren. Heute ist er mexikanische Seele wie Tortillas und Musik. Ihr einziger Kritikpunkt: Die WM über drei Länder mache Reisen für Fans unbezahlbar. Doch dann wischt sie den Ärger beiseite, rückt ihre traditionelle Blumenkrone im Haar zurecht und gibt dem Gitarristen das Zeichen. Der greift in die Saiten - und Lopez strahlt wieder, denn sie weiß: "Auch hier in Deutschland kann man mit Fußball viel Spaß haben!"

 

Unsere Quellen:

  • Beobachtungen der WDR-Reporterin bei Veranstaltungen in Düsseldorf und Krefeld
  • Gespräch der WDR-Reporterin mit Ledya Lopez von der Kochwerkstatt Düsseldorf
  • Interview mit Martin Meichelbeck, ehemaliger Profifußballer und Sportpsychologe
  • Interview mit Jan Haut, Sportsoziologe und Professor für Sport- und Gesundheitssoziologie an der Universität Göttingen
  • Interview mit Thorsten Hellwig, Pressesprecher Dehoga NRW

Sendung: WDR.de, Vorfreude bei Mexiko- und Südafrika-Fans im Rheinland, 11.06.2026, 13:30 Uhr

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