Reanimation | Kurzvideo
00:42 Min.. Verfügbar bis 09.07.2027.
Wiederbelebung als Unterrichtsfach: Warum das für Schüler sinnvoll ist
Stand:
"Prüfen – Rufen – Drücken": Die Wiederbelebung wird ab dem Schuljahr 2026/27 Teil des Schulunterrichts. Endlich, finden Experten. Denn man könne gar nicht früh genug damit anfangen, junge Menschen für Notfälle zu sensibilisieren.
Mathe, Deutsch, Englisch, das steht alles schon lange auf dem Stundenplan in der Schule. Ab dem Schuljahr 2026/27 kommt aber noch Reanimationsunterricht dazu. Ziel dieser Idee ist, alle Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I mit dem lebensrettenden Schema "Prüfen – Rufen – Drücken" vertraut zu machen. Die Laien-Reanimation kommt also an die Schulen von NRW.
Wie wichtig es ist, mit der Wiederbelebung vertraut zu sein, weiß Sina Wosnig. Mit 15 Jahren hatte sie eine Ausbildung für Laien-Reanimation gemacht. Einige Jahre später reanimierte sie ihren Vater, der mit einem Herzstillstand in einer Gastwirtschaft zusammengebrochen war: "Das Wichtigste ist, dass man einfach sofort macht, sofort loslegt", erzählt sie dem WDR. So konnte sie das Leben ihres Vater retten.
Mediziner erleichtert: "Das war lange überfällig"
Nun kommt "Prüfen – Rufen – Drücken" an die Schulen in NRW. Schulministerin Dorothee Feller (CDU) hat die Initiative der Laien-Reanimation gemeinsam mit Stiftungen, Ärztekammern, Hilfsorganisationen und medizinischen Fachgesellschaften auf den Weg gebracht. Dafür sollen rund 2.100 Schulen mit je zehn Übungspuppen ausgestattet werden.
Bald Pflicht: Wiederbelebungsunterricht an Schulen | WDR aktuell
01:50 Min.. Verfügbar bis 09.07.2027.
"Das war lange überfällig", sagt Chefarzt Frank Eberhardt vom Evangelischen Krankenhaus Köln-Kalk, einem sogenannten Cardiac Arrest Center (CAC). Diese CAC sind zertifizierte Kliniken, die sich auf die Weiterbehandlung von Patienten mit Herz-Kreislaufstillstand spezialisiert haben.
Reanimation üben wird Pflicht an Schulen
"Der Weg, nun über die Schulen zu gehen, ist absolut sinnvoll. So wird schon den jungen Leuten die Angst genommen und sie werden für dieses Thema sensibilisiert", so der Kardiologe im Gespräch mit dem WDR. Schulungen in der Laien-Reanimation hält Eberhardt für enorm wichtig: "Schließlich erleben die wenigsten Menschen einen Herzstillstand, wenn gerade ein Arzt in der Nähe ist."
Überlebenschancen steigen, wenn früh mit Laien-Reanimation begonnen wird
Dem pflichtet Kalle Heitkötter bei: "Durch die Ausbildung an der Schule wird den jungen Menschen die Hemmschwelle genommen. Es gibt gute Daten für beeindruckende Steigerungen der Reanimationsraten. Und die Hoffnung ist, dass die Bereitschaft zu reanimieren ein Leben lang anhält", sagt der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes Düsseldorf zum WDR. "Mit entsprechender Ausbildung gehen die Menschen dann unbefangener an eine solche Reanimation heran. Das ist wichtig, weil die ja oft bei einem nahestehenden Menschen durchgeführt wird", erklärt er.
Heitkötter sagt, dass das "Überleben viel wahrscheinlicher wird, wenn mit der Reanimation früher begonnen wird, auch durch Laien. Das den Menschen so früh wie möglich einzuprägen, ist sehr sinnvoll", so der Notarzt.
Auch Schüler erleben Notfallsituationen
Viele Schulen haben das schon erkannt. Am Otto-Hahn-Gymnasium (OHG) in Monheim am Rhein werden die Schüler schon seit vier Jahren regelmäßig in Erster Hilfe unterrichtet. "Das fängt schon in der 5. Klasse mit leichten Übungen an wie die Rettungskette zu starten", sagt Rebecca Koch, die am OHG als Lehrerin arbeitet, aber nebenberuflich noch als Rettungssanitäterin im Rettungswagen im Einsatz ist. Koch freut sich, dass die Laien-Reanimation nun Bestandteil des Unterrichts wird. "Schließlich passieren die meisten Notfälle im Alltag." Am OHG erhalten 500 bis 600 Schüler pro Jahr Lektionen in Erster Hilfe.
Die Schüler berichten häufiger davon, dass sie zum Beispiel zuhause in Notfallsituationen geraten sind und dann helfen konnten Rebecca Koch, Lehrerin am Otto-Hahn-Gymnasium in Monheim am Rhein
"Da hatte der Bruder den Arm gebrochen und die Kinder konnten helfen." Es müsse ja auch nicht immer gleich die Reanimation sein, so Koch. "Es kann auch eine Ohnmacht sein. Wichtig ist, zu erkennen, ob ein Herzstillstand vorliegt. Viele Menschen sind in solchen Situationen nicht handlungsfähig. Deshalb müssen wir eine Handlungsfähigkeit entwickeln, damit die Kinder angesichts eines Notfalls nicht in eine Schockstarre fallen, sondern einfach helfen", erläutert Koch.
Schüler sind auch offen für Schulsanitätsdienst
Dass die Schüler mit der Aufgabe einer Reanimation überfordert werden, glaubt Heitkötter nicht. "Schüler und Lehrer sind normalerweise mit großer Begeisterung bei der Ausbildung dabei." Diese Erfahrung macht auch David Finger immer wieder. Er ist Lehrer an der Gesamtschule Rodenkirchen im Süden Kölns. Die Schule betreibt einen Schulsanitätsdienst, Finger bildet die Schüler zu Schulsanitätern aus.
"Wir machen das in der 8. Klasse, wenn die Schüler körperlich und geistig so weit sind, diese Verantwortung übernehmen zu können", erzählt er im Gespräch mit dem WDR. "Die Schüler müssen sich darauf schriftlich bewerben. Und wir haben jedes Mal mehr Bewerber als wir benötigen", so Finger, der geschulter Ausbilder für Erste-Hilfe-Kurse ist.
Und in Rodenkirchen erhalten die Schüler noch ein Bonbon für ihren Einsatz: Vor den Sommerferien geht es auf einen kleinen Lehrgang. In einer Jugendherberge im Kölner Umland frischen die Schulsanitäter dann ihr Wissen auf und steigen dabei auch tiefer in die Erste Hilfe ein: "Wir legen Wert auf Schülerkrankheiten, zum Beispiel Allergien. Da lernen unsere Schüler dann beispielsweise, was bei einem anaphylaktischen Schock zu tun ist", erläutert Finger.
Ab dem Schuljahr 2026/27 wird der Reanimationsunterricht an Schulen in der Sekundarstufe I verpflichtend eingeführt. Aber für viele Schulen im Land ist es jetzt schon selbstverständlich, die Schüler auf einen Notfall vorzubereiten.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Frank Eberhardt, Chefarzt am Evangelischen Krankenhaus Köln-Kalk
- Gespräch mit Kalle Heitkötter, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes Düsseldorf
- Gespräch mit Rebecca Koch, Lehrerin am Otto-Hahn-Gymnasium in Monheim am Rhein
- Gespräch mit David Finger, Lehrer an der Gesamtschule Rodenkirchen
- Aussendung vom Schulministerium NRW
- Nachrichtenagentur dpa
Video: Christine Schuller und Henri Katzenberg (Grafik), Sabine Schmitt (Recherche), Cleo Fee Thomas und Laura Fabienne Riedel (Produktion und technischer Support), Ildiko Holderer (Redaktion)
