Gleich zwei Pflegeheimen in NRW drohte in den vergangenen Wochen das Aus. In beiden Fällen kam die Rettung in letzter Minute: Die Seniorenresidenz des Betreibers Ambiente Care in Unna bekommt eine Übergangsverwaltung. Für ein Heim in Velbert hat sich zum 1. Mai ein neuer Betreiber gefunden. Am Montag meldete die Pflegeheim-Kette Ambiente Care Süd Insolvenz an.
Deutschlandweit mussten seit Anfang 2023 laut Arbeitgeberverband Pflege 1.143 Pflegeeinrichtungen schließen oder Insolvenz beantragen. Darunter Firmen wie Convivo Holding, Dorea oder Curata Care Holding.
Für Pflegeheimbewohner und Angehörige klingt das häufig unverständlich: Preise für eine Heimunterbringung sind enorm, Tendenz steigend. In diesem Jahr kostet ein Heimplatz in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 3.582 Euro Eigenbeteiligung im ersten Aufenthaltsjahr. Die Pflegekassen zahlen dazu 15 Prozent Zuschuss im ersten Jahr, später bis zu 75 Prozent.
Warum also kann ein Pflegeheim trotz dieser hohen Sätze nicht einwandfrei funktionieren? Fragen und Antworten.
Woraus setzen sich die Kosten für einen Heimplatz zusammen?
- Pflegesatz: Abhängig vom Pflegegrad, den der Medizinische Dienst für einzelne Betroffene ermittelt, erhebt das Heim einen Grundbetrag. Der wird zum Teil von der Pflegekasse und zu einem Eigenanteil von den Bewohnern bezahlt.
- Kosten für Unterkunft und Verpflegung (sogenannte "Hotelkosten"). Werden komplett von den Bewohnern bezahlt.
- Investitionskosten: Der Betrag, den Betreiber für Herstellung, Anschaffung und Instandsetzung ihrer Gebäude und technischen Anlagen kalkulieren.
- Ausbildungsumlage: Der Anteil, den ein Heim in den landesweiten Ausbildungsfonds einzahlen muss.
Wie finanziert sich ein Altenpflegeheim?
Pflegeheime kalkulieren eigene Preise, die sehr unterschiedlich ausfallen können. Grundsätzlich setzt sich die Finanzierung aus mehreren Einnahmequellen zusammen:
- Dem Beitrag aus den Pflegekassen: Der ist abhängig vom Pflegegrad und wird vom Medizinischen Dienst bewertet (Pflegegrad 2: 805 Euro, Pflegegrad 3:1.319 Euro, Pflegegrad 4: 1.855 Euro, Pflegegrad 5: 2.096 Euro).
- Einem Eigenanteil der Bewohner.
- Zuschüsse vom Sozialamt oder Land.
- Eventuell Wohngeld einzelner Bewohner.
Steigen die Löhne der Pflegekräfte, steigen auch die Pflegesätze - und damit der Eigenanteil der Heimbewohner.
Wieso kann ein Pflegeheim insolvent gehen?
Pflegeheime waren für private Investoren sogar mal beliebte Renditeobjekte: Sie galten als sichere Anlage. Mittlerweile aber sei es vor allem für Häuser mit nur einem Standort schwierig, stellt das auf den Gesundheitsbereich spezialisierte Wirtschaftsprüfungsunternehmen Curacon fest.
Die Gründe für finanzielle Probleme oder sogar Insolvenzen sind vielfältig:
- Als Hauptgrund nennen viele Beobachter der Branche die oft verzögerte Zahlung der Krankenkassen. Die Leistungen der Heime und Dienste würden meist nicht zeitnah bezahlt, sagt Isabell Halletz, Geschäftsführerin beim Arbeitgeberverband Pflege (AGVP). "Das türmt sich bei den Pflegeunternehmen zu sechs- bis siebenstelligen Summen auf."
- Oft überhöhte Mieten für die Immobilien. Viele Träger würden außerdem die Bedeutung der Investitionskosten unterschätzen, stellt Curacon fest. 44 Prozent der Einrichtungen hätten ihre Kostenkalkulationen dafür in den vergangenen fünf Jahren nicht angepasst.
- Dauerthema Personalmangel: Zuletzt meldet die Bundesagentur für Arbeit, dass es in NRW in den Pflegeberufen im Schnitt mehr als fünf Monate dauert, bis eine offene Stelle neu besetzt werden kann. Pflegeheime, denen Personal fehlt, können nicht alle Betten belegen - und geraten so schnell in die finanzielle Abwärtsspirale.
Die allseits genannte wirtschaftliche Formel zeigt den Druck, der hinter der Branche steht: Sind weniger als 98 Prozent der Plätze belegt, rutscht laut Verband der Alten- und Behindertenhilfe eine Einrichtung in die roten Zahlen. Das kann bei Personalmangel schnell passieren.
In der Branche gebe es außerdem "ein Problem mit den Pflegeheimbetreibern, die richtig hohe Gewinne machen wollen", sagte Stefan Sell, Professor für Sozialwissenschaft an der Hochschule Koblenz, am Mittwoch dem WDR. "Das ist im deutschen Pflegemarkt nur schwer möglich - oder auf Kosten des Personals und der Bewohner." Im Fall der jetzt insolventen Kette Ambiente Care seien es zwei "fachfremde Leute", die das Geschäft betrieben hatten, Geldgeber sei eine reiche saudi-arabische Familie.
Spekulationsobjekt Pflegeheim: "Haben ein Riesenproblem"
WDR 5 Morgenecho - Interview. 08.04.2026. 08:22 Min.. Verfügbar bis 08.04.2027. WDR 5.
Wie viele Heime in NRW mussten schließen?
Im Jahr 2025 meldeten insgesamt zehn vollstationäre Pflegeheime in NRW Insolvenz an. Das gab die Landesregierung bekannt. Komplett schließen musste demnach aber nur ein Pflegeheim mit 33 Plätzen und eine Einrichtung mit 82 Plätzen. "In der überwiegenden Anzahl der gemeldeten Überschuldungen oder Zahlungsunfähigkeiten kommt es zu keiner Schließung", heißt es. Die betroffenen Einrichtungen würden häufig von anderen Betreibern übernommen und weitergeführt.
Was tun, wenn das Heim wegen finanzieller Schieflage schließt?
Zunächst muss das Pflegeheim eine ordentliche Kündigung schreiben. Die ist nur unter sehr besonderen Umständen möglich - dazu gehört auch eine Insolvenz. Aber auch dann darf der Betreiber die Bewohner theoretisch nicht einfach auf die Straße setzen. Die Verbraucherzentrale rät in diesem Fall dennoch, keine Zeit zu verlieren und ein neues Pflegeheim zu suchen.
Im Fall von Ambiente Care muss man fast von Insolvenzverschleppung sprechen, denn das Unternehmen habe schon seit Monaten "in den Seilen gehangen", dem Personal keine Löhne gezahlt.
Wie viele Pflegeheime gibt es?
Laut dem Branchendienst pflegemarkt.com gab es Ende Oktober 2025 in Deutschland 11.646 vollstationäre Pflegeheime - 2.344 davon in NRW. Das seien 36 Pflegeheime weniger als im Vorjahr - ein Rückgang von 0,9 Prozent. Insgesamt gab es rund 914.000 Plätze - knapp 185.000 davon in Nordrhein-Westfalen. Die durchschnittliche Platzzahl in einem Pflegeheim liegt bei etwa 78 Plätzen. Etwa ein Drittel der Heime in NRW sind in privater Hand.
Auf dem Markt ist es ein "Kommen und Gehen": Während 2024 insgesamt 111 Heime dicht machten, kamen 113 Häuser neu dazu. Im ersten Halbjahr 2025 wurden bereits 50 Pflegeheime eröffnet und 45 Pflegeheime geschlossen. 231 Heime werden derzeit gebaut.
Stehen Pflegeheime in kommunaler oder gemeinnütziger Hand besser da?
Etwa die Hälfte der großen stationären Pflegeheime wird von gemeinnützigen Trägern betrieben - katholischen, evangelischen oder etwa dem Deutschen Roten Kreuz. Die andere Hälfte ist in privater Hand. Der Anteil der kommunalen Träger ist verschwindend gering.
Die Einnahmen sind in allen Heimen dieselben. Pflegeheime in kommunaler oder gemeinnütziger Hand sind in der Regel weniger auf Gewinnmaximierung angewiesen als private Heime. Verluste können eher durch die Kommune abgefedert werden.
Kommunal oder gemeinnützig heißt aber nicht automatisch billiger für Bewohner: Laut dem Pflegeheim Rating Report 2024, den das RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung veröffentlichte, sind Heime in privater Trägerschaft besonders in Westdeutschland kostengünstiger als öffentlich-rechtliche oder freigemeinnützige Heime.
Unsere Quellen:
- Infoseite des Bundesgesundheitsministeriums
- Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit
- Deutsches Ärzteblatt
- Homepage Verband der Ersatzkassen (VDEK)
- Portal "Pflegemarkt.com"
- Wirtschaftsprüfungsunternehmen Curacon
- Pflegeheim Rating Report 2024 vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung
- Antwort der Landesregierung vom 27.02.2026 auf Kleine Anfrage der SPD
Sendung: WDR 5, Morgenecho, 08.04.2026, 6:00 Uhr
Kommentare zum Thema
Durch permanenten Personalmangel oder Ausfälle durch einen hohen Krankenstand werden oft mit Leasingkräften ausgeglichen, um die Bewohner zu versorgen. Diese Kräfte kosten oft bis zum dreifachen Stundenlohn. Das sind sehr hohe Kosten. Die Zahlungsmoral ist gesunken, beim Bewohner sowie die lange Bearbeitungszeit beim Sozialamt. Die Heime gehen hier immer in Vorleistung.
Lieber bernd, die genaue aufschlüsselung lässt sich zb über die AOK raus finden
Wenn ein Betreiber Sell and lease back macht um Freiraum zu bekommen für den Betrieb dann ist er schon tot. Wenn die Miete schon 5-6%vom Bauneupreis ausmacht reicht der Pflegesatz schon nicht mehr aus. Und es gibt Investoren die noch mehr abkochen. Man verkauft auch nicht seine Autoreifen um den Innenraum neu zu gestalten. Unfähiges Management!