Studie der Uni Münster: Jede:r fünfte Muslim und Muslima in Deutschland fühlt sich gekränkt
Lokalzeit Münsterland. 11.06.2025. 02:29 Min.. Verfügbar bis 11.06.2027. WDR. Von Hartmut Vollmari.
Etwa 2.000 Musliminnen und Muslime in Deutschland wurden zwischen Juli 2023 und April 2024 für die Studie befragt. Dem Forschungsteam gehören Soziologen, Psychologen und Theologen an.
Im Kränkungsgefühl gefangen
Ein Ergebnis lautet: Muslime, die sich permanent gekränkt, benachteiligt oder zurückgewiesen fühlen, entwickeln teilweise sogenannte Ressentiments, ein Gefühl von Unterlegenheit, Neid und Abneigung. Laut Forschungsteam haben gerade diejenigen ein größeres Risiko, sich zu radikalisieren, als andere.
Muslime, die mit ihrem Leben in Deutschland im Großen und Ganzen zufrieden sind, tendieren nicht dazu, weil sie sich anerkannt und integriert fühlen, sagt das Forschungsteam.
Fast jeder Fünfte kennt Negativgefühle
Letztere seien die Mehrheit, betonte Studienleiter Mouhanad Khorchide vom Zentrum für Islamische Theologie an der Uni Münster am Montag bei der Präsentation der Studienergebnisse. Aber: "Rund ein Fünftel der 1.887 befragten Muslime verspürt Ressentiments, die in Kombination mit anderen Faktoren eine Radikalisierung begünstigen können", so der Studienleiter. Doch daraus solle man nicht falsche Schlüsse ziehen.
"Nicht jeder mit einem Ressentiment muss in die Radikalisierung abgleiten oder gar Extremist werden." Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, Zentrum für Islamische Theologie Uni Münster
Kränkungsgefühle seien allerdings nur ein Faktor von vielen, die eine Radikalisierung begünstigen können. Das Risiko für die Betroffenen ist, dass sie schneller in die Fänge von Islamisten geraten könnten. Die sprächen nämlich gezielt Menschen mit solchen negativen Gefühlslagen an, um sie dann gegen die deutsche Gesellschaft aufzuhetzen.
Konsequenzen für Integrationsarbeit
Das Forschungsteam um Mouhanad Khorchide will für diese Zusammenhänge sensibilisieren. Es fordert Maßnahmen auszubauen und gezielt zu fördern, die Muslime in ihrer Zugehörigkeit zur Gesellschaft bestärken und positiv wirken, wo Muslime Anerkennung und Teilhabe erfahren und ein gutes Gefühl für sich und ihr Umfeld entwickeln.
Das hält auch Serhat Ulusoy für dringend erforderlich. Er ist Sprecher der türkischen Gemeinden in Nordrhein-Westfalen und zugleich stellvertretender SPD-Bürgermeister in Ahlen, einer Stadt im Kreis Warendorf mit einem großen muslimischen Bevölkerungsanteil. Ulusoy plädiert für eine gezieltere Arbeit mit jungen Muslimen.
Gezielte Integration gefordert
Serhat Ulusoy aus Ahlen
"Die Integration sollte dort passieren, wo auch die Menschen sind, die Unterstützung benötigen", sagte Ulusoy. Das sieht er nicht in jedem Fall gegeben. "Flüchtlinge zum Beispiel: Wir müssen sie auch in der Gesellschaft ankommen lassen, sie aufnehmen und ihnen Möglichkeiten bieten."
Die Studie der Uni Münster wollte Ulusoy nicht bewerten. Dafür müsse er sie im Detail kennen. Falsch wäre zu denken, dass 20 Prozent der Muslime in Deutschland anfällig für Radikalisierung seien. Dieser Fehlinterpretation ist das Forscherteam am Montag entschieden entgegen getreten.
Quelle:
- Forschungsteam der Universität Münster
- Pressekonferenz mit Studienleiter Prof. Dr. Mouhanad Khorchide