Gewalt auf dem Schulhof: Grundschüler in Mönchengladbach lernen Konflikte friedlich zu lösen
WDR. 03:15 Min.. Verfügbar bis 28.05.2028.
"Halt, Stopp! Ich will das nicht!", ruft Farah Natour bestimmt und streckt ihre Arme mit flachen Handflächen nach vorne. Vor ihr steht Anti-Gewalt-Trainer Zouhair El Boudali. Er versucht, ihren Arm zu packen und sie mit sich zu ziehen. Doch die Achtjährige lässt sich nicht beirren. Laut schreit sie: "Nein!" Trainer El Boudali klatscht in die Hände. "Gut gemacht", sagt er. Die anderen Kinder klatschen mit. Die Übung ist Teil des Anti-Gewalt-Trainings an der Grundschule Mülfort-Dohr in Mönchengladbach.
Prävention statt Eskalation
Anti-Gewalt-Coach Zouhair El Boudali
Seit Februar kommt Anti-Gewalt-Trainer El Boudali einmal pro Woche für anderthalb Stunden an die Gemeinschaftsgrundschule Mülfort-Dohr in Mönchengladbach. Hier leitet er die Anti-Gewalt-AG. Ziel des Projekts ist es, das Selbstbewusstsein der Schüler zu stärken, damit sie auf Provokationen nicht mit Gegengewalt reagieren. "Die Kids lernen bei mir, eine klare, vor allem innere Haltung zu haben. Wenn sie beleidigt werden oder ihnen jemand zu nahe tritt, sollen sie sagen: Hey, Stopp! Bis hierhin und nicht weiter", sagt El Boudali.
Mit Rollenspielen und gezielten Übungen lernen die Kinder, friedlich miteinander umzugehen und Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Dabei geht es auch darum, an wen sie sich wenden können, wenn sie alleine nicht mehr weiterkommen. "Ich kann immer zu meiner Mutter gehen oder zu einer Lehrerin und die helfen mir und beenden den Streit", sagt Farah.
Schulpausen nicht ohne Konflikte und Streit
Sozialpädagogin Joelina Major
An der Grundschule Mülfort-Dohr kommt es immer wieder zu Konflikten. "Auf dem Schulhof beleidigen sich oft Kinder und schlagen oder treten sich. Auch ich werde beleidigt. Oft werden Kinder abgeholt, weil sie gewalttätig geworden sind", sagt Leon Dreschla. Auch Sozialpädagogin Joelina Major bekommt die Streitereien auf dem Schulhof mit und muss immer wieder schlichten.
"Wir sind hier in einem sozialen Brennpunkt, in dem es nicht immer gelingt, den Schulalltag gewaltfrei zu gestalten. Mit der AG wollen wir die Kinder frühzeitig unterstützen." Joelina Major, Sozialpädagogin
Gewalt an Grundschulen in NRW steigt
Gewalt an Schulen ist ein wiederkehrendes Thema. Das zeigt auch eine Auswertung der Robert Bosch Stiftung auf Basis des Deutschen Schulbarometers sowie der polizeilichen Kriminalstatistik der Länder. Demnach ist die Zahl gemeldeter Gewalttaten an Schulen in Deutschland gestiegen: von 20.979 im Jahr 2022 auf 28.760 im Jahr 2024 – ein Plus von 37,1 Prozent. Auch in Nordrhein-Westfalen ist ein Anstieg zu verzeichnen. Hier wurden 2022 noch 2.979 Fälle registriert, 2024 waren es 4.521.
Anti-Gewalt-Coach El Boudali glaubt zu wissen, woran es liegen könnte, dass Schüler immer wieder auf dem Schulhof ihren Frust rauslassen. "Die Schüler hängen viel am Handy und sind weniger in Sportvereinen, wo sie sich auspowern können", sagt El Boudali.
Boxen als Ventil gegen Frust
Farah Natour beim Anti-Gewalt-Training
Nach den Rollenspielen geht es ins Boxtraining. Zunächst wärmen sich die Kinder mit Hampelmännern und schnellem Beinheben auf. Danach ziehen sie Boxhandschuhe an und üben verschiedene Boxtechniken. "Im Boxen lässt man seine Energie und seinen Frust raus, man kann abschalten und das verarbeiten, was vielleicht am Tag zuvor passiert ist. Deswegen nutze ich Boxen als Ventil im Anti-Gewalt-Training", sagt El Boudali.
Farah schlägt hart zu. Es geht gegen ein gepolstertes Schlagkissen, auch "Pratzen" genannt, das ihr Coach El Boudali festhält. "Es macht super viel Spaß. Und der Stress von der Schule ist vergessen", sagt Farah und holt schon zum nächsten Schlag aus.
Unsere Quellen:
- Beobachtungen der WDR-Reporterin vor Ort
- Deutsches Schulportal der Robert-Bosch-Stiftung
- Gespräch mit der Sozialpädagogin Joelina Major
- Gespräch mit Anti-Gewalt-Coach Zouhair El Boudali
- Gespräch mit Schülerin Farah Natour
Sendung: WDR.de, Grundschüler lernen Konflikte friedlich zu lösen, 26.05.2026, 15:40 Uhr.
