Hochzeiten früher in Westfalen waren derbe Angelegenheiten. Da ließen es Gäste und Dorfbewohner richtig krachen. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. "Milchkannen wurden mit Karbid gefüllt und dann mit Wasser zur Explosion gebracht", berichtet Christiane Cantauw vom LWL.
Lebensgefährlicher Hochzeitsbrauch
Cantau ist Leiterin der Geschäftsstelle Alltagskulturforschung beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe "Das gab einen riesigen Knall", sagt Cantauw. Das war vor allem lebensgefährlich.
Eine Hochzeit in Nienberge in den 60er-Jahren: vorne halten Gäste ein gespanntes Seil vor das Auto.
Harmlos dagegen: Wenn ein Ortsfremder eine Frau im Dorf heiratete, versammelten sich junge Männer vor seinem Haus mit Metalltöpfen und klapperten mit den Deckeln. Solange, bis der Bräutigam nach draußen kam und eine Flasche Hochprozentiges herausrückte. Erst dann gaben die Männer Ruhe.
Christiane Cantauw und ihr Team forschen zu Hochzeitsbräuchen in Westfalen.
"Viel Lärm ums Heiraten", sagt Kulturforscherin Cantauw. "Das gehörte früher dazu. Das war Ausdruck von Lebensfreude." Dabei orientierten sich die einfachen Leute an der feinen Gesellschaft. "Sie wollten sich einmal so fühlen wie König und Königin", sagt Cantauw.
"Aolle Friggers" und "Kaff streuen"
Der Nordkirchener Heimatverein hatte vor Jahren eine andere Theorie: "Wi wellt de aollen Friggers verdriewen", hieß es im Plattdeutschen. "Wir wollen die alten Freier vertreiben." Deshalb die ganze Knallerei.
Wegsperre bei einer Hochzeit in Münster im Jahr 1957: Durchlass gegen Hochprozentiges.
Um Ex-Freunde drehte sich auch dieser Brauch: Dorfbewohner streuten sogenannten Kaff, eine Spur aus Holzspänen oder zerkleinertem Stroh zu dem Haus, wo der Vorgänger des Bräutigams oder die Vorgängerin der Braut wohnte.
In ganz Westfalen gibt es diesen Brauch, auch wenn es dafür viele verschiedene Namen gibt. Und natürlich war dabei auch wieder viel Alkohol im Spiel. "Der Brauch ist uralt, es gibt ihn noch heute in manchen ländlichen Gegenden", sagt Cantauw.
Hochzeitskorso ausgebremst
Beliebt bis heute sind Wege- oder Straßensperren: Dabei wird ein Seil über den Weg gespannt, sodass das Hochzeitspaar - egal ob zu Fuß oder im Wagen - nicht mehr durchkommt. Erst wenn die Brautleute was springen lassen, geht es weiter. Geld, Alkohol, Süßigkeiten. Das liegt im Ermessen derjenigen, die diese Sperren errichten.
Streiche leben verändert weiter
Vieles davon ist Kulturgeschichte, manches lebt weiter in abgeänderter Form. Oft zum Leidwesen der frisch Vermählten. Sie finden ihre Wohnung in der Hochzeitsnacht im Chaos vor: Das Bett in Einzelteile zerlegt oder mit Luftballons und anderen Gegenständen voll gepackt, dazu Trockenerbsen auf dem Fußboden, Wecker in Schränken und der Wohnungsschlüssel eingefroren im Tiefkühlfach.
Wenn Hochzeiten eskalieren
Im Internet finden sich zig Tipps für Hochzeitsstreiche - und Angehörige und Freunde bedienen sich hier gerne. Auch eine Art, Sympathie und Lebensfreude zu bekunden. Doch Vorsicht: Auf einer Hochzeit vergangenes Jahr in Hemer im Sauerland ist das Krawattenwerfen (als Pendant zum Brautstraußwerfen) derart eskaliert, dass die Feier in eine Schlägerei ausartete und die Polizei eingreifen musste.
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräch mit Christiane Cantauw, LWL-Alltagskulturforschung
- Veröffentlichung des Heimatvereins Nordkirchen e.V.
Sendung: WDR.de, Hochzeitsbräuche in Westfalen, 15.05.2026, 5:05 Uhr
