Brautpaar vor Kirche mit Seifenblasen

Hochzeitsbräuche in Westfalen Warum früher Milchkannen explodierten

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Heiraten im Mai: Das kann schön sein - wenn es nicht die bösen Streiche gebe. Auch heute gibt es kuriose Hochzeitsbräuche bei uns.

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Petra Brönstrup

Hochzeiten früher in Westfalen waren derbe Angelegenheiten. Da ließen es Gäste und Dorfbewohner richtig krachen. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. "Milchkannen wurden mit Karbid gefüllt und dann mit Wasser zur Explosion gebracht", berichtet Christiane Cantauw vom LWL.

Lebensgefährlicher Hochzeitsbrauch

Cantau ist Leiterin der Geschäftsstelle Alltagskulturforschung beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe "Das gab einen riesigen Knall", sagt Cantauw. Das war vor allem lebensgefährlich.

Alte Schwarz/Weiß-Aufnahme in Nienberge aus dem Jahr 1960 oder 1970. Es stehen Hochzeitsgäste um ein Auto herum. Die vorne stehen halten ein gespanntes Seil vor dem Auto.

Eine Hochzeit in Nienberge in den 60er-Jahren: vorne halten Gäste ein gespanntes Seil vor das Auto.

Harmlos dagegen: Wenn ein Ortsfremder eine Frau im Dorf heiratete, versammelten sich junge Männer vor seinem Haus mit Metalltöpfen und klapperten mit den Deckeln. Solange, bis der Bräutigam nach draußen kam und eine Flasche Hochprozentiges herausrückte. Erst dann gaben die Männer Ruhe.

Portrait von Christiane Cantauw, Leiterin der LWL-Geschäftsstelle Alltagskulturforschung Westfalen.

Christiane Cantauw und ihr Team forschen zu Hochzeitsbräuchen in Westfalen.

"Viel Lärm ums Heiraten", sagt Kulturforscherin Cantauw. "Das gehörte früher dazu. Das war Ausdruck von Lebensfreude." Dabei orientierten sich die einfachen Leute an der feinen Gesellschaft. "Sie wollten sich einmal so fühlen wie König und Königin", sagt Cantauw.

"Aolle Friggers" und "Kaff streuen"

Der Nordkirchener Heimatverein hatte vor Jahren eine andere Theorie: "Wi wellt de aollen Friggers verdriewen", hieß es im Plattdeutschen. "Wir wollen die alten Freier vertreiben." Deshalb die ganze Knallerei.

Alte Schwarz/Weiß-Aufnahme von einer Hochzeit in Nienberge aus dem Jahr 1957.  Eine Braut mit Blumenmädchen und Bräutigam der einem anderen Mann gerade ein Getränk in sein Glas gießt.

Wegsperre bei einer Hochzeit in Münster im Jahr 1957: Durchlass gegen Hochprozentiges.

Um Ex-Freunde drehte sich auch dieser Brauch: Dorfbewohner streuten sogenannten Kaff, eine Spur aus Holzspänen oder zerkleinertem Stroh zu dem Haus, wo der Vorgänger des Bräutigams oder die Vorgängerin der Braut wohnte.

In ganz Westfalen gibt es diesen Brauch, auch wenn es dafür viele verschiedene Namen gibt. Und natürlich war dabei auch wieder viel Alkohol im Spiel. "Der Brauch ist uralt, es gibt ihn noch heute in manchen ländlichen Gegenden", sagt Cantauw.

Hochzeitskorso ausgebremst

Beliebt bis heute sind Wege- oder Straßensperren: Dabei wird ein Seil über den Weg gespannt, sodass das Hochzeitspaar - egal ob zu Fuß oder im Wagen - nicht mehr durchkommt. Erst wenn die Brautleute was springen lassen, geht es weiter. Geld, Alkohol, Süßigkeiten. Das liegt im Ermessen derjenigen, die diese Sperren errichten.

Hochzeitsbräuche in Westfalen

WDR Studios NRW 14.05.2026 01:07 Min. Verfügbar bis 13.05.2028 WDR Online

Streiche leben verändert weiter

Vieles davon ist Kulturgeschichte, manches lebt weiter in abgeänderter Form. Oft zum Leidwesen der frisch Vermählten. Sie finden ihre Wohnung in der Hochzeitsnacht im Chaos vor: Das Bett in Einzelteile zerlegt oder mit Luftballons und anderen Gegenständen voll gepackt, dazu Trockenerbsen auf dem Fußboden, Wecker in Schränken und der Wohnungsschlüssel eingefroren im Tiefkühlfach.

Wenn Hochzeiten eskalieren

Im Internet finden sich zig Tipps für Hochzeitsstreiche - und Angehörige und Freunde bedienen sich hier gerne. Auch eine Art, Sympathie und Lebensfreude zu bekunden. Doch Vorsicht: Auf einer Hochzeit vergangenes Jahr in Hemer im Sauerland ist das Krawattenwerfen (als Pendant zum Brautstraußwerfen) derart eskaliert, dass die Feier in eine Schlägerei ausartete und die Polizei eingreifen musste.

Unsere Quellen:

  • WDR-Gespräch mit Christiane Cantauw, LWL-Alltagskulturforschung
  • Veröffentlichung des Heimatvereins Nordkirchen e.V.

Sendung: WDR.de, Hochzeitsbräuche in Westfalen, 15.05.2026, 5:05 Uhr

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