Übergangslösung bei Kosten für Rettungseinsätze | Aktuelle Stunde
WDR. 02:37 Min.. Verfügbar bis 10.06.2028.
Streit um Leerfahrten : Übergangslösung bei Kosten für Rettungseinsätze
Stand:
Bei der Finanzierung sogenannter "Fehlfahrten" im Rettungsdienst zeichnet sich ein Kompromiss ab. Nach Angaben des NRW-Gesundheitsministeriums übernehmen die Krankenkassen bis Ende dieses Jahres bei bestimmten Leerfahrten weiter einen Teil der Kosten. Aber: es ist nur eine Übergangslösung mit Einschränkungen.
Seit Monaten schwelt der Streit zwischen Kommunen und Krankenkassen um die Kosten von sogenannten Leerfahrten. Das sind Rettungseinsätze, bei denen am Ende niemand ins Krankenhaus transportiert wird, zum Beispiel weil die Sanitäter eine Person vor Ort versorgen können. Das hat auch die Frage aufgeworfen, ob künftig Patienten für solche Einsätze zahlen müssen.
Verhandlungen über Finanzierungslücke
Die gesetzlichen Krankenkassen wollen die dafür anfallenden Kosten nicht mehr übernehmen. Sie argumentieren mit Blick auf Bundesgesetzgebung, dass sie für solche Fehlfahrten gar nicht bezahlen dürften. Und setzen so die kommunalen Haushalte unter Druck, die dann auf den Kosten sitzen bleiben. Deshalb verhandelten zuletzt die kommunalen Spitzenverbände mit den Krankenkassen unter Beteiligung des NRW-Gesundheitsministeriums.
Rettungsdienst im Einsatz
Nun zeichnet sich als Übergangslösung ein Kompromiss bei der Finanzierung ab. So heißt es in einem Schreiben von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU), das dem WDR vorliegt. Die Verhandlungen gehen also weiter. Früher haben die Kassen Leerfahrten in der Regel komplett übernommen. Sie wurden auf alle anderen Einsätze umgelegt und so verrechnet.
Krankenkassen beteiligen sich noch 2026 an Kosten
In bestimmten Fällen wollen die gesetzlichen Krankenkassen in NRW jetzt erstmal noch die Hälfte der Kosten übernehmen. Nämlich dann, wenn der Patient bzw. die Patientin noch vor Ort ausreichend versorgt werden kann, ohne ins Krankenhaus transportiert werden zu müssen. Und auch in solchen Fällen, in denen die Person bereits vor Eintreffen des Rettungsdienstes verstorben ist. Die Regelung greift demnach nicht, wenn trotz Notruf kein Patient angetroffen wird. Eine weitere Einschränkung: eine Deckelung. Die Regelung soll nur gelten, solange der Anteil der Fehlfahrten an allen Einsätzen nicht über 15 Prozent steigt.
In seinem Schreiben spricht NRW-Gesundheitsminister Laumann von einem "Musterbeschluss", den die Kommunen nun übernehmen könnten. Man konnte sich aber nicht darauf verständigen, dass die Kostenübernahme auch rückwirkend für 2025 greifen soll.
Essener Oberbürgermeister: "Wir kaufen uns Zeit"
Mitgliederversammlung des Städte- und Gemeindebundes NRW - 2.v.r.: Thomas Kufen
Der Oberbürgermeister der Stadt Essen, Thomas Kufen (CDU), äußert sich zurückhaltend zu dem Ergebnis. Niemand wisse, wie es 2027 weitergehen solle, sagte er dem WDR am Rande des Städtetages NRW. Der wählte ihn zum Vorsitzenden. Die Bundesregierung sei gefragt, eine gesetzliche Lösung zu finden. "Wir kaufen uns jetzt Zeit für ein Jahr." Die hälftige Kostenübernahme der Kassen für Leerfahrten bedeutet laut Kaufen allein für Essen eine Mehrbelastung von mindestens zehn Millionen Euro im laufenden Jahr.
Man sehe "die Folgen einer nicht kostendeckenden Finanzierung des Rettungsdienstes in den NRW-Städten mit großer Sorge". So heißt es bereits in einem Beschluss der Spitze des Städtetags vom Dienstag. Die eigentliche Idee sei eine für alle gültige Rahmenvereinbarung gewesen. Stattdessen müsse nun jede betroffene Kommune einzeln entscheiden, ob sie zu den vom Land vorgeschlagenen Konditionen eine Vereinbarung mit den Krankenkassen abschließt. Die Kosten für solche Fehlfahrten beziffert der NRW-Städtetag insgesamt auf rund 250 Millionen Euro pro Jahr.
Der Städte- und Gemeindebund warnt, der Kompromissvorschlag bedeute ein "riesiges Finanzierungsloch bei den Städten und Gemeinden". Die Kommunen dürften diesen Fehlbetrag aber schon rein rechtlich nicht einfach aus Steuermitteln ausgleichen - sondern müssten über die Erhebung von Gebühren nachdenken. Eigenanteile für Patienten sind demnach weiterhin nicht auszuschließen.
SPD: Zu spät, zu wenig
Die oppositionelle SPD in NRW begrüßt, dass nun wenigstens ein Vorschlag auf dem Tisch liegt. Aber: der komme viel zu spät und bringe nur ansatzweise eine Lösung.
Die Krankenkassen würden nur einen Teil der Kosten übernehmen. Ein großer Anteil der finanziellen Belastungen bleibt weiterhin bei den Kommunen hängen. Lisa-Kristin Kapteinat, Vize-Fraktionsvorsitzende der SPD
Lisa Kapteinat (SPD)
SPD-Politikerin Lisa-Kristin Kapteinat spricht von einem "Minimalkompromiss", der auch die Frage nach den bereits aufgelaufenenen Kosten unbeantwortet lasse. Aus ihrer Sicht ist daher unklar, wie viele Kommunen dem Musterbeschluss zustimmen werden.
Unsere Quellen:
- Schreiben des NRW-Gesundheitsministeriums
- Bisherige Berichterstattung
- SPD Statement
- Interview mit Thomas Kufen
- Nachrichtenagentur dpa
- eigenen Recherchen
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 10.06.2026, 18:45 Uhr