Der Vorwurf: Kardinal Woelki habe die kirchliche Meldepflicht bei Missbrauchs-Verdachtsfällen verletzt. In der Anzeige, die dem WDR vorliegt, geht es um einen Priester, den Kardinal Woelki 2015 im Erzbistum befördert hat. "Um dessen geplante Beförderung nicht zu gefährden", schreiben die Betroffenen, soll Woelki mehrere Meldungen "mutmaßlicher Verstöße" ignoriert haben.
Kölner Staatsanwaltschaft erfuhr spät von Vorwürfen
Gemeint sind in diesem Fall zunächst anonyme Meldungen von Messdienern, die dem Priester sexualisierte Übergriffe vorwerfen. Kurz vor der Beförderung meldete sich auch mindestens ein Betroffener mit Namen und erhob Vorwürfe. Diese Vorwürfe nicht nach Rom zu melden, verstößt gegen das Kirchenrecht.
Auch der Kölner Staatsanwaltschaft hätte das Erzbistum die Fälle melden müssen. Das aber ist erst in jüngster Vergangenheit geschehen. Eine kurzfristige Anfrage des WDR, ob die Vorwürfe nun auch nach Rom gemeldet wurden, hat das Erzbistum bisher nicht beantwortet.
Die Anzeige der Betroffenen gegen Kardinal Woelki soll nun an die zuständige Stelle im Vatikan geschickt werden. Die Sprecherin des Betroffenenbeirats, Katharina Siepmann aus Essen, begründet die Anzeige.
Die aktuellen Vorgänge fügten sich "in eine Reihe bereits bekannter und dokumentierter Fälle ein, die erhebliche Zweifel am angemessenen und kirchenrechtlich gebotenen Umgang von Kardinal Woelki mit Fällen sexualisierter Gewalt und deren Aufarbeitung begründen".
Köln: Kardinal Woelki erneut angezeigt
WDR. 01:46 Min.. Verfügbar bis 12.05.2028.
Priester widersprach den Vorwürfen
Aufgekommen waren die Vorwürfe, nachdem die von Woelki selbst ernannte, sogenannte Unabhängige Aufarbeitungskommission (UAK) den Fall untersucht hatte. Die Rede ist von "Annäherungsversuche(n) und Fehlverhalten bei der Einhaltung von Nähe und Distanz im Umgang mit minderjährigen Messdienern". Der Priester habe dem widersprochen.
Ein Gutachter, der eng mit Kardinal Woelki zusammenarbeitete, bescheinigte 2015, dass keine Gefahr bestehe. Die Kommission kritisiert: "Zwischen dem Eingang der Verdachtsmeldungen, den Gesprächen und der Übertragung des neuen Amts lagen jeweils nur wenige Tage."
Der Kommission gehören auch eine ehemalige Generalstaatsanwältin und eine Abteilungsleiterin des Familienministeriums an. Sie schreiben in ihrem Zwischenbericht 2006, "dass man sich bei Verdachtsmeldungen gegen Personen mit Personalverantwortung offenbar schwertat, alle geltenden Vorschriften einzuhalten".
Priester arbeitet wohl weiter mit Kindern
Das Erzbistum Köln verwies auf WDR-Anfrage darauf, dass zum damaligen Zeitpunkt noch andere Regularien gegolten hätten. Es habe auch an Strukturen der Aufarbeitung gefehlt. Heute würde bei einer vergleichbaren Ausgangslage anders gehandelt, heißt es. "Nach der erneuten Durchsicht alter Verdachtsfälle und noch bevor sich die UAK mit diesem Fall beschäftigt hatte, hat Kardinal Woelki daher die Meldung auch dieses Altfalls an die Staatsanwaltschaft angeordnet."
Nach WDR-Informationen ist der Priester weiterhin im Amt und arbeitet auch mit Kindern. In ähnlichen Fällen waren Priester beurlaubt worden, bis die Verdachtsfälle geklärt werden konnten. Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung.
Unsere Quellen:
- Gespräche mit der Sprecherin und anderen Mitgliedern des Betroffenenbeirats
- Anzeige des Betroffenenbeirats gegen Kardinal Woelki
- Unabhängige Aufarbeitungskommission für das Erzbistum Köln
- Erzbistum Köln
Sendung: WDR.de, Erneute Anzeige gegen Kardinal Woelki, 12.05.2026, 20:55 Uhr