Erstickungstod nach Polizeieinsätzen
Westpol. 21.06.2026. 28:44 Min.. UT. DGS. Verfügbar bis 21.06.2031. WDR.
Das Wichtigste in Kürze
- Erzieher Pedro Corona liegt seit April im Koma, nachdem es eine Eskalation bei einem Polizei- und Notarzteinsatz in seiner Wohnung gab
- Ein medizinischer Befund der Uniklinik Köln zeigt, dass Corona einen schweren Hirnschaden erlitten hat, möglichereweise wegen Sauerstoffmangels bei der Fixierung durch die Polizei
- Die Kölner Staatsanwaltschaft sieht bisher keinen Ermittlungsbedarf
- Coronas Umfeld und Anwalt fordern eine lückenlose Aufklärung des Geschehens
"Es ist alles gut, Pedro", flüstert Julian Pedro immer wieder ins Ohr. Pedro liegt auf der Intensivstation. Um ihn herum Kabel, Schläuche und piepsende Maschinen. Heute ist Pedro besonders unruhig. Immer wieder stöhnt er auf. Julian streichelt ihm über den Kopf und versucht, ihn zu beruhigen. Fragen, was los ist, kann er seinen Partner nicht. Pedro liegt seit zwei Monaten im Koma. "Das ist einfach scheiße", bricht es kurz aus Julian heraus. Dann fasst er sich wieder. "Ich kenne ihn ja als lebenslustigen, frohen Typen."
Pedro Corona ist am 8. April bei einem Einsatz von Polizei- und Rettungsdienst in seinem Apartment in Köln-Deutz ins Koma gefallen. Seither halten Maschinen den 30-jährigen Erzieher am Leben. Seine Freunde und seine Familie fordern Aufklärung. Sie wollen wissen, was geschehen ist. Die Kölner Staatsanwaltschaft muss ihrer Ansicht nach genau untersuchen, weshalb Pedro bei dem Einsatz ins Koma gefallen ist. "Es muss Ermittlungen geben, weil das Leben eines 30-jährigen Menschen jetzt kaputt ist", meint Julian.
Staatsanwaltschaft Köln: Keine Anhaltspunkte für Ermittlungen
Die Staatsanwaltschaft Köln aber sieht bisher keinen Ermittlungsbedarf. Schriftlich teilt sie dem WDR mit: "Nach Auswertung von Zeugenaussagen, schriftlichen Unterlagen und Videos der verwendeten Bodycams der Polizeibeamten hat die Staatsanwaltschaft von der Aufnahme von Ermittlungen abgesehen, da zureichende tatsächliche Anhaltspunkte - wie es die Strafprozessordnung verlangt - für strafbares Handeln oder Unterlassen der am Einsatz beteiligten Polizisten nicht vorlagen."
Pedros Freunde und seine Familienangehörigen sehen wiederum einige Anhaltspunkte, die hier geklärt werden müssen. "Ich möchte, dass es ein Stückchen Gerechtigkeit gibt und vor allem, dass mein Bild von einem Rechtsstaat wiederhergestellt wird", bringt Paula, eine Freundin von Pedro, ihren Ärger auf den Punkt.
Familie und Freunde von Pedro Corona haben ihm eine Karte gemalt.
Pedro Corona kommt gebürtig aus Venezuela und hat in Köln als Erzieher gearbeitet. Am 8. April geht es ihm nicht gut. Er hat eine schwere psychische Krise. In seinem Apartment in Deutz telefoniert er lange mit seiner Mutter in Venezuela. Zwei Freunde sind bei ihm. Sie wissen, dass Pedro regelmäßig Drogen nimmt und heute gekifft hat. Die Freunde machen sich Sorgen um ihn und rufen schließlich den Rettungsdienst an.
Einsatz der Polizei eskaliert: "Pedro wollte seine Ruhe haben"
Ihren Schilderungen zufolge habe der Rettungsdienst zuerst keinen Handlungsbedarf gesehen. Die Sanitäter und auch die Ärztin hätten sich lange und ruhig mit Pedro unterhalten. Als das RTW-Team gehen wollte, sei die Situation jedoch gekippt. "Einer der beiden Freunde wollte noch bleiben. Aber Pedro wollte seine Ruhe haben. Irgendwann war er ihm einfach zu viel", erklärt sich sein Partner Julian im Nachhinein, was da geschehen ist. Denn Pedro schubst plötzlich einen der beiden Freunde, der noch bleiben möchte, zur Tür hinaus. An dem Punkt sah die Notärztin offensichtlich Handlungsbedarf. Laut Staatsanwaltschaft "reagierte der unter Wahnvorstellungen leidende Mann - auch gegenüber den anwesenden Freunden - fremdaggressiv und schloss sich dann allein in seiner Wohnung ein."
Der Rettungsdienst ruft die Polizei hinzu. Die Ärztin möchte ihn in eine Klinik einweisen lassen. Pedro Corona lässt die Beamten zunächst freiwillig in seine Wohnung hinein. Kurz darauf dringen laute Hilfeschreie aus seiner Wohnung. Immer wieder ruft Pedro laut um Hilfe. Viele Nachbarn öffnen die Fenster und fragen sich, was da los ist.
Simón Barrera Gonzàlez ist Pedro Coronas Anwalt. Er wüsste gerne, was in der Wohnung passiert ist. Aber bislang hat er von der Staatsanwaltschaft keine Akteneinsicht erhalten. Ihm liegt jedoch ein Befund der Uniklinik Köln vor, wo Pedro Corona an diesem Abend im Koma liegend und mit blauen Flecken übersät eingeliefert worden ist.
Allein schon in diesem Bericht wird dargelegt, dass circa zehn Polizeibeamte Pedro körperlich mit Gewalt fixiert haben, in Bauchlage und das über einen längeren Zeitraum. Simón Barrera Gonzàlez, Anwalt
Rechtsanwalt Simón Barrera Gonzàlez
Die Staatsanwaltschaft Köln schreibt dazu: "Er schlug und trat in Richtung der zunächst eingetroffenen zwei Polizeibeamten, spuckte Blut, weshalb ihm eine sogenannte Spuckhaube übergezogen werden musste, und biss einer Beamtin in den Arm, die später im Krankenhaus auch auf übertragbare Erkrankungen untersucht werden musste." Es hätten immer mehr Polizisten hinzugezogen werden müssen, um ihn zu bändigen und zu fixieren.
Anwalt kritisiert: unzulässig und höchst fahrlässig
Unerwähnt bleibt in der Stellungnahme jedoch, dass die Notärztin Pedro Corona in dieser Situation zusätzlich Midazolam über die Nase verabreicht hat. Ein sehr schnell wirkendes Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine. Für Simón Barrera Gonzàlez ist die Kombination aus Fixierung in Bauchlage, Spuckhaube auf dem Kopf und ein starkes Beruhigungsmittel, das den Atem lähmen kann, schon Grund genug, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten: "Denn diese Kombination ist für sich genommen schon unzulässig und höchst fahrlässig, wenn nicht sogar vorsätzlich mit Blick auf schwerste Schädigungen bis zum Erstickungstod."
Nach rund 90 Minuten tragen die Polizisten Pedro Corona runter auf die Straße. Ein Nachbar, der nicht namentlich nicht genannt werden möchte, sagt, die Beamten hätten Pedro vorm Haus gegen seinen Willen auf eine Rettungsliege gedrückt mit dem Kopf nach unten. Seine Hände seien gefesselt gewesen. Zunächst habe sich Pedro noch gewehrt, aber nicht lange. Niemand habe dann mehr neben ihm gestanden. "Er lag da nur noch sehr ruhig auf der Liege. Und da habe ich mir ehrlich gesagt auch schon beim Beobachten Sorgen gemacht. Ich dachte mir, warum guckt denn jetzt niemand von der Polizei, wie es dem überhaupt geht?"
Erzieher erleidet schwere Hirnschädigung nach Herzstillstand
Die Staatsanwaltschaft beschreibt die Situation vorm Haus dagegen so: "Im Freien wurde er auf eine Liege gelegt. Auch zu diesem Zeitpunkt war er weiter zu hören und wurde von Polizisten befragt, ob er ausreichend Luft bekomme. Als sich sein Zustand plötzlich veränderte und er sich auffallend ruhig verhielt, erkannte die Notärztin die Situation und veranlasste umgehend Reanimierungsmaßnahmen."
Laut Uniklinikbericht hatte Pedro Corona einen Herzstillstand, 23 Minuten lang. Die Folge: eine "schwere hypoxische Hirnschädigung", nach Einschätzung der Ärzte sehr wahrscheinlich ausgelöst durch einen akuten Sauerstoffmangel während der Fixierung.
Pedro Coronas Mutter und seine Cousine sind im April so schnell es ging aus Venezuela angereist. Sie sitzen täglich an seinem Bett, möchten aber nicht an die Öffentlichkeit treten. Dafür fehle ihnen die Kraft, sagen sie.
Initiative JusticeForPedro fordert Aufklärung
Diese Aufgabe übernehmen Julian und viele andere Freunde von Pedro. Mit ihrer Initiative JusticeForPedro fordern sie unermüdlich auf allen Kanälen Aufklärung. Ihr Ziel ist es, die Staatsanwaltschaft dazu zu bringen, doch Ermittlungen aufzunehmen. Einen ersten kleinen Erfolg können sie nun verbuchen. Die Staatsanwaltschaft teilte dem WDR mit, dass sie anhand der öffentlich gewordenen Unterlagen und Aussagen nun doch nochmal prüfen wird, ob sie Ermittlungen aufnimmt.
Unsere Quellen
- Gespräche der Autorin mit Freunden, Familie und Augenzeugen
- Rechtsanwalt Simón Barrera Gonzàlez
- Staatsanwaltschaft Köln
- Befund Uniklinik Köln
Sendung: WDR.de, Freunde fordern Aufklärung um Erzieher im Koma, 22.06.2026, 5 Uhr
