Wehrpflicht: Wie bereit sind Jugendliche dafür? | Aktuelle Stunde
03:05 Min.. Verfügbar bis 16.10.2027.
Die Bundeswehr braucht jedes Jahr rund 5.000 neue Rekruten. Finden sich nicht genug Freiwillige, soll das Los entscheiden, wer zur Bundeswehr muss. Darauf bestehen CDU und CSU. Freiwilligkeit ist dann nicht mehr...
Eines vorweg: Mein Sohn wird im kommenden Januar 18. Die Wehrpflicht-Debatte hat für mich also auch eine persönliche Bedeutung. Eines ist klar: Die Wehrpflicht bedeutet heute deutlich mehr Lebensgefahr als nach meinem Abi in den 1980er-Jahren.
Damals war die Bundeswehr noch nicht weltweit im Einsatz. Die gefährlichen Auslandseinsätze im Kosovo, in Mali und Afghanistan kamen erst später. Ich erinnere mich noch, wie 2018 die erste Bundeswehrkaserne in Hannover nach einem jungen Hauptfeldwebel umbenannt wurde, der im Afghanistan-Einsatz gefallen war. Ein sehr konkretes Symbol für die gestiegene Lebensgefahr des Wehrdienstes.
Ich selbst habe den Kriegsdienst verweigert
Ich habe stattdessen als Zivildienstleistender 18 Monate in einem Essener Jugendheim gearbeitet.
In Moskau saß zu der Zeit noch kein Alleinherrscher Putin. Und im Weißen Haus noch kein Autokrat wie Trump. In Moskau und Washington sitzen keine allmächtigen Präsidial-Diktatoren, die jederzeit unkontrolliert auf den roten Knopf drücken können - das war damals meine Überzeugung. Und die Grundlage für meine Entscheidung, den Kriegsdienst zu verweigern.
Diese damals gefühlte Gewissheit ist bei mir dahin. Mittlerweile gibt es neun Länder, die Atomwaffen besitzen, von denen mehrere an Konflikten beteiligt sind. Russland führt einen Vernichtungskrieg in Europa. Vor diesem Hintergrund stelle ich mir die Frage: Wie stehe ich heute zum Wehrdienst?
Heute würde ich den Wehrdienst antreten
Ich bin - wie wohl viele in meiner Generation - für die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Selbstverständlich soll das Recht bestehen bleiben, den Dienst mit der Waffe zu verweigern. In Anspruch nehmen würde ich es heute aber nicht mehr.
Das sagt ihr zum Thema Wehrdienst
Die Koalition ringt um die Landesverteidigung in Zeiten der Bedrohung durch Russland. Was halten die Menschen davon, dass die junge Generation wieder Wehrdienst leisten soll? Eine Umfrage in Hattingen.
Mir ist klar: Das kann ich heute leicht behaupten. Solange es keine "Senioren-Division" gibt und die Bundesregierung nicht auf die Idee kommt, zwischen dem Ende der Berufstätigkeit und der ersten Rentenüberweisung ein Jahr Wehrdienst einzuführen.
Hätte ich den Mut, mich für eine Bundeswehr-Truppe der "jungen Alten" rekrutieren zu lassen? Ich hoffe: ja! Denn ich finde die Bundesrepublik verteidigungswert. Gegen Völkermörder und Großmacht-Psychopathen wie Putin müssen wir Entschlossenheit zeigen: Mit mehr Soldaten, Drohnen und Panzern.
Und was sagen die Betroffenen aus der Gen Z und Gen Alpha?
Mein Sohn sieht die derzeitige Debatte um die Wehrpflicht entspannt: Sollte er nach seinem Abi "eingezogen" werden, ist das für ihn ok. Falls nicht: auch in Ordnung. Das Losverfahren erinnert aber nicht nur ihn an das System aus "Die Tribute von Panem".
Nicht alle sehen das so relaxt wie mein Sohn. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage für Stern und RTL sind 54 Prozent der Bürgerinnen und Bürger für einen verpflichtenden Dienst bei der Bundeswehr. Eine Mehrheit der 18- bis 29-Jährigen ist dagegen.
Viele verfolgen das Thema über TikTok. Dort bringen Influencer, wie der 26-jährige Linguistikstudent Simon David Dreßler, ihre Vorbehalte auf den Punkt:
"Zwei Jahre Pandemie, zwei Jahre eingesperrt sein, zwei Jahre von der besten Zeit deines Lebens verlieren. Und dann einfach mal eine schöne Wehrpflicht geschenkt bekommen." Influencer Simon David Dreßler auf TikTok
Wir brauchen fähige Leute!
Eine Lotterie ist aus meiner Sicht die denkbar schlechteste Voraussetzung, um in Zeiten von KI und Drohnen qualifizierten Nachwuchs für eine High-Tech-Armee zu rekrutieren! Eine Wehrpflicht-Lotterie wäre zwar gerecht. Alle potenziellen Rekruten hätten die gleiche Chance oder Nicht-Chance, gezogen zu werden. Ein Losverfahren stellt Gleichheit im Auswahlprozess her. Aber diese Art von Los-Gerechtigkeit hilft uns bei unserer Bedrohungslage nicht weiter.
Warum machen wir es nicht wie Schweden? Das Land hatte die Wehrpflicht ausgesetzt und ist zu ihr zurückgekehrt. Sie ziehen Männer und Frauen ein. Aber eben nicht den kompletten Jahrgang. Sondern bedarfsgerecht. Sie prüfen, wer die geforderten Fähigkeiten mitbringt. Es geht um Auswahl. Die Streitkräfte formulieren ihren Bedarf. Der ist entscheidend. Losen hilft nicht, um die Richtigen zu finden.
Lotterie bedeutet Kapitulation!
Sie signalisiert Putin: Die Bundeswehr ist nur noch bedingt wehrpflichtbereit. In der Tat ist die Bundeswehr in einer desaströsen Personalverfassung.
Das Beispiel Schweden kann Verteidigungsminister Pistorius noch in einem zweiten Punkt aus der Patsche helfen: Teile der SPD wollen Sicherheit nur in homöopathischen Dosen und ignorieren die Warnung der deutschen Nachrichtendienste vor der russischen Aggressions- und Kriegsbereitschaft.
Ich hoffe, dass ein neues Wehrdienstgesetz kommt und die Bundeswehr zur stärksten Armee Europas wird. Es ist das einzige Signal, das Putin versteht.
Das krause Koalitions-Chaos in dieser Woche ist allerdings ein desaströses Signal an den Kreml. Und überzeugt junge Leute wie meinen 17-jährigen Sohn herzlich wenig.
Der wundert sich, wie Politiker das Thema Wehrpflicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg entscheiden, ohne zum Beispiel vorher mit Schülervertretern zu diskutieren.
Für ihn ist es ein Gipfel der Ironie, dass an seine Generation appelliert wird, sich erwachsen zu verhalten, während sich die Regierung in Sachen Wehrpflicht parteipolitische Machtkämpfe liefert und der Verteidigungsminister die beleidigte Leberwurst gibt.
Welches Vorgehen findet ihr am sinnvollsten, um die Bundeswehr zu stärken? Lasst uns darüber diskutieren. In den Kommentaren auf WDR.de oder auf Social Media.