Inside Klassenchats

Doku & Reportage 18.03.2026 31:25 Min. UT Verfügbar bis 18.03.2027 WDR Von Susanna Zdrzalek; Katharina Spreier

Mobbing im Klassenchat: Was Eltern und Lehrer tun können

Stand:

Klassenchats auf WhatsApp und anderen Messengern sind ein wichtiger sozialer Raum im Miteinander von Schülern. Aber sie werden auch häufig zum Ort von Hass, Hetze und Ausgrenzung. So können Schüler, Eltern und Lehrer Hilfe bekommen.

Von Zeynep Çağman

Mobbing, sexistische Memes, beleidigende oder sogar strafbare Nachrichten - vieles davon passiert in Klassenchats. Für Betroffene fühlt sich das oft überwältigend an, und auch Eltern, Lehrer oder Mitschüler wissen nicht immer, wie sie reagieren sollen. Das zeigt auch eine exklusive WDR-Umfrage über Klassenchats.

Doch niemand muss mit solchen Situationen allein bleiben. Wir zeigen, welche Schritte helfen können - und welche Verantwortung Schulen tragen, wenn digitale Konflikte das Klassenklima beeinflussen. 

Wenn der Klassenchat zur Belastung wird: Wie Schüler und Eltern reagieren können

Für Kinder ist der Klassenchat oft ein zentraler sozialer Raum. Umso schwerer wiegt es, wenn dort verletzende Inhalte auftauchen. Viele Betroffene schweigen aus Angst oder Scham - und genau deshalb ist es so wichtig, dass Eltern ein offenes Ohr behalten. Die EU‑Initiative , die sich für mehr Sicherheit im Netz einsetzt, empfiehlt, regelmäßig mit den eigenen Kindern im Gespräch über Klassenchats zu bleiben. Wer weiß, was im Chat passiert, erkennt Konflikte früher.

Die richtigen Einstellungen bei WhatsApp

Um WhatsApp für Kinder sicherer zu gestalten, empfiehlt es sich, bestimmte Einstellungen bereits im Vorfeld anzupassen. So lässt sich etwa verhindern, dass ein Kind ungefragt in Gruppen hinzugefügt wird. Stattdessen muss zunächst eine Einladung erfolgen. Die Einstellung ist mit wenigen Schritten erreichbar:

  • Drei‑Punkte‑Menü bzw. Einstellungen von WhatsApp öffnen
  • Bereich Datenschutz auswählen
  • Nach unten zu "Gruppen" scrollen
  • Festlegen, wer wen zu Gruppen hinzufügen darf - etwa "Meine Kontakte" oder "Meine Kontakte außer…", um einzelne Personen auszuschließen.

Wer verhindern will, dass Bilder, Videos und Dokumente aus Gruppenchats automatisch heruntergeladen werden, kann dafür ebenfalls die Einstellungen ändern. Welche Schritte man dafür gehen muss, hängt vom Betriebssystem ab. WhatsApp erklärt das auf seinen Hilfeseiten.

Weitere Schutzmöglichkeiten, etwa das Deaktivieren der Linkvorschau oder die Einstellung, dass das Profilbild nur für gespeicherte Kontakte sichtbar ist, lassen sich ebenfalls unkompliziert vornehmen. Eine Übersicht dieser Funktionen findet ihr bei der Initiative .

Mit den Kindern über Klassenchats reden

WDR‑Journalistin und Medientrainerin Insa Backe, die seit mehr als 20 Jahren Schulen in NRW besucht und für das journalistisch-medienpädagogische Format MausKlasse mit Viertklässlern aus allen sozialen und kulturellen Bereichen arbeitet, erlebt immer wieder, wie schwer es Kindern fällt, sich zu öffnen.

"Man sollte dankbar sein, wenn ein Kind erzählt, was im Chat passiert. Die meisten tun das nicht - und das gibt Tätern maximale Bewegungsfreiheit." Insa Backe, WDR-Journalistin

Das Wichtigste für die Eltern sei es, erstmal Ruhe zu bewahren und gemeinsam mit dem Kind die nächsten Schritte zu gehen.

Insa Backe, Medientrainerin | Bildquelle: Sandra Then

Auch Schülerinnen und Schülern rät Backe, sich Verbündete zu suchen. Das können zunächst enge Freundinnen oder Freunde sein - denn gemeinsam fällt es oft leichter, sich Erwachsenen anzuvertrauen. Eine wichtige Grundhaltung, die Backe Schülerinnen und Schülern mitgibt: "Ihr seid nicht schuld an dem, was euch passiert."

Mit anderen Eltern austauschen

Eltern können viel bewirken, indem sie ein Vertrauensumfeld schaffen - auch untereinander, sagt Backe. Es kann helfen, sich anderen Eltern aus der Klasse anzuvertrauen. Der Austausch mit anderen Erziehungsberechtigten hilft, Situationen besser einzuordnen und gemeinsam Lösungen zu finden.

Wenn ein Konflikt eskaliert, rät klicksafe zu einem direkten Gespräch mit den Eltern der beteiligten Kinder oder zu einem Elternabend, um das Thema gemeinsam anzugehen. Dazu gehört auch, Betroffene bei der Beweissicherung zu unterstützen - etwa durch Screenshots. Die Initiative klicksafe stellt dafür eine Checkliste bereit.

Eric Dieden ist Kriminalhauptkommissar in der Cybercrime‑Prävention der Polizei Köln. Er organisiert unter anderem Online-Informationsabende, die sich vor allem an Eltern richten. Dieden weist darauf hin, dass es neben der polizeilichen Anzeigenerstattung für Eltern von Geschädigten auch die Möglichkeit gibt, eine Privatklage anzustreben.

Eric Dieden, Polizeibeamter bei der Kriminalprävention | Bildquelle: Privat

Bei Tatverdächtigen, die das 14. Lebensjahr noch nicht erreicht haben, ist eine strafrechtliche Verfolgung aufgrund der fehlenden Strafmündigkeit nicht gegeben, was im Bereich der Privatklagedelikte jedoch keine Rolle spielt. Auf diesem Wege bestehe die Möglichkeit der Schmerzensgeldforderung.

Die Rolle der Lehrkräfte: Prävention, Haltung und klare Regeln 

Viele Lehrkräfte wissen, dass Klassenchats existieren - aber nicht, was dort passiert. "Wir haben zu viele Lehrer, die zu wenig Ahnung haben, was in diesen Chats vorgeht", sagt Insa Backe. Dabei können Schulen viel tun, bevor Konflikte entstehen.  

Medienpädagogin Stefanie Rack von klicksafe betont: "Ohne Regeln geht es nicht." Ein Klassenchat sei ein sozialer Raum - und der brauche klare Strukturen. Lehrkräfte können zu Beginn des Schuljahres gemeinsam mit der Klasse festlegen:

  • Welche Inhalte gehören in den Chat? Welche nicht?
  • Wer achtet auf die Einhaltung der Regeln?
  • Welche Konsequenzen gibt es bei Verstößen?
Stefanie Rack, Lehrerin und Medienpädagogin | Bildquelle: Privat

klicksafe empfiehlt, Klassensprecherinnen und Klassensprechern Adminrechte zu geben. Sie können dann vereinbarte Sanktionen umsetzen oder "gelbe Karten" als Warnsignal vergeben. Wichtig sei außerdem, dass die Klasse weiß, an wen sie sich wenden kann: Vertrauenslehrkräfte, Schulsozialarbeiter oder Eltern. Diese Kontaktpersonen sollten sichtbar gemacht werden - etwa auf einem Poster im Klassenraum.

Hilfe holen ist kein Petzen

Lehrkräfte müssen sich aufgrund des Distanzwahrungsgebotes aus den Chats heraushalten. Trotzdem können sie deutlich machen: Hilfe holen ist kein Petzen.

Wenn Lehrerinnen und Lehrer auf strafbare Inhalte aufmerksam werden, sollten sie zuerst mit der Schulleitung sprechen, sagt Medienpädagogin Rack. Liegt tatsächlich ein strafrechtlich relevanter Fall vor, kann die Schulleitung eine Anzeige bei der Polizei stellen.

"Als Beamter ist man eigentlich verpflichtet, wenn man von einer Straftat etwas mitbekommt, die entsprechend zur Anzeige zu bringen." Marco Schneider, Schulleiter Clara-Schumann-Gesamtschule Kreuztal

Gleichzeitig, so Stefanie Rack von klicksafe, sei es wichtig, sorgfältig abzuwägen, ob nicht zunächst pädagogische Maßnahmen sinnvoll seien - etwa eine Verwarnung oder die gemeinsame Aufarbeitung im Unterricht.

So ein Plakat können Schüler gemeinsam für ihren Gruppenchat ausfüllen. | Bildquelle: klicksafe

Häufig entstünden problematische Inhalte aus Unwissenheit, nicht aus Absicht. klicksafe bietet deshalb zur Erarbeitung von Klassenchatregeln eine kostenlose Unterrichtseinheit zum Download und ein zum Notieren der Regeln und zum Aufhängen für das Klassenzimmer an.

Auch Insa Backe betont die Bedeutung einer offiziellen Anzeige durch die Schule: Sie sei wichtig, um belastbare Zahlen zu erhalten und das Ausmaß digitaler Übergriffe sichtbar zu machen.

Unabhängig davon gehöre es zum Auftrag von Lehrkräften, klar Haltung zu zeigen - gegen Rassismus, Sexismus und jede Form von Diskriminierung. Grundlage dafür sind die Bildungs- und Erziehungsziele der Länder.

Wie sollte man mit Verursachern von problematischen Inhalten umgehen?

Für viele Eltern ist es ein Schock, wenn sie erfahren, dass ihr Kind an Cybermobbing beteiligt war oder strafbare Inhalte verschickt hat.

Medientrainerin Insa Backe betont, wie entscheidend es ist, zunächst besonnen zuzuhören und nicht vorschnell zu urteilen. Auch klicksafe empfiehlt, offen und vorurteilsfrei mit dem Kind zu sprechen, um die Hintergründe zu verstehen: Wird es selbst unter Druck gesetzt? Ist es vielleicht sogar selbst betroffen?

Ein Perspektivwechsel kann helfen, die Folgen des eigenen Handelns sichtbar zu machen. Viele Kinder nehmen verletzende Nachrichten als Scherz wahr, ohne zu erkennen, dass am anderen Ende ein Mensch mit echten Gefühlen sitzt. Eltern und Lehrkräfte können gemeinsam überlegen, wie die Situation entschärft werden kann, beispielsweise durch ein klärendes Gespräch.

Hier bekommt ihr professionelle Hilfe 

Es gibt zahlreiche Anlaufstellen, die professionell unterstützen, wenn man selbst oder das eigene Kind von problematischen Inhalten in Klassenchats erfährt oder selbst betroffen ist:

  • : eine EU‑Initiative mit kostenfreiem Infomaterial, Leitfäden und konkreten Tipps für verschiedene Situationen
  • : bundesweite Online-Beratung für junge Menschen mit Problemen im Netz, unterstützt von geschulten, oft gleichaltrigen Scouts
  • : bietet technische Schutzlösungen für Geräte und Apps von Kindern und Jugendlichen
  • : Angebot der Landesanstalt für Medien NRW, unterstützt bei Fragen zu digitalen Medien
  • : eine Initiative, die Familien bei der Medienerziehung begleitet. 
  • : Polizeiliche Kampagne, die über die strafbare Verbreitung von Kinderpornographie aufklärt
  • Polizeiliche Angebote: viele Polizeidienststellen stellen kostenloses Infomaterial bereit, etwa die Polizei Dortmund

Wenn ihr Erfahrungen mit Klassenchats mit uns teilen wollt, könnt ihr das per Mail oder telefonisch tun: unter 0800 5678 100 (kostenfrei aus dem deutschen Festnetz) und an redaktion@wdr.de.

Unsere Quellen: 

Sendung: WDR Mediathek, Inside Klassenchats, 18.03.2026, 5.30 Uhr