Kreuzfahrtschiff "Hondius" vor Teneriffa angekommen | WDR aktuell

WDR 02:23 Min. Verfügbar bis 10.05.2028

Hantavirus auf Kreuzfahrtschiff Wie geht es für die Passagiere weiter?

Stand:

Nach dem Ausbruch des tödlichen Hantavirus auf einem Kreuzfahrtschiff gibt es viele Fragen. Wie es nun weitergeht, wie gefährlich das Virus ist und wo Virusvarianten auch in NRW vorkommen.

Ein Kreuzfahrtschiff vor den Kapverden. Eigentlich Traumurlaub unter Sonne und Palmen. Doch für mindestens drei Passagiere - ein älteres niederländisches Ehepaar und eine Deutsche - endete die Reise mit dem Tod.

Insgesamt sechs bestätigte Fälle und zwei Verdachtsfälle

Boote nähern sich dem Kreuzfahrtschiff "Hondius"

Das Schiff "Hondius"

Im dramatischen Fall des Schiffes "Hondius" spricht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von sechs bestätigten Hantavirus-Fällen und zwei Verdachtsfällen. Die WHO vermutet, dass die Infektionskette von dem niederländischen Ehepaar ausging, das sich vor der Einschiffung in Argentinien noch an Land angesteckt haben könnte.

Weil bei Zwischenstopps insgesamt mehr als 30 Passagiere und Besatzungsmitglieder ausgestiegen sind, wird nun weltweit nach potenziellen Verdachtsfällen gesucht. Das Kreuzfahrtschiff erreichte inzwischen einen Hafen vor Teneriffa. Dort läuft die Evakuierung von Passagieren und Crewmitarbeitern, die in ihre Heimatländer geflogen werden, Eine Maschine mit deutschen Passagiern war am Sonntagabend in Eindhoven gelandet.

Fragen und Antworten zum Hantavirus

Was ist das Hantavirus genau? Wie geht es jetzt mit den Passagieren weiter? Wie oft infizieren sich auch Menschen in NRW damit? Und wie schütze ich mich? Fragen und Antworten.

Wie geht es mit den "Hondius"-Passagieren weiter?

 Personen in Schutzbekleidung werden von dem vom Hantavirus befallenen Kreuzfahrtschiff "MV Hondius" ausgeschifft

Vor Teneriffa läuft die Evakuierung der "Hondius"-Passagiere.

Nach dem Virus-Ausbruch herrschte lange Unklarheit, am Sonntagmorgen aber traf das Kreuzfahrtschiff vor Teneriffa ein. Medizinisches Personal untersuchte die Menschen an Bord auf akute Symptome. Liegen keine vor, sollen sie in ihre Heimatländer ausgeflogen werden.

Passagiere der MV Hondius werden am Flughafen von Teneriffa in Schutzanzügen desinfiziert

Passagiere des Kreuzfahrtschiffes am Flughafen in Teneriffa

Am Sonntagmittag ist der erste Flug mit Evakuierten von der Insel Teneriffa gestartet. An Bord waren insgesamt 14 spanischen Passagiere und Besatzungsmitglieder. Sie sollen zur Beobachtung in ein Militärkrankenhaus in Madrid gebracht werden. Am späten Nachmittag waren auch vier deutsche Kreuzfahrtschiff-Passagiere auf dem Weg zurück in die Heimat. Sie landeten am Abend im niederländischen Eindhoven. Ob darunter auch Reisende aus NRW sind, darüber liegen bislang keine Informationen vor.

Die deutschen Passagiere wurden per Flugzeug ins niederländische Eindhoven gebracht. Von dort sollten sie noch am Sonntag nach Frankfurt transportiert werden. Für den Sonderisoliertransport wurden auch die Feuerwehren Essen und Dortmund angefordert, unter anderem mit einem speziellen Infektions-Rettungswagen.

Britische Passagiere der MV Hondius am Flughafen in Teneriffa

Britische Passagiere am Flughafen in Teneriffa

Die vier Passagiere, die nach Frankfurt gebracht werden sollen, haben den Angaben zufolge keine Symptome. Sollte sich daran während des Transports etwas ändern, würde der oder die Betroffene zum Universitätsklinikum Düsseldorf gebracht werden, heißt es. Dort befindet sich auf der Infektionsstation bereits eine 65-Jährige, die als Kontaktperson der verstorbenen Deutschen gilt.

Die Frau war schon am Mittwoch als Teil eines Spezialflugs nach Amsterdam ausgeflogen und mit einem "Hochinfektionstransport" zur Uniklinik Düsseldorf gebracht worden. Dort wird sie untersucht. Eine Infektion konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Laut Uniklinik sei die Deutsche in stabiler Verfassung. Entwarnung könne es aber erst nach bis zu acht Wochen geben: So lange dauert die Inkubationszeit.

Laut WHO müssen alle Ausgeflogenen in ihrer Heimat in Quarantäne, da eine Entwarnung wegen der langen Inkubationszeit erst nach Wochen möglich ist. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) soll die Quarantäne für die deutschen Betroffenen dezentral erfolgen. "Zuständig sind die jeweiligen Gesundheitsämter vor Ort", teilte eine RKI-Sprecherin mit. "Über die Details entscheidet das zuständige Gesundheitsamt, je nach individueller Lage und Gegebenheiten vor Ort."

Was passiert mit dem Schiff und dem Leichnam der Deutschen?

Die Leiche der verstorbenen Deutschen befindet sich noch an Bord. Nach der Evakuierung in Teneriffa fährt die "Hondius" weiter in die Niederlande - erst dort soll der Leichnam von Bord gebracht werden. Das Kreuzfahrtschiff und das verbliebene Gepäck wird in den Niederlanden desinfiziert.

Was ist das Hantavirus?

Hantaviren kommen weltweit vor. Der Name "Hantavirus" leitet sich vom koreanischen Fluss Hantan-gang ab. Während des Koreakriegs Anfang der 1950er-Jahre erkrankten mehrere tausend Soldaten an einem schwer verlaufenden Fieber, das mit Blutungen einherging. Das für die Erkrankungen verantwortliche Virus konnte später identifiziert werden.

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) gibt es verschiedene Hantavirus-Spezies. Sie können unterschiedlich schwere Krankheitsformen auslösen.

Infektionen mit südamerikanischen Hantaviren (Andesviren) unterscheiden sich laut RKI deutlich von den in Deutschland vorkommenden Spezies. Treten hierzulande überwiegend mildere Verläufe auf, bei denen die Nieren in Mitleidenschaft gezogen werden, können die südamerikanischen Hantavieren ein schweres Krankheitsbild auslösen, die die Lunge und oft auch die Atemwege betreffen. Die Andesviren können lebensbedrohlich sein und enden in bis zu 40 Prozent aller Fälle tödlich.

Wie überträgt sich das Hantavirus?

Oft tragen Ratten oder Mäuse das Virus in sich. Die Tiere scheiden das Virus über Urin, Kot oder Speichel aus. Der Mensch kann das dann beispielsweise durch aufgewirbelten Staub einatmen, etwa beim Fegen von Dachböden und Kellern, Gartenschuppen oder auch in Grillhütten im Wald.

Das Ansteckungsrisiko ist laut RKI für Menschen erhöht, die öfter mit wildlebenden Nagetieren oder deren Ausscheidungen zu tun haben. Dazu zählen zum Beispiel Personen, die

  • in der Land- und Forstwirtschaft tätig sind
  • Gärten, Schupen, Dachböden oder Keller säubern
  • in Ställen arbeiten
  • sich oft in Feld oder Wald aufhalten, egal, ob beruflich oder privat
  • Camping machen.
"Eine Infektion ist bei uns aber relativ selten. Und wenn, dann besteht für den Menschen meist nur geringe Gefahr." Dr. Martin Eiden, Friedrich-Loeffler-Institut

Auf welchem Schiff ist das Hantavirus ausgebrochen?

Das relativ kleine Kreuzfahrtschiff "Hondius" gehört zu der niederländischen Betreibergesellschaft "Oceanwide Expeditions". Nur rund 150 Passagiere und Besatzungsmitglieder waren an Bord. Das Schiff war auf einer mehrwöchigen Kreuzfahrt von Argentinien in die Antarktis und hatte auch Stopps an mehreren abgelegenen Inseln im Südlichen Atlantik geplant.

Wie kam das Hantavirus auf das Kreuzfahrtschiff?

Menschen in Schutzanzügen fahren mit einem Boot zum Kreuzfahrtschiff "Hondius"

Helfer bereiteten am Mittwoch die Evakuierung von Crewmitgliedern vor.

Am Mittwoch bestätigte sich ein Verdacht, den Experten bereits Tage zuvor geäußert hatten: Das Hantavirus auf der "Hondius" wurde offenbar von Mensch zu Mensch übertragen. Bei einem nach Südafrika ausgeflogenen Passagier sei vorläufigen Testergebnissen zufolge der auf diesem Weg übertragbare Andes-Stamm des Virus nachgewiesen worden, teilte das südafrikanische Gesundheitsministerium mit.

Der Andes-Stamm ist auch in Argentinien verbreitet - dort wo die Kreuzfahrt ihren Ausgang genommen hat. Möglicherweise hat ein Passagier oder ein Crewmitglied sich bereits dort infiziert.

Breiten sich Infektionen häufig auf Kreuzfahrten aus?

Angesichts der beengten Verhältnisse auf einem Schiff in Kombination mit vielen geselligen Veranstaltungen im Bordprogramm können sich Infektionen laut dem Düsseldorfer Centrum für Reisemedizin (CRM) schnell ausbreiten. Das zeigte sich zum Beispiel im Jahr 2020, als zahlreiche Kreuzfahrtschiffe wegen des Coronavirus unter Quarantäne gestellt werden mussten. Auf einem einzigen Schiff waren etwa mehrere hundert Infektionen registriert worden.

Die am häufigsten gemeldeten Krankheiten auf Kreuzfahrtschiffen betreffen nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC Magen-Darm-Infektionen (30 bis 40 Prozent), etwa durch das Norovirus. Atemwegsinfektionen, darunter Grippe und Corona, sind für 10 Prozent der Krankheitsfälle verantwortlich.

Wie gefährlich ist das Hantavirus?

Der auf dem Schiff nachgewiesene Andes-Stamm gilt als erheblich kritischer als zum Beispiel die in Deutschland vorkommenden Varianten des Hantavirus. "Das Schiff ist in Südamerika unterwegs gewesen. In Südamerika sind die Hantaviren viel gefährlicher als bei uns. Es gibt dort Viren, die in sehr seltenen Fällen von Mensch zu Mensch übertragen werden können. Die gibt es so in Europa nicht", sagte Dr. Martin Eiden vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) am Montag.

Welche Symptome bringt das Hantavirus mit sich?

Erste Symptome zeigen sich laut RKI überlicherweise zwei bis vier Wochen nach der Ansteckung, in Ausnahmefällen nur fünf Tage oder bis zu 60 Tage nach der Ansteckung.

Die meisten Fälle, die es in Europa gibt, sind behandelbar oder verlaufen eher mild, sagt Martin Eiden vom FLI. "Die Menschen werden infiziert, merken es aber gar nicht. Bei gesunden Menschen sieht man in den meisten Fällen keine Symptome."

Schwere Fälle beginnen oft mit Schüttelfrost und Gliederschmerzen, wie eine klassische Grippe. Bei ganz schweren Fällen, gerade bei vorerkrankten Menschen, können beispielsweise Nierenfehlfunktionen auftreten, sagt Eiden.

Die in Deutschland beobachtete Krankheitsform heilt zumeist folgenlos ab, wenn sie rechtzeitig erkannt wird. Todesfälle sind sehr selten. Erkrankte sind in aller Regel nicht ansteckend.

Ist das Hantavirus so ansteckend wie Corona?

Der auf dem Kreuzfahrtschiff nachgewiesene Andes-Stamm ist zwar gefährlicher als die in Deutschland vorkommenden Varianten des Hantavirus - mit dem Coronavirus verglichen werden kann er aber nicht. Sowohl Infektiologen, Virologen als auch das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) sagen, dass ein großer Ausbruch wie in der Corona-Pandemie extrem unwahrscheinlich ist.

Für die deutsche Bevölkerung sei die Lage "nicht gefährlich", sagte der frühere Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) der Rheinischen Post: "Eine Pandemie droht nicht, weil die Übertragbarkeit des Virus dafür nicht ausreicht." Auch WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus betont:

"Das ist kein neues Covid." Tedros Adhanom Ghebreyesus,
Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO)

Das liegt insbesondere daran, dass die Andes-Variante nur bei sehr engem Kontakt übertragen werden kann. Diese Situation habe es auf dem Kreuzfahrtschiff gegeben, weil dort viele Menschen auf engem Raum über längere Zeit zusammen waren.

Wo kommen Hantaviren in Deutschland vor?

Hantavirus-Erkrankungen kommen in Deutschland nicht überall gleich häufig vor - und ihre Verbreitung variiert von Jahr zu Jahr. Im Jahr 2024 waren es bundesweit 423 Fälle, die an das Robert Koch-Institut gemeldet wurden. Zum Vergleich: Die Zahl der gemeldeten Covid-19- (256.100) und Influenza-Fälle (218.513) war bedeutend höher.

Verschiedene Nagetiere tragen das Hantavirus in sich, darunter Mäuse und Ratten. In Deutschland sind das vor allem Rötel- und Brandmäuse. Infektionen durch die Brandmaus kommen vor allem in Nord-, Nordost- und Ostdeutschland vor. Infektionen durch die Rötelmaus vor allem in Nordwest-, West- und Süddeutschland.

Gibt es Hantaviren auch in NRW?

Ja, aber es gibt nur wenige Menschen, die sich infizieren. Das Landesamt für Gesundheit und Arbeitsschutz hat im vergangenen Jahr landesweit nur 58 Fälle registriert. 2024 waren es 37, 2023 lag die Zahl bei 73. In NRW zählt der Kreis Coesfeld aufgrund seiner Nagetierpopulation zu den mittleren Risiko-Gebieten.

Die Risikoeinschätzung für die einzelnen Kreise beruht auf einem Prognosemodell des Julius Kühn-Instituts. "Dieses Modell hat für den Kreis Coesfeld auf Grund der dort vorkommenden Nagetierpopulationen und der in diesem Jahr zu erwartenden ökologischen Faktoren, die diese Populationen bestimmen, ein mittleres Risiko errechnet", schreibt das Landesamt auf Anfrage.

Heißt also, dort leben mehr Mäuse. Statistisch besteht hier eine größere Gefahr, sich zu infizieren. Das heißt aber noch lange nicht, dass man sich tatsächlich infiziert. Ein Großteil der Infektionen verläuft ohnehin ohne Symptome.

Wie schütze ich mich vor dem Hantavirus? Gibt es eine Impfung?

Es gibt weder eine Impfung noch eine spezielle Therapie. Daher ist es wichtig, vorzubeugen. Wer verhindern will, dass sich Mäuse und Ratten einnisten, kann Unterschlupf- und Nistmöglichkeiten beseitigen, etwa Sperrmüll und Abfallhaufen. Mülleimer sollten am besten geschlossen sein.

Wer Grillhütten, Keller, Dachböden oder Garagen reinigt, sollte dabei Gummihandschuhe und eine Atemschutzmaske tragen. Um sich zu infizieren, reicht es nämlich schon, aufgewirbelten Staub mit Spuren von Mäusekot einzuatmen. Wer im Garten arbeitet oder in der freien Natur ein Picknick macht, sollte Lebensmittel nicht ungeschützt auf dem Untergrund ablegen. Wenn möglich, sollte man die Hände vor dem Essen reinigen.

Unsere Quellen:

  • Nachrichtenagenturen dpa, Reuters und AFP
  • Homepage des Robert Koch-Instituts
  • Bundesministerium für Öffentliche Gesundheit
  • Interview mit Dr. Martin Eiden (Friedrich-Loeffler-Institut)
  • Landesamt für Gesundheit und Arbeitsschutz
  • Pressemitteilung von Oceanwide Expeditions
  • ARD-Studio Madrid
  • European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC)
  • US-Gesundheitsbehörde CDC

Sendung: WDR Fernsehen, WDR aktuell, 10.05.2026, 12:45 Uhr

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