Schuhregal in einer Kita

Vor Ort nachgefragt Mehr Gewalt in NRW-Kitas - was tun?

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In Kitas in NRW werden mehr Gewaltvorfälle gemeldet. Oft geht es um Gewalt zwischen Kindern, aber auch gegen und durch Erzieherinnen und Erzieher. Was sind die Gründe, was muss sich ändern? Wir haben bei Erzieherinnen, Elternvertretern und Fachleuten nachgefragt.

Von Solveig Bader

An diesem Tag ist die Stimmung unter den Kindern freundlich. Einige basteln an Tischen, andere turnen im Nebenraum. "Aktuell ist bei uns alles recht harmonisch", sagt Petra Müller, die seit vielen Jahren eine Kita in Gelsenkirchen leitet. Doch eine friedliche Situation könne auch schnell kippen. "Es fängt mit verbaler Gewalt an. Wenn eine Erzieherin ein Kind vor allen anderen dermaßen zusammenfaltet, ist das auch eine Form von Gewalt". Auch Kinder seien nicht zimperlich im Umgang mit Erzieherinnen. "Manche treten, spucken oder werfen mit Stühlen", so Petra Müller. Auch untereinander komme es häufig zu Körperverletzungen.

Deutlich mehr Meldungen von Gewalt in Kitas

Seit einigen Jahren steigen die Fälle von körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt in Kitas drastisch an. Das zeigen Statistiken der Landesjugendämter in NRW. 2025 haben die Landschaftsverbände Rheinland (LVR) und Westfalen-Lippe (LWL) insgesamt 4.838 Vorfälle erfasst. Im Jahr davor waren es noch 2.525. Das ist ein Anstieg von fast 80 Prozent.

Die meiste Gewalt spielt sich zwischen den Kindern ab, die Zahl der Körperverletzungen hat sich von 1.238 auf 2.481 Fälle verdoppelt. Aber auch Mitarbeitende in Kitas verhalten sich gegenüber Kindern übergriffig, die Fälle haben sich von 390 auf 1.084 erhöht. Wie kommt der drastische Anstieg der Fälle zustande? Bei der Einordnung spielen viele Aspekte eine Rolle.

Gewalt in Kitas wird häufiger gemeldet

Ein Grund ist der sogenannte "Meldeeffekt". Einrichtungen sind seit 2012 verpflichtet, Gewaltereignisse wie Körperverletzungen, gezieltes Mobbing oder sexuelle Übergriffe zu melden, aber erst seit einigen Jahren steigen die Meldungen deutlich an.

"Eltern, Träger und Einrichtungen sind nach einigen extremen Kinderschutzfällen sensibler geworden", so Markus Fischer, Sprecher des LWL. Außerdem würden Maßnahmen der Landesjugendämter greifen, die die Träger in den vergangenen Jahren intensiv auf die Meldepflichten hingewiesen hätten. Das "Hellfeld" sei größer geworden als früher, trotzdem sei noch von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.

"Eltern schauen genauer hin"

Auch Eltern schauen genauer hin, nehmen Gewalt sensibler wahr, beobachtet der Landeselternbeirat LEB, die Elternvertretung der Kindertagesstätten NRW. Dabei gehe es nicht nur um Kinder, sich sich gegenseitig verletzen, kratzen, schlagen und beißen. Auch Mitarbeitende seien zunehmend involviert. "An uns werden häufig Fälle von psychischer Gewalt herangetragen, die vom Kitapersonal ausgeht", so die Vorsitzende Daniela Heimann.

"Kinder werden zum Beispiel zum Mittagsschlaf genötigt oder müssten wiederholt Dinge aufessen, die sie nicht mögen." Bei Verweigerung gebe es für sie keinen Nachtisch oder zur Strafe müssten sie in separaten Räumen still sitzen. Wenn Kinder von solchen Vorfällen erzählen, sollten Eltern den direkten Kontakt zur Erzieherin oder der Leitung suchen und die Situation besprechen, rät der LEB. Auch Jugendämter sind Ansprechpartner, wenn es zu keiner Klärung kommt.

Steigende Gewalt in Kitas

WDR 20.04.2026 03:33 Min. Verfügbar bis 20.04.2028 WDR Online

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Fachkräftemangel und hohe Anforderungen begünstigen Gewalt

Wir haben auch Erzieherinnen und Erzieher gefragt, wie sie Gewalt in Kindertagesstätten wahrnehmen. Viele bestätigen, dass vor allem Kinder aggressiver geworden seien. Zu ihrem eigenen pädagogischen Fehlverhalten äußern sie sich allerdings ungern. Einige gaben an, sie fürchteten ein Imageproblem ihrer Einrichtung.

Mehr Gewalt in Kitas

Petra Müller, Kitaleiterin aus Gelsenkirchen

Kitaleiterin Petra Müller aus Gelsenkirchen äußert sich dagegen offen zu dem sensiblen Thema. Die 66-Jährige macht vor allem chronischen Fachkräftemangel, zu große Gruppen und herausforderndes Verhalten der Kinder für die gestiegene Anspannung im Kita-Alltag verantwortlich. Mitarbeitende seien emotional erschöpft und kämen schneller an ihre Grenzen. Gleichzeitig müssten sie immer mehr Kinder mit psychischen Auffälligkeiten und sprachlichen Barrieren fördern.

Sie engagiert sich deshalb bei der Gewerkschaft Verdi für bessere Arbeitsbedingungen, kämpft zum Beispiel für kleinere Gruppen und mehr Personal.

Mehr aggressives Verhalten bei Kindern

Die von uns befragten Erzieherinnen im Ruhrgebiet gaben an, mehr Kinder würden sich aggressiver und brutaler verhalten. Nicht nur untereinander, auch Erzieherinnen gegenüber. Sätze wie "Ich schneide dir die Kehle durch" oder "ich bring dich um" habe Dominika Curkovic, stellvertretende Leiterin der Kita Kapitelwiese in Essen, schon zu hören bekommen.

Auch die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Samra Fazlic aus Mülheim beobachtet diesen Trend mit Sorge. Fehlende familiäre Stabilität, die Nutzung digitaler Medien schon im frühen Kindesalter belaste viele Kinder. Außerdem seien Erwachsene häufig wenig ansprechbar, wenn es darum gehe, über den Umgang mit Gefühlen wie Wut, Trauer und Ängsten zu sprechen.

Gute Teamarbeit ist Schlüssel für Schutz von Kindern

Kitas müssen seit 2021 ein verbindliches Gewaltschutzkonzept vorlegen. Es vermittelt Regeln für einen respektvollen Umgang und Konfliktsituationen. Doch wo hört Konsequenz auf, wo fängt Gewalt an? Mehr als die Hälfte der Fachkräfte könne Konfliktsituationen häufig nicht richtig einschätzen und würde deshalb nicht eingreifen, zeigt eine bundesweite Befragung der Bertelsmann-Stiftung von etwa 21.000 Kita-Fach- und Leitungskräften, erschienen im Dezember 2025. "Entscheidend ist daher das Vertrauen und Zusammenspiel innerhalb des gesamten Kita-Teams", sagt Anette Stein, Expertin der Bertelsmann-Stiftung für frühkindliche Bildung. Sie fordert mehr Schulungen und Fachberatungen für Kitas.

Verbesserungen beim Kinderbildungsgesetz Kibiz - Politik muss handeln

Auch das NRW-Familienministerium beschäftigt sich am 23. April mit der Zukunft der Kitas. Im Düsseldorfer Landtag geht es im Rahmen von Reformplänen um das Kinderbildungsgesetz Kibiz.

Kinder- und Familienministerin Verena Schäffer (Grüne) will mehr Geld und Ressourcen vor allem in Brennpunkt-Einrichtungen investieren. Außerdem hatte sie angekündigt, bei den Reformplänen nachzubessern. Denn die könnten dafür sorgen, dass Gruppen nicht kleiner, sondern möglicherweise größer werden. Kitaleiterin Petra Müller aus Gelsenkirchen will mit der Gewerkschaft Verdi gegen die Reformpläne demonstrieren, denn nur mit kleineren Gruppen und genügend Fachkräften lasse sich das Risiko von Gewalt bekämpfen.

Unsere Quellen:

  • Eindrücke der Reporterin vor Ort
  • Gespräch mit Kita-Leiterin Petra Müller
  • Landeselternbeirat NRW
  • Bertelsmann-Stiftung
  • LVR Landesjugendamt Rheinland
  • Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Samra Fazlic

Sendung: WDR.de, "Steigende Gewalt in NRW-Kitas", 21.4.2026, 5.57 Uhr

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