Gewalt als Alltag: Essener Schulen wollen sich besser schützen
Aktuelle Stunde . 03.07.2025. 15:20 Min.. UT. Verfügbar bis 03.07.2027. WDR. Von Juliane Bielaß.
"Mehr Gewalt": Stadt Essen will alle Schulen sicher machen
Stand:
Messerattacken, Prügeleien und Amokdrohungen belasten immer mehr Schulen. Die Stadt Essen hat deshalb am Mittwochabend ein Sicherheitskonzept verabschiedet.
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Jetzt mitdiskutierenEs ist 9.40 Uhr. Pause an der Maria-Kunigunda-Grundschule in Essen-Karnap. Ein kleiner Junge mit T-Shirt und Kappe sitzt bei Schulleiter Udo Moter im Zimmer. Er wirkt still und schüchtern, aber "er darf nicht auf den Pausenhof, sonst prügelt und tritt er auf andere ein," sagt Udo Moter.
Auf die Frage, warum er das tut, antwortet der 10-Jährige: "Die haben mich beleidigt." Auch Schulkonferenzen und Gespräche mit den Eltern konnten die Prügelattacken nicht eindämmen. In den Pausen spricht Udo Moter nun täglich mit dem Jungen, um noch "irgendetwas zu bewegen."
"Auch mehr Gewalt" an der Essener Grundschule
Schulleiter Udo Moter erlebt "täglich Gewalt"
An unserer Schule erleben wir "mehr Gewalt als noch vor einigen Jahren, so, wie andere Schulen auch", sagt der Schulleiter. Das kleinste Schimpfwort könne zur Eskalation werden: "Da wird einfach draufgeschlagen, sofort." Auch Eltern kämen in die Klassenräume, wo sie "Lehrer attackieren, anschreien, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen, aus was auch immer für Gründen." Sogar die Polizei musste der Schulleiter schon rufen.
Lehrerin wurde geschlagen
Die Lehrerin Iris Beck läuft den Gang zum Lehrerzimmer lang und hat sofort ihre Erinnerung parat. Ein 10-Jähriger habe zugeschlagen als er in Rage war, erzählt sie. Plötzlich "gabs einen Schlag auf meine Rippen, mir ist die Luft weggeblieben."
Iris Beck hat als Grundschullehrerin schon selbst Gewalt erfahren
Nicht nur sie, auch die anderen Kinder seien geschockt gewesen. Was sie besonders verletzt habe, sei nicht der körperliche Schmerz gewesen, sondern die Tatsache, dass kleine Kinder die Hand gegen Lehrkräfte heben. Respekt? Fehlanzeige! Solche extremen Fälle seien aber die Ausnahme.
Demokratieprojekt für starke Kinder
(v.l.) Mario, Lillien, Isabel und Aaliyah machen beim Demokratieprojekt gegen Gewalt an ihrer Grundschule mit
Wir versuchen an der Schule schon früh, den Kindern einen freundlichen Umgang und Werte für ein Miteinander beizubringen, betont der Schulleiter, "zum festen Schulkonzept gehört ein Demokratieprogramm." Eine junge Lehrerin betreut die Kinder in kleinen Gruppen, spielt ihnen Meditationen vor, damit sie runterkommen. Mario, Lillien, Isabel und Aaliyah schließen die Augen und entspannen sich.
Demokratieprojekt gegen Gewalt an der Maria-Kunigunda-Grunschule in Essen
Danach erzählt Aaliyah vom Tag: "Ich hab heute Gutes für die Welt getan - ich bin zu meiner Nachbarin gegangen und hab mich mit ihr angefreundet. Die sind neu eingezogen." Als "Demokratiemitgestalter" sollen die Kinder verbreiten, was sie über ein freundliches Zusammenleben lernen.
Beschimpfung als "Hurensohn" normal
Obwohl sie keinen Ärger machen, werden sie auch beschimpft: "Sogar sehr sehr oft", sagt Lillien. Wörter wie "Blinde Kuh" oder "Hurensohn" stünden auf der Tagesordnung. Auch das F-Wort soll oft fallen, aber meist sei alles "nur aus Spaß."
Schließsysteme für die Sicherheit und Psychologen zum Reden
Für Udo Moter sind Schulen schon lange kein sicherer Ort mehr. Er ist froh, dass die Stadt das umfangreiche Konzept für alle 147 Schulen im Rat absegnet hat. "Wir brauchen Schließsysteme, damit Eltern nicht mehr einfach in die Klassen stürmen können." Und wir brauchen Psychologen, damit die Lehrer sofort nach den Vorfällen mit ihnen über das sprechen können, "was sie quält."
Das Sicherheitskonzept ist 19 Seiten lang. Die Gebäude sollen zum Beispiel durch Schließsysteme sicher gemacht werden, damit Angriffe von außen, durch Amokläufer oder wütende Eltern, abgewehrt werden können.
In schweren Fällen werden Sicherheitsdienste eingesetzt. Lehrer und Schüler bekommen regelmäßig Schulungen und Demokratieprojekte, wie an der Maria-Kunigunda-Schule.
Unsere Quellen:
- Reporterin vor Ort
- Interview mit Schulleiter Udo Moter
- Interview mit Lehrerin Iris Beck
- Gespräch mit Kindern der Maria-Kunigunda-Grundschule
- Stadt Essen
Über dieses Thema berichten wir am 3. Juli 2025 auch im WDR Hörfunk und im WDR Fernsehen: Lokalzeit Ruhr, 19:30 Uhr.
7 Kommentare
Kommentar 7: Franziska 1 schreibt am 04.07.2025, 18:18 Uhr :
Im Artikel steht: "Und wir brauchen Psychologen, damit die Lehrer sofort nach den Vorfällen mit ihnen über das sprechen können, "was sie quält." Wir brauchen also Psychologen für die Lehrer, damit die wissen was zu tun ist? Wir brauchen Eltern, die mehr sich Zeit nehmen um mit den Kindern zu sprechen. Gibt es eine Familie noch, die mit Kindern sprechen was Kinder quält? Die Politik nimmt ihnen anscheinend die Zeit weg, bei ihren politischen Visionen. Was ist das für eine Zeit geworden, wo jeder zeitmäßig unter Druck gesetzt wird. Frauen sollen arbeiten gehen damit die Wirtschaft wächst? Sie müssen arbeiten, weil das Geld nicht langt. Schön langsam benötigen wir alle Psychologen bei der Zeitenwende, wenn die Erziehungskultur so zusammen bricht,
Kommentar 6: Brigitta S. schreibt am 04.07.2025, 17:18 Uhr :
Wenn der Staat, die Regierung meint, nur das Personal müsse die Kinder in der Kita, Schule zu anständige gewaltlose Kinder erziehen, dann stimmt was in der Reihenfolge der Erziehung nicht mehr. Bei der Grunderziehung haben als erstes die Eltern, die Alleinerzieher die Pflicht, die Verantwortung darüber das sich ein Kind gut entwickelt. Die Kita, die Schule sollte dabei eine Unterstützung sein. Fehler wurden viele gemacht in der Politik, wo es hieß die Kinder haben auch ihre Rechte. Ego- Kinder verstehen es anders. Klar, Rechte stehen ihnen zu, aber bitte eingegrenzt. Jedes Kind was geboren wird, der Kopf wird erst durch sichtbare Erfahrungen in der Familie und Eindrücke im Laufe der Jahre lernbar. Was Kinder sehr verändert, dass ist die Gewalt was täglich der Fernseher den Kinderaugen vorzeigt. Ein Handy zu früh dem Kind in die Hand gedrückt, dass Internet macht die Erziehung nicht leichter. Es wird immer von Kinderschutz geredet, wo ist der Schutz bei Kinder-Mobbing und Gewalt?
Kommentar 5: Jo schreibt am 04.07.2025, 10:14 Uhr :
In den 1960er und 70er Jahren saß die „geprügelte Generation“ eingeschüchtert und traumatisiert in den Klassenzimmern, die Lehrer waren auch noch „aus der alten Schule“, sehr autoritär und nicht selten niederträchtig. Gegen einen Lehrer aufzustehen, hätte damals kaum jemand gewagt. Junge liberale Lehrer waren damals eine Wohltat. Im Jahr 2000 wurde zum Glück die Gewalt in der Erziehung endlich verboten. Das hat dazu geführt, daß Kinder jetzt Regeln hinterfragen und für ihre Rechte aufstehen, im Grunde eine gute Entwicklung. Natürlich gibt es die andere Seite der Medaille, daß manche über das Ziel hinausschießen und erst den angemessenen Umgang mit der Freiheit lernen müssen. Wenn man nicht zur „schwarzen Pädagogik“ zurück will, wird man das akzeptieren müssen. Für den konkreten Alltag in den Schulen bedeutet das, daß es in den Schulklassen Assistenten braucht, die die Lehrkräfte entlasten, so daß sich diese voll auf ihren Lehrauftrag konzentrieren können.
Kommentar 4: Rumpelstilz schreibt am 04.07.2025, 09:38 Uhr :
Recht traurige Angelegenheit. So lange nur die Symptome statt der bekannten Ursachen amateurhaft zur Seite geschoben werden, wird sich wenig ändern. Genau diese halbherzigen Handlungsweisen verhelfen Demagogen zu mehr Popularität. Egal ob Schule oder Schwimmbad, oder, oder, oder ... wozu haben wir Gesetze, wenn die nicht konsequent umgesetzt werden?
Kommentar 3: Dr. Sylvia Burkert schreibt am 03.07.2025, 17:18 Uhr :
SICHERHEITSDIENSTE in schweren Fällen?????? Klar, wenn es nicht genug Lehrer gibt, dann müssen die verfehlte Bildungspolitik Sicherheitskräfte richten. Was für ein Armutszeugnis!
Antwort von Sandra , geschrieben am 03.07.2025, 20:07 Uhr :
Es liegt an den Elternhäusern, die dem Kindern keine oder die falschen Werte mit auf dem Weg geben. Die Versäumnisse der ersten 6 Jahre lassen sich nicht ohne weiteres aufholen. Wenn ein Stopp oder Nein nicht respektiert wird und die Person selbst auch nicht, was soll dann helfen? Eine Lehrkraft auf 30 Schüler sicher nicht
Kommentar 2: moeschtijall schreibt am 03.07.2025, 15:04 Uhr :
Ich(72), frage mich wirklich inzwischen, was WIR bei der Erziehung UNSERER Kinder (den Eltern der Enkelkinder) falsch gemacht haben. Von meiner 40jährigen Tochter bekomme ich zur Antwort, daß die Kinder lernen müssten sich zu wehren.
Antwort von Texo , geschrieben am 03.07.2025, 19:12 Uhr :
Das selbe höre ich auch immer wieder. Das sind sicherlich die falschen Ansätze das die Kinder lernen sich Wehren zu müssen.
Kommentar 1: Christiane Schmitz schreibt am 03.07.2025, 13:07 Uhr :
Als Leiterin der Regionalgruppe Seniorpartner in SchoolEssen höre ich gerade sehr interessiert den Beitrag zu Gewalt an Schulen. Wir sind als ausgebildete Schulmediatoren ehrenamtlich an sieben Essener Grundschulen jeweils einen Tag in der Woche mit den Schülern im Rahmen von Mediationen im Gespräch.. Wir helfen ihnen, ihre Konflikte gewaltfrei zu lösen. Leider sind wir viel zu wenige und ständig auf der Suche nach Senioren, die unser Team verstärken können. Ich würde mich freuen, wenn sie uns über ihren Sender im Ruhrgebiet bekannt machen könnten. Mein Kontakt: c.h.schmitz@gmx.de Ich freue mich über eine Rückmeldung. Liebe Grüße Christiane Schmitz