Zwei Mädchen mit Schulrucksack schauen zwischen geparkten Autos hervor

Immer mehr Schulwegunfälle "Elterntaxis sind Teil des Problems"

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Die Zahl der Schulwegunfälle steigt: Für Verkehrspsychologe Patrick Grieser ein Grund mehr, Kinder allein zur Schule zu schicken.

Wenn sich Kinder zu Fuß auf den Weg zur Schule machen, bleiben Eltern oft mit einem unguten Gefühl zurück. Viele bringen den Nachwuchs daher lieber selbst mit dem Auto bis zum Schultor. 19 Prozent der Grundschüler fahren einer aktuellen ADAC-Umfrage zufolge jeden Tag mit dem "Elterntaxi" zum Unterricht. Weitere neun Prozent jeden zweiten Tag.

Elterntaxi: Zwischen Stigma und Sicherheit

WDR 5 Neugier genügt - Freifläche 28.05.2026 19:45 Min. Verfügbar bis 27.05.2027 WDR 5

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Die Fakten scheinen einigen besorgten Eltern recht zu geben: Nach Zahlen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) ist im vergangenen Jahr die Zahl der Schulwegunfälle in NRW auf den höchsten Wert seit 2016 gestiegen: Insgesamt 24.191 Kinder verunglückten demnach auf dem Weg zum Unterricht. Auch wenn die DGUV betont, dass dabei nicht nur Verkehrs-, sondern auch Stolperunfälle oder Prügeleien gezählt wurden - das Risiko läuft offenbar immer mit.

Elterntaxis seien dennoch nicht die Lösung, sondern Teil des Problems, sagt der Frankfurter Verkehrspsychologe Patrick Grieser im WDR-Interview. Wer sein Kind vor allen Gefahren abschirme, tue ihm keinen Gefallen. Sondern hindere es daran, einen sicheren Umgang mit dem Straßenverkehr zu erlernen.

Herr Grieser, was muss ein Kind gelernt haben, um sicher zu Schule zu kommen?

Patrick Grieser: Das Wichtigste ist immer noch die Erziehung zur Selbstständigkeit. Das Kind sollte fähig sein, von A nach B zu kommen - und zwar ohne die Unterstützung der Eltern oder anderer Erwachsener. Das ist nicht nur positiv für die Verkehrssicherheit, sondern steigert auch das kindliche Selbstbewusstsein.

Patrick Grieser

Patrick Grieser

Technisch sollte das Kind dazu fähig sein, mögliche Gefahren wahrzunehmen und die zuvor gelernten Verkehrsregeln im Alltag anzuwenden. Vor allem natürlich die Grundregel, dass man vor dem Überqueren einer Straße stehen bleibt.

Wo lauern auf dem Schulweg die größten Gefahren?

Grieser: Das ist vom Entwicklungsstand des Kindes abhängig. Kleine Kinder sind weniger geübt darin, sich einen Überblick über eine komplizierte Verkehrssituation zu verschaffen: zum Beispiel eine viel befahrene Straße. Das hat auch physiologische Gründe: Sie haben im Vergleich zu Erwachsenen ein eingeschränktes Sichtfeld und können die Geschwindigkeit fahrender Autos schlecht einschätzen.

Bei älteren Kindern funktioniert das zwar besser, aber sie neigen teilweise angesichts ihrer höheren Verkehrskompetenz dazu, sich selbst zu überschätzen. Vor allem kindlich-impulsives Verhalten kann dann zu gefährlichen Situationen führen.

Wie sollte ein gutes Verkehrstraining durch die Eltern ablaufen?

Grieser: Es sollte vor allem möglichst früh passieren. Am besten noch vor der Einschulung. Dabei sollten bestimmte Wegstrecken immer wieder zusammen abgelaufen werden. Das Elternteil weist dabei immer wieder auf mögliche Gefahrenstellen hin und demonstriert, wie man diese sicher passiert. Nach und nach sollte dann der Schwierigkeitsgrad gesteigert werden. Der Erwachsene ist dann vielleicht nicht mehr die ganze Strecke dabei, sondern das Kind muss immer größere Abschnitte allein zurücklegen.

Mutter und Kind auf einem schmalen Bürgersteig neben einem Lastwagen

Verkehrstraining schon vor der Einschulung

Das kann man vielleicht mit dem Fahrradfahren vergleichen. Zunächst geht ohne Stützräder gar nichts. Aber mit der Zeit werden die immer weiter hochgeschraubt, sodass sich das Kind stufenweise an die neue Situation gewöhnen kann.

Was können die Schulen tun?

Grieser: Auch wenn sie das Training durch die Eltern nicht ersetzen können - auch Schulen haben bei der Verkehrserziehung eine wichtige Funktion. Ich denke dabei vor allem an die Tage, wenn die Polizei zur Grundschule kommt und den Kindern Regeln und Gesetze im Straßenverkehr vorstellt. Das ist beeindruckend und hat einen starken unterstützenden Charakter.

Aber die Schulen sollten auch die Eltern ermutigen, ihren Kindern mehr Selbstständigkeit auf dem Schulweg zu ermöglichen. Auch indem man den Eltern die Angst nimmt und versucht, eine überzogene Risikowahrnehmung abzumildern.

Experten warnen vor "Elterntaxis", bei denen die Kinder bis vor das Schultor gefahren werden. Wie sehen Sie das?

Grieser: Das Konzept der Elterntaxis beruht auf einem grundlegenden Denkfehler. Viele Eltern wollen das Kind nicht allein zur Schule laufen lassen, weil sie die Gefahren des Schulwegs fürchten. Gleichzeitig werden die Gefahren unterschätzt, die durch das hohe Verkehrsaufkommen vor dem Schultor entstehen.

Aber sind Sorgen angesichts der heutigen schwierigen Verkehrslage - vor allem in größeren Städten - nicht völlig berechtigt?

Grieser: Ja und nein. Zwar hat der Verkehr im urbanen Umfeld zugenommen. Aber die Risiken, die einem Kind im Straßenverkehr drohen, werden dennoch von vielen Eltern weit überschätzt.

Seit vergangenem Jahr können NRW-Kommunen Schulstraßen zu den Stoßzeiten vor Unterrichtsbeginn für den Verkehr sperren. Ist das die Lösung gegen Elterntaxis?

Grieser: Ich bin ein großer Befürworter solcher Schulstraßen. Das Gefahrenpotenzial sinkt gewaltig, wenn das allmorgendliche Verkehrschaos vor Schulen nicht mehr stattfindet. Allerdings muss man auch im Blick behalten, ob die Sperrung vielleicht das Problem nur in die Nebenstraßen verlagert. Möglicherweise kann aber bereits die Einrichtung einer Schulstraße dazu führen, dass mehr Eltern ihre Kinder zu Fuß zur Schule schicken.

Elterntaxis: "Fördern Bequemlichkeit des Kindes"

WDR 5 Morgenecho - Interview 18.09.2025 07:09 Min. Verfügbar bis 18.09.2026 WDR 5

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Macht es aus Sicht der Verkehrspsychologie einen großen Unterschied, ob Kinder zu Fuß oder mit Rad und Roller unterwegs sind?

Grieser: Auf jeden Fall. Verkehrsanfänger sollten möglichst zu Fuß gehen, weil durch die relativ geringe Geschwindigkeit eine bessere Kontrolle neuer und ungewohnter Situationen möglich ist. Mit Rollern und Rädern steigt das Tempo und es gibt mehr Konfliktpunkte mit dem Straßenverkehr. Das ist eher was für ältere Kinder und Jugendliche - wobei man das immer vom individuellen Entwicklungsstand abhängig machen sollte.

Das Interview führte Andreas Poulakos.

Sind Elterntaxis Teil des Problems?

WDR 09.06.2026 01:31 Min. Verfügbar bis 08.06.2028 WDR Online

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Unsere Quellen:

  • WDR-Gespräch mit Patrick Grieser
  • Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung
  • ADAC

Sendung: WDR.de, Sind Elterntaxis Teil des Problems?, 10.06.2026, 5:03 Uhr

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