Wie viel Tip ist angemessen, Professor Diestel?
02:54 Min.. Verfügbar bis 21.05.2028.
Der 21. Mai gilt als Tag des Trinkgeldes. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) nimmt dies zum Anlass, auf die Bedeutung von Trinkgeld als direkte Anerkennung für die Arbeit im Service und in der Küche aufmerksam zu machen - und ruft Gäste dazu auf, im Restaurant nicht zu geizen. Wir haben darüber mit dem Wirtschaftspsychologen Prof. Dr. Stefan Diestel von der Bergischen Universität Wuppertal gesprochen.
Herr Prof. Diestel, die Gewerkschaft fordert aktuell, beim Trinkgeld nochmal was drauf zu legen. Was sagen Sie dazu?
Prof. Dr. Stefan Diestel: Es ist zum einen eine Form von Anerkennung und Wertschätzung. Jede Dienstleistung ist teilweise sehr aufwendig, kostet viel Kraft, viel Emotion und wenn eben Kundinnen und Kunden Trinkgelder geben, dann ist es eine Form von Respekt und Anerkennung. Andererseits ist es eben auch ein sehr großer ökonomischer Faktor, gerade für diejenigen, die die Dienstleistung ausüben.
Laut DEHOGA sind es wohl in Wuppertal 8% Trinkeld und die NGG sagt bei 15% könnte es ruhig mal liegen. Wie sehen sie das?
Diestel: Ja, die Frage ist ja letztlich, ob diejenigen, die Serviceleistungen erbringen, auch angemessen vergütet werden. Da ist es dann eigentlich die Aufgabe des Arbeitgebers, dass Beschäftigte angemessen vergütet werden und die Abhängigkeit von Trinkgeldern einfach nicht so groß ist.
Prof. Dr. Stefan Diestel
Also kritisieren Sie die Abhängigkeit von Trinkgeldern?
Diestel: Ja. Eigentlich ist die politische Aufgabe an der Stelle, einen Mindestlohn zu definieren, der die Abhängigkeit von den Trinkgeldern möglichst gering hält.
Bekommen wir denn jetzt so langsam amerikanische Verhältnisse?
Diestel: Das kommt drauf an. Also es gibt viel im Bereich Leiharbeit - Beschäftigte, die nicht tariflich eingestellt sind, die nicht die Möglichkeit haben, sich zum Beispiel gewerkschaftlich zu organisieren und für Lohnsteigerungen zu kämpfen. Die Reallöhne stagnieren seit 20 Jahren, vor allen Dingen in den mittleren und unteren Gehaltsgruppen.
Man sieht jetzt fast überall Kartengeräte, bei denen die Trinkgelder schon vorgegeben sind. Was sagen Sie denn dazu?
Diestel: Ja, es gibt psychologische Experimente, die zeigen, dass das den sozialen Druck erhöht. Schöner wäre es natürlich, wenn es bei diesen Geräten so ein Freifeld geben würde, in dem eben jeder Kunde, jede Kundin selber eingeben kann, wie viel er oder sie eben geben möchte.
Wie viel Trinkgeld halten Sie in Deutschland für angemessen?
Diestel: So im Bereich 50 bis 100 Euro würde ich sagen, fünf bis zehn Prozent. Und wenn es darüber hinausgeht, dann eher weniger, also so fünf Prozent.
Das Interview wurde geführt von WDR-Reporterin Gaby van den Boom.
Unsere Quelle:
- WDR-Gespräch mit Prof. Dr. Stefan Diestel
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Bergisches Land, 21.05.2026, 19:30 Uhr