Lebenslänglich: Urteil im Terror-Prozess Solingen

Lokalzeit Bergisches Land 10.09.2025 06:22 Min. Verfügbar bis 10.09.2027 WDR Von René Rabenschlag

WDR-Reporter: "Habe beim Solingen-Attentäter keinerlei Reue gespürt"

Stand:

Nach 15 Wochen nun das Urteil: Lebenslang mit Sicherungsverwahrung für den Attentäter Issa al Hasan. Wie unser Gerichtsreporter den Prozess in Düsseldorf beobachtet hat.

Am Mittwoch ist das Urteil im Solinger Terror-Prozess gefallen. Es ging um den Messerangriff auf das Stadtfest im August 2024 mit drei Toten und neun Schwerverletzten. WDR-Gerichtsreporter René Rabenschlag hat den Prozess von Beginn an für uns beobachtet und sagt: "Das 'Warum der Tat' ist den Opfern bis heute nicht vollständig klar."

WDR-Reporter René Rabenschlag | Bildquelle: WDR / Wolfram Lumpe

WDR: Das Urteil ist erst ein paar Stunden alt. Was hast Du während der Urteilsverkündung beobachtet?

René Rabenschlag: Der Attentäter kam mit Badeschlappen ins Gericht und hat das Urteil sehr teilnahmslos verfolgt. Den Opfern sah man an, dass sie mit dem Urteil sehr zufrieden sind. Der Richter hat die Höchststrafe verhängt und stellte auch nochmal das Leid der Opfer heraus. Letzlich ist so ein Gerichtsverfahren immer sehr technisch: Einer redet, die anderen hören zu.

WDR: Lange hat der Täter kaum gesprochen. Ende August redete er plötzlich ausführlich über sein Motiv. Hast Du bei seinen Äußerungen zuletzt so etwas wie Reue gespürt?

René Rabenschlag: Ich habe als Beobachter beim Solingen-Attentäter keinerlei Reue gespürt. Al Hasan hat sehr ausführlich über die Lage in Nahost erzählt und seine Sicht auf die Welt dargestellt. Besonders, wie dort die Kinder leiden. Deshalb hat er für sich entschieden: Auf dem Stadtfest in Solingen darf nicht getanzt werden. Wenn Kinder im Gaza-Streifen leiden, dann dürfen wir als westliche Welt keine Freude haben.

Die Aussage war sehr impulsiv herausgeplaudert, ohne vom Blatt abzulesen. Sein Verteidiger hat mir danach auch erzählt, dass er das Gefühl habe, dort einen ‚echten‘ und ‚ehrlichen‘ Issa al Hasan erlebt zu haben – auch wenn die Aussagen für Aussenstehende schwer zu ertragen seien.

Issa al Hasan vor Gericht | Bildquelle: dpa/Federico Gambarini

WDR: Seine Erzählungen müssen doch auch für die Betroffenen vor Gericht hart gewesen sein?

René Rabenschlag: Die Reaktionen im Gerichtssaal waren sehr zurückhaltend, da ging jetzt kein Raunen durch die Menge. Den Opfern war es wichtig, dass der Täter hart verurteilt wird. Die Aussagen selbst waren den Betroffenen gar nicht so wichtig. Gleichwohl wünschen sich einige der Opfer natürlich auch einen ‚Erklärung‘ für die Tat. Die haben sie im Prozess nicht bekommen. Es ist nicht zu verstehen, wie ein Mensch zu solch einer Tat fähig ist.

Das nun vom Gericht bestätigte islamistische Motiv ist mehr eine politische Diskussion, während die Opfer mit dem unfassbaren Leid weiterleben müssen. Es sind ja auch all die anderen zigtausenden Besucher des Stadtfestes betroffen. Der Attentäter hat seine Opfer zufällig ausgesucht. Er hätte an diesem Abend mit seinem Messer Jeden treffen können.

Der Prozess in Düsseldorf wurde von vielen Medien in Deutschland beobachtet. | Bildquelle: WDR/Wolfram Lumpe

WDR: So wahllos der Attentäter zustach, so gezielt soll er sich auf die Tat vorbereitet haben. Er hat "Allahu akbar" gerufen, der IS hat sich zu dem Anschlag offiziell bekannt. Was kann man dazu sagen?

René Rabenschlag: Ich habe im Prozess Zeugen kennengelernt, die geschildert haben, wie sich Issa al Hasan radikalisierte. Das passierte sozusagen im stillen Kämmerlein und war wohl auch nicht offensichtlich: Er soll sich sehr viele Videos im Internet angeschaut haben, baute Kontakte und Chatgruppen auf und ist schließlich auch mit IS-Verantwortlichen in Kontakt getreten. Die haben ihm eine Art Beratung gegeben, quasi eine Checkliste für den Anschlag: Welches Messer er nehmen soll, womit er mehr Schaden anrichten kann.

Das Gericht sagt nun: Er war zum Tatzeitpunkt IS-Mitglied, hat selbstständig den Kontakt zu den Terroristen gesucht. Es war ihm auch vollends bewusst, welche Ziele der Islamische Staat verfolgt. Seine Begründung, er wollte nur gegen das Leid von Kindern in Gaza protestieren, hielt vor Gericht nicht stand. Das Urteil, lebenslang mit Sicherungsverwahrung, habe ich letztlich genau so erwartet.

Das Interview mit René Rabenschlag führte Julian Piepkorn, WDR-Studio Wuppertal.

Unsere Quellen:

  • Beobachtungen des WDR-Reporters René Rabenschlag
  • Urteil Oberlandesgericht Düsseldorf

Über dieses Thema berichtet der WDR am 10.09.2025 auch im WDR-Fernsehen: Aktuelle Stunde um 18.45 Uhr.