Mit 70plus noch arbeiten: Chance oder No-go?
Aktuelle Stunde . 23.09.2025. 11:05 Min.. UT. Verfügbar bis 23.09.2027. WDR. Von Ann-Kathrin Stracke.
BVerfG kippt Altersgrenze für Notare: Warum Menschen länger arbeiten
Stand:
Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass ein Jurist aus Dinslaken auch mit 71 noch weiter als Notar arbeiten darf. Welchen Sinn hat eine Altersgrenze? Und wie viele Menschen arbeiten trotz der Rente weiter in Deutschland? Fragen und Antworten
Der amerikanische Präsident wird nächstes Jahr 80 Jahre alt, der deutsche Bundeskanzler wird dieses Jahr 70 - beide Männer könnten schon in Rente sein, sind sie aber nicht. In der Politik ist das üblich. Aber mit 71 Jahren als Notar arbeiten - das durfte man bisher nicht.
Das zeigt der Fall eines Juristen aus NRW, der auch über das 70. Lebensjahr hinaus weiter als Notar arbeiten will. Er scheiterte bisher jedoch an einer Altersgrenze. Denn in der Bundesnotarordnung ist geregelt, dass das Notarsamt automatisch mit dem Ende des Monats erlischt, in dem der Notar oder die Notarin das 70. Lebensjahr vollendet.
Bundesverfassungsgericht: Altersgrenze für Notare verfassungswidrig
Diese Altersgrenze hat das Bundesverfassungsgericht am Dienstag gekippt. Es begründete sein Urteil unter anderem mit dem Mangel an Bewerbern für das sogenannte Anwaltsnotariat. Anwaltsnotare sind Rechtsanwälte, die mit einer Zusatzqualifikation auch als Notare arbeiten; je nach Bundesland gibt es haupt- oder nebenberufliche Notare.
Die alte Regelung gilt noch bis zum 30. Juni 2026. Bis dahin muss der Gesetzgeber laut Gericht eine Neuregelung schaffen. In dem Fall hatte der Jurist eine Verfassungsbeschwerde gegen die Altersgrenze eingereicht. Er sah sich durch den erzwungenen Ruhestand in seiner Berufsfreiheit verletzt.
Welchen Sinn hat eine Altersgrenze wie die, um die es hier geht? Warum entscheidet man sich dafür, nach dem Renteneintritt weiterzuarbeiten? Und welche Möglichkeiten gibt es?
Wie viele Menschen arbeiten in der Rente weiter?
Nach Angaben des Statistischen Bundesamts arbeiteten 2023 13 Prozent der Rentnerinnen und Rentner nach dem Renteneintritt weiter. Davon setzten sechs Prozent ihre Arbeit danach unverändert fort, sieben Prozent arbeiteten mit Veränderungen weiter. Das heißt, sie reduzierten beispielsweise die Stundenzahl oder wechselten nach Renteneintritt den Job.
Welche Gründe haben Menschen, länger zu arbeiten?
Jenna Wünsche, Psychologin und Mitarbeiterin des Deutschen Zentrums für Altersfragen in Berlin
Jenna Wünsche ist Psychologin und Mitarbeiterin des Deutschen Zentrums für Altersfragen in Berlin. Sie erklärt, dass sich vorrangig Menschen mit einem hohen Bildungsniveau und Menschen mit einem niedrigen Einkommen dazu entscheiden, nach dem Rentenalter noch weiterzuarbeiten. Bei Personen mit niedrigem Einkommen seien häufiger finanzielle Gründe der Motivator. Bei Personen mit einem hohen Bildungsniveau sei die Motivation vor allem die "Freude bei der Arbeit, das Bedürfnis danach noch einer sinnvollen Aufgabe nachzugehen und auch die sozialen Kontakte".
Das deckt sich auch mit den Zahlen des Statistischen Bundesamts. Danach gaben 33 Prozent der Rentnerinnen und Rentner an, aus finanziellen Gründen weiterzuarbeiten. 29 Prozent gaben die Freude an der Arbeit als Hauptgrund für ihre Erwerbstätigkeit an.
Welchen Sinn hat eine Altersgrenze?
Wünsche sagt, dass das Alter durchaus "biologische Abbauprozesse in der kognitiven Leistungsfähigkeit" mit sich bringt. Das Wissen steigt jedoch im Alter, wodurch die verringerte "Denkgeschwindigkeit" kompensiert werden kann. Man könne also davon ausgehen, dass beispielsweise Anwältinnen und Anwälte auch im Alter eine hohe Leistungsfähigkeit besitzen.
"Das Wissen steigt, die Geschwindigkeit nimmt ein wenig ab." Jenna Wünsche, Psychologin und Mitarbeiterin des Zentrums für Altersfragen in Berlin
Problematisch wird es laut Wünsche nur bei Berufen, bei denen man "in Echtzeit sehr schnell komplexe Entscheidungen treffen" müsse, wie beispielsweise als Chirurg oder Fluglotse.
Was sind die Vorteile von Altersgrenzen?
Ein Vorteil der Altersgrenzen ist laut Wünsche, dass sie für die Arbeitnehmenden eine Schutzfunktion haben. So kann ab einem bestimmten Alter keiner genötigt werden, noch weiterzuarbeiten. Gleichzeitig besäßen Altersgrenzen auch eine Rationalisierungsfunktion - denn sie verhindern, dass Arbeitnehmende sich für den Renteneintritt rechtfertigen müssen.
Als weiteren Vorteil bringt Wünsche an, dass Altersgrenzen auch eine Planungs- und Orientierungsfunktion besitzen. Durch sie kann sich sowohl der Arbeitnehmende als auch der Arbeitgeber darauf einstellen, dass das Arbeitsverhältnis zu dem entsprechenden Zeitpunkt hin endet.
Was sind die Nachteile von Altersgrenzen?
Einen Nachteil sieht Wünsche darin, dass von Altersgrenzen auch eine Botschaft ausginge. Diese Botschaft sei, dass ältere Arbeitnehmende ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr leistungsfähig genug und somit nicht mehr nützlich für die Arbeitswelt seien. "Das kann durchaus auch als diskriminierend wahrgenommen werden", meint Wünsche.
Laut Wünsche wird der Gesellschaft und auch den jüngeren Arbeitnehmenden dadurch ein ungünstiges Arbeitsbild vermittelt. Denn gerade in einer alternden Gesellschaft werde "die Expertise und auch einfach die Arbeitskraft" älterer Menschen benötigt.
Welche Möglichkeiten gibt es?
Laut der Website der Bundesregierung gibt es seit dem 1. Januar 2017 das Flexirentengesetz. Dabei handelt es sich nicht um ein eigenständiges Rentenmodell, vielmehr sind unter diesem Gesetz Möglichkeiten zusammengefasst, Rente und Hinzuverdienst flexibel zu kombinieren. Es besteht beispielsweise die Möglichkeit, die Regelaltersrente zu verschieben und weiterhin zu arbeiten. Die andere Möglichkeit ist, neben der Rente weiterzuarbeiten.
Die Vorteile beider Modelle: Für jeden Monat des späteren Rentenbeginns erhält man einen Zuschlag von 0,5 Prozent auf die Rente. Außerdem erhöht sich die Rente durch die laufende Beitragszahlung zur Rentenversicherung. Beiträge zur Arbeitslosenversicherung müssen nicht mehr gezahlt werden.
Außerdem können auch Frührentner mit einem Nebenjob beliebig viel hinzuverdienen. Weitere Informationen findet man auf der Website der Deutschen Rentenversicherung. Dort kann man sich auch individuell beraten lassen.
Hinweis der Redaktion vom 23.09.2025, 17:04 Uhr: In der vorherigen Fassung hatten wir die Einschätzung der Psychologin Jenna Wünsche wiedergegeben mit: Bei Personen mit niedrigem Einkommen seien "meist finanzielle Gründe der Motivator". Tatsächlich hat sie aber gesagt, es seien "häufiger finanzielle Gründe der Motivator".
Unsere Quellen:
- Interview mit Jenna Wünsche, Psychologin und Mitarbeiterin des Deutschen Zentrums für Altersfragen in Berlin
- Nachrichtenagentur dpa
- Website des Statistischen Bundesamts
- Website der Bundesregierung
- Website der Deutschen Rentenversicherung
- Nachrichtenagentur AFPD
Über dieses Thema berichtet die Aktuelle Stunde am 23. September 2025 ab 18.45 Uhr im WDR Fernsehen.
