Interview zur Intensivmedizin mit Uwe Janssens

WDR 07:41 Min. Verfügbar bis 18.06.2028

Interview zum Tag der Intensivmedizin "Empathie wird nicht bezahlt"

Stand:

Zum heutigen Tag der Intensivmedizin haben wir mit dem Generalsekretär der Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Professor Uwe Janssens, gesprochen. Ihm macht die Krankenhausreform große Sorgen und er plädiert für Menschlichkeit in der Intensivmedizin.

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Bettina Staubitz

Herr Janssens, wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen für die Intensivmedizin? 

Uwe Janssens: Die größte Herausforderung liegt aus unserer Sicht in der demografischen Entwicklung unserer Bevölkerung. Wir werden in den nächsten Jahren eine große Zunahme älterer Patienten sehen. Diese Patienten sind schwerer krank und haben viele Begleiterkrankungen. Sie werden die Intensivmedizin, die Notfallmedizin, aber auch die übrige ambulante Medizin vor große Herausforderungen stellen, die von der Politik bislang noch nicht ausreichend adressiert werden.

Es geht ja viel in der Medizin - sollten wir auch alles machen? 

Janssens: Ja, wir können sehr viel. Das ist allerdings nicht das, was wir wollen. Wir müssen wieder zurück zu einer patientenzentrierten Medizin, die sich an den Bedürfnissen der Patienten orientiert. Dabei geht es nicht unbedingt darum, unendlich alt zu werden. Es geht darum sicherzustellen, dass die Patienten durch die Intensivmedizin in ein eigenbestimmtes Leben zurückgeführt werden. Das ist unsere Aufgabe. Gleichzeitig ist das eine enorme Herausforderung, vor der wir derzeit stehen. Die übrigens auch noch nicht gelöst ist, weil diese Debatte weder in der Gesellschaft noch in der Politik ausreichend geführt wird.

Prof. Uwe Janssens

Uwe Janssens blickt kritisch auf die Krankenhausreform

Also einfach auch mal etwas lassen, wo alle natürlich sagen: "Doch, das muss jetzt noch sein mit 95"?

Janssens: Nicht alles, was wir können, ist sinnvoll. Wir können zwar vieles machen, müssen aber vorher klären, ob es sinnvoll ist. Damit komme ich zu einem wichtigen Punkt: Wir sollten mit den Patienten deutlich früher besprechen, was aus ihrer Sicht für ein eigenbestimmtes, selbstständiges Leben wichtig ist. Das muss auch gemeinsam mit den Angehörigen besprochen werden. Wenn wir dieses Problem lösen können, wären wir einen wichtigen Schritt weiter. Wir müssten nicht erst auf der Intensivstation darüber nachdenken, was der Patient gewollt hätte und was nicht. Die Angehörigen sind mit diesen Fragen oft überfordert, wenn sie plötzlich damit konfrontiert werden.

Wenn Sie auf die Krankenhausreform gucken, haben Sie da Sorge, dass das die Intensivmedizin behindert und verändert? 

Janssens: Wir benötigen eine Krankenhausreform. In Nordrhein-Westfalen läuft sie schon. Sie wird in weiten Teilen zunächst mal die Landschaft nicht verändern. Es ist so, und daran knüpft auch das Beitragsstabilisierungsgesetz von Frau Warken (Anm.d.R.: Bundesgesundheitsministerin, CDU) an, dass wir uns Gedanken machen müssen, wie viele Krankenhausstandorte wir uns noch leisten können. Was aber jetzt passiert, ist keine Reform, die die nächsten zehn Jahre in den Blick nimmt. Stattdessen ergreift sie bestimmte Maßnahmen, die dazu führen werden, dass die Insolvenzgefahr von vielen Krankenhäusern deutlich zunimmt. Derzeit liegt sie bei 15 Prozent. Sie kann durch die geplanten Maßnahmen aber durchaus in den Bereich von 30 Prozent steigen. Dann würden wir eine plötzliche Umschichtung der Krankenhauslandschaft erleben: Krankenhäuser werden heruntergefahren, ohne zu klären, wo die Patienten behandelt werden, mit welchen Ressourcen und mit welchem Personal. Das ist die Gefahr, die ich in den kommenden Jahren sehe. 

Wenn sie auf ihr Krankenhaus in Eschweiler schauen, auf ihre Intensivstation. Wo sehen Sie da die Hauptprobleme? 

Janssens: Wir diskutieren das gerade sehr genau. Wir wissen noch nicht genau, was bei dem GKV-Stabilisierungsgesetz kommen wird. Aber eines ist klar: Der Gürtel muss deutlich enger geschnallt werden. Die Finanzierung des Personals, und das ist entscheidend, ist in einigen Bereichen nicht mehr gesichert. Damit meine ich nicht nur das Intensivpflegepersonal und die Ärzte und Ärztinnen. Der gesamte Betrieb muss sich schon jetzt die Frage stellen: Was werden wir uns künftig noch leisten können? Werden wir Leistungen einschränken müssen? Oder werden wir mit weniger Personal die gleiche Leistung oder sogar mehr leisten müssen? Diese Fragen sind derzeit noch nicht gelöst, weil wir noch nicht wissen, was genau kommen wird. Aber dahin geht die Politik. Das wird uns in Eschweiler, aber auch in der Region, in den nächsten zwei Jahren enorm beschäftigen. 

Blicken wir auf den Alltag in der Klinik: Haben Pfleger und Ärzte überhaupt noch Zeit empathisch zu sein, sich um den Patienten zu kümmern und mit Angehörigen zu sprechen? 

Janssens: Ich glaube, Kommunikation und das Gespräch mit den Patienten und Angehörigen sind ein zentraler Baustein guter Medizin. Insbesondere auf der Intensivstation, wo wir schwerstkranke Menschen behandeln, die sich oft nicht mehr selbst äußern können. Wir machen das mit großem Engagement, und ich bin meinen Pflegekräften sehr dankbar, dass die dabei zu 100 Prozent mitziehen. Wir haben vor Jahren mehrfach versucht, diese wichtigen und aufwändigen Gespräche am Lebensende, bei kritischen Situationen, finanziell zu verankern. Das ist mehrfach vom Gesundheitsministerium, aber auch von anderen Spitzenverbänden, abgelehnt worden. Es wurde immer behauptet, das sei bereits finanziert. Das ist aus meiner Sicht ein springender Punkt. Wenn wir gute und damit empathische Medizin machen, wird das nicht bezahlt. Wenn ich dagegen Geräte anschaffe oder Operationen durchführe, wird das vergütet. Diese Schere müssen wir endlich schließen. Das muss auch die Politik verstehen. Davon werden wir uns nicht abbringen lassen. Daran arbeiten wir weiterhin mit großem Engagement.

Unsere Quellen

  • Interview mit Uwe Janssens

Sendung: WDR.de, Interview zur Intensivmedizin mit Uwe Janssens, 16.06.2026, 15:45 Uhr.

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