Das offizielle Verbot der Regierung ist in Großbritannien am Montag, dem 5. Januar 2026 in Kraft getreten. Die Industrie handelt aber schon seit zwei Monaten. Zwischen 5.30 Uhr und 21.00 Uhr - zur Hauptfernsehzeit von Kindern - läuft keine Werbung mehr für Schokoriegel, Chips, Softdrinks, Fast Food und Co.
Damit geht Großbritannien den nächsten Schritt. Denn schon seit 2018 gibt es bei den Briten auch schon eine Zuckersteuer. Das Ziel der Maßnahmen: Weniger übergewichtige Kinder und weniger Krankheiten, die mit Übergewicht zusammenhängen. Laut dem britischen Gesundheitsministerium gilt jedes 10. Kind im Alter von vier Jahren als fettleibig und 20 Prozent der Fünfjährigen leidet unter Karies. Insgesamt könne das Werbeverbot dem staatlichen Gesundheitsdienst jährlich zwei Milliarden Euro einsparen, so die Schätzung.
Werbeverbot für Fast Food "verringert Risiko für Übergewicht". WDR 5 Morgenecho - Interview. 05.01.2026. 05:51 Min.. Verfügbar bis 05.01.2027. WDR 5.
Wie ist die Situation in Deutschland? Wären bei uns ein Werbeverbot oder eine Zuckersteuer auch möglich? Um diese Fragen geht es in diesem Beitrag:
- Gibt es ein Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel in Deutschland?
- Sind eine Zuckersteuer oder ein Werbeverbot für Deutschland geplant?
- Welche Lebensmittel sind in Großbritannien von einem Werbeverbot betroffen?
- Was ist Adipositas - und welche Rolle spielt dabei die Ernährung?
- Welche Rolle spielt Werbung und ungesunder Ernährung?
- Wer fordert für Deutschland eine Zuckersteuer oder ein Werbeverbot wie in Großbritannien - und was sind mögliche Effekte?
- Wie groß ist das Adipositas-Problem in Deutschland?
- Was könnten eine Zuckersteuer und Werbeverbote bringen?
- Wie berechne ich meinen BMI?
Gibt es ein Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel in Deutschland?
Nein, bislang gibt es kein solches Verbot. Es gab jedoch 2023 Bemühungen von Seite der Grünen: Der damalige Bundesernährungsminister Cem Özdemir wollte Kinder per Gesetz besser vor ungesunder Werbung schützen. Das scheiterte aber am Widerstand der damals mitregierenden FDP und wurde bis zum Bruch der Ampel-Koalition nie umgesetzt.
Sind eine Zuckersteuer oder ein Werbeverbot für Deutschland geplant?
Im aktuellen Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD heißt es zwar "Wir fördern verstärkt Bewegung und gesunde Ernährung, insbesondere von Kindern und Jugendlichen." Wie das konkret passieren soll, erklärt die schwarz-rote Bundesregierung aber nicht. Formulierungen wie "Werbeverbot für Süßigkeiten" oder "Einführung einer Zuckersteuer" tauchen im Koalitionsvertrag nicht auf.
Welche Lebensmittel sind in Großbritannien von einem Werbeverbot betroffen?
Das britische Werbeverbot richtet sich gegen Lebensmittel mit viel Zucker, Salz und Fett - genauer: mit einem hohen Anteil gesättigter Fettsäuren. Welche Produkte konkret betroffen sind, ermittelt ein Punktesystem. Lebensmittel mit vier oder mehr Punkten und Getränke mit einem oder mehr Punkten gelten als "weniger gesund" - sie unterliegen dann der Werbekontrolle. Das trifft typischerweise zu auf Süßigkeiten, Schokoriegel, Chips, Softdrinks, Pommes, Burger, aber auch auf Müsli mit Zucker.
Was ist Adipositas - und welche Rolle spielt dabei die Ernährung?
Von Adipositas oder Fettleibigkeit spricht man, wenn der Fettanteil im Körper übermäßig hoch ist. Als zu hoch gilt ein Body-Mass-Index von über 30. "Adipositas erhöht das Risiko für verschiedene chronische Erkrankungen wie zum Beispiel Diabetes, Arthrose oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen", heißt es auf der Seite gesundheitsinformation.de.
Adipositas entsteht meistens durch einen unausgewogenen Energiehaushalt - Menschen nehmen mehr Kalorien auf, als sie verbrauchen. Das passiert besonders leicht, wenn Lebensmittel viel Zucker oder Fett enthalten. Ernährung ist also ein wichtiger Faktor - allerdings auch nicht der einzige. Auch zu wenig Bewegung, genetische Veranlagung oder andere Erkrankungen können eine Rolle spielen.
Welche Rolle spielt Werbung und ungesunder Ernährung?
Adipositas entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel vieler Faktoren. Das Health Technology Assessment der Bundesrepublik Deutschland nennt auch "Werbung" und "Vermarktung" als Einflussfaktoren. Daniel Assmus, Marketingexperte und Dozent für Markt- und Werbepsychologie an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, erklärt im WDR-Interview die Wirkweise: "Werbung für Genussmittel ist normalerweise nicht rational. Also wir kriegen wenig gute Argumente, warum wir uns bewusst für dieses Lebensmittel entscheiden sollten. Sondern es geht eben darum, Appetit anzuregen, Spaß zu machen und auf diese Art funktioniert Werbung."
Besonders bei Kindern sei das problematisch, so Assmus: "Kinder sind da natürlich immer noch mal ganz besonders schutzbedürftig." Bei Kindern fehle die Selbstkontrolle noch mehr als bei Erwachsenen. Werbeverbote hätten dabei ein doppeltes Ziel: Zum einen sollten Hersteller motiviert werden, ihre Produkte gesünder zu machen. Zum anderen würden beworbene - und damit gesündere - Produkte für Verbraucher attraktiver.
Werbeverbot Lebensmittel: Interview mit Daniel Assmus. WDR Studios NRW. 02.10.2025. 06:45 Min.. Verfügbar bis 02.10.2027. WDR Online.
Wer befürwortet für Deutschland eine Zuckersteuer oder ein Werbeverbot wie in Großbritannien - und was sind mögliche Effekte?
Die WHO empfiehlt grundsätzlich eine Zuckersteuer. Auch die Deutsche Adipositas-Gesellschaft und viele Experten sprechen sich dafür aus. Michael Laxy, Gesundheitsökonom von der Technischen Universität München, veröffentlichte 2023 mit anderen Forschern eine Studie zu den möglichen Auswirkungen einer Zuckersteuer in Deutschland. Die Ergebnisse zeigen: Allein durch die gestaffelte Besteuerung süßer Getränke könnten etwa 240.000 Fälle von Typ-2-Diabetes verhindert werden. Etwa 16 Milliarden Euro an gesellschaftlichen Kosten könnten dabei eingespart werden, davon etwa vier Milliarden direkt innerhalb des Gesundheitssystems.
Michael Hubmann ist der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzten (BVKJ). Er hält eine entsprechende Zuckersteuer und sinnvolle Beschränkungen für Werbung in Deutschland für überfällig. "Kinder werden tagtäglich mit Werbung für Snacks, Süßigkeiten und Limonaden überflutet - mit gravierenden Folgen für ihre Gesundheit." Das sagte er im Sommer 2025.
Wie groß ist das Adipositas-Problem in Deutschland?
In Deutschland sind zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen übergewichtig mit einem BMI von 25 oder höher. Das schreibt die Deutsche Adipositas-Gesellschaft in einem Bericht von 2024. Ein Viertel der Erwachsenen gilt als stark übergewichtig beziehungsweise adipös mit einem Body-Mass-Index von 30 oder höher. Bei Kindern und Jugendlichen sind laut Deutscher Adipositas-Gesellschaft etwa 15 Prozent der Drei- bis Siebzehnjährigen (zwei Millionen) übergewichtig.
Die WHO veröffentlichte zuletzt 2022 einen Bericht zum Thema Adipositas: In Europa waren demnach 59 Prozent der Erwachsenen und nahezu jedes dritte Kind übergewichtig oder adipös. Die WHO spricht sogar von einer Epidemie.
Wie berechne ich meinen BMI?
Die Formel für den BMI lautet: Körpergewicht (kg) geteilt durch (Körpergröße (m)². Für einen Menschen, der 1,75 Meter groß ist und 70 Kilo wiegt, geht die Rechnung dann zum so: 70 kg / (1,75 m x 1,75 m) = 70 kg / 3,0625 m² = 22,86 kg/m². Der BMI liegt also für diese Person bei knapp 23. Ein BMI zwischen 18,5 und 24,9 gilt als normal, so die Deutsche Adipositas-Gesellschaft.
Hier geht's zum BMI-Rechner der Deutschen Adipositas-Gesellschaft:
Allerdings: Der BMI ist nicht unumstritten. Eine internationale Experten-Kommission schlägt vor, die Diagnoserichtlinien für Adipositas grundlegend zu überarbeiten. Neben dem BMI sollten Daten zum Körperfett herangezogen werden - etwa über eine Messung des Taillenumfangs oder eine direkte Fettmessung. Der BMI sei kein gutes Maß für Übergewicht und lasse vor allem keine Aussage über die Gesundheit eines Menschen zu.
Unsere Quellen:
- Department of Health & Social Care: Advertising restrictions for less healthy food or drink on TV and online: secondary legislation to provide brand advertising exemption - consultation document (Stand: 10. September 2025)
- Bündnis 90/ Die Grünen: Kinder per Gesetz besser vor ungesunder Werbung schützen
- Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD: Verantwortung für Deutschland (21. Legislaturperiode)
- Department of Health: Nutrient Profiling Technical Guidance (Stand: Januar 2011)
- gesundheitsinformation.de: Starkes Übergewicht (Adipositas)
- Deutsche Adipositas-Gesellschaft ruft vor Adipositas-Kongress zu mehr Problembewusstsein und Verbesserung der Versorgungslage auf
- Deutsche Adipositas-Gesellschaft: BMI-Rechner
- The Lancet: Definition and diagnostic criteria of clinical obesity
- Nachrichtenagentur dpa
- RKI: Themenschwerpunkt Übergewicht und Adipositas
- Bericht der WHO: Europa kann seine Adipositas-“Epidemie“ umkehren
- Deutsches Ärzteblatt:
Sendung: WDR 5, Morgenecho, 05.01.2026, 6 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 05.01.2026, 18.45 Uhr
Kommentare zum Thema
Für Schokolade auch keine Werbung mehr? Oh je...
Meine erste mir erinnerliche Reklame für Süßes mit Zucker war glaube ich: Nimm Zwei - und Naschen ist gesund. Jetzt, 40 Jahre später, soll das mit dem gesunden Naschen nur Lug und Trug gewesen sein? Wenn mir meine dritten Zähne oben nicht so locker säßen, würde ich lachen. Ha!
Zeigt doch ganz deutlich was in „unserem“ Sozialstaat das Wichtigste ist, die Gewinne einiger weniger, die Gesundheit der Masse nebensächlich, Gesundheitskosten bezahlen die ja auch noch selbst, ist doch super !!