Rückholaktion der Bundesregierung | WDR aktuell
02:16 Min.. Verfügbar bis 04.03.2028.
Plötzlich ist Krieg: Wie Urlauber aus NRW die Lage in Nahost erleben
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Etwa 30.000 Menschen sind wegen des Iran-Konflikts gestrandet. Das sagt der Deutsche Reiseverband. Sie sitzen im Nahen Osten fest auf Kreuzfahrtschiffen, in Hotels oder an Flughäfen - zum Beispiel in Dubai, Abu Dhabi oder Maskat.
Von Sabine Schmitt und Lukian Ahrens
Es sollte eine zehntägige Recherchereise werden. Für einen Beitrag über das Fahrradfahren im Oman, einem Land auf der Arabischen Halbinsel. Die Recherche ist inzwischen abgeschlossen. Doch Olaf Jansen, ein freier Mitarbeiter im Sportteam des WDR, ist trotzdem noch im Oman.
Er sitzt fest. So wie zehntausende andere Touristen, die vom Krieg im Nahen Osten überrascht worden sind. Sie sind an unterschiedlichen Orten gestrandet - und sie teilen alle das gleiche Schicksal: Airlines haben die Flüge in der Region gestrichen und sie wissen nicht, wie lange der Konflikt anhält.
Olaf Jansen im Oman: "Irgendwie nach Europa kommen"
Olaf Jansen wäre eigentlich in der Nacht von Samstag auf Sonntag von Maskat zurückgeflogen. Gegen 4 Uhr. "Mein Flug war einer der ersten, der gecancelt wurden", sagt er. Am Samstagnachmittag gegen 16 Uhr deutscher Zeit sei die Info gekommen.
Olaf Jansen steckt am Flughafen fest
Die erste Meldung über den Angriff auf den Iran lief in Deutschland am Samstagmorgen um 7.15 Uhr über die Nachrichtenticker. Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz teilte mit, dass die Armee einen "Präventivschlag" gegen den Iran ausgeführt habe, um "Bedrohungen zu beseitigen". Etwas später meldete sich US-Präsident Donald Trump zu Wort und sagte, die US-Streitkräfte hätten einen großen Kampfeinsatz im Iran begonnen.
US-Präsident Trump geht nach eigenen Worten von einem etwa vierwöchigen Militäreinsatz gegen den Iran aus. Der Iran sei ein "großes Land", daher werde der Einsatz "vier Wochen dauern - oder weniger", sagte Trump am Sonntag der britischen Zeitung "Daily Mail". Möglicherweise wird so lange auch an den Flughäfen in der Region nichts gehen.
Olaf Jansen will aber nicht so lange im Oman bleiben. Erstmal hat er sich ein Hotelzimmer genommen. In der kleineren Arbeiterstadt Seeb, nicht in Maskat, der Hauptstadt des Oman. Am Sonntag berichteten Staatsmedien im Oman von zwei Drohnen, die den Hafen von Duqm ins Visier genommen hätten. Ein Arbeiter sei verletzt worden. Das Sultanat hatte zuletzt im Atomstreit zwischen den USA und dem Iran vermittelt.
Auch wenn Duqm mehr als 500 Kilometer Luftlinie entfernt ist, würden bei vielen Menschen die Nerven blank liegen. Es herrsche Chaos. An den Schaltern der Airlines stehen hunderte Menschen Schlange. Am Montag habe es geheißen, dass Oman Airways Sonderflieger einsetzen wolle. Tickets dafür gibt es aber noch nicht.
Olaf Jansen hätte am Montagabend über Addis Abeba in Äthiopien nach London fliegen können für - 5.800 Euro. Das machte er nicht. Noch hat er Hoffnung, es günstiger zu schaffen. "Es geht nur darum, irgendwie nach Europa zu kommen." Vom Auswärtigen Amt kam eine Warnung aufs Handy. Nach Möglichkeit solle man die Häuser nicht verlassen, bis neue Infos kommen.
Michael Erlenmeier auf der "Mein Schiff 4": "Stimmung wird kippen"
In den benachbarten Vereinigten Arabischen Emiraten sitzt Michael Erlenmeier fest. Zusammen mit 2.500 anderen Passagieren harrt er auf dem Tui-Kreuzfahrtschiff "Mein Schiff 4" vor dem Hafen von Abu Dhabi aus. Er und seine Partnerin wollten eigentlich am Montag zurück nach Deutschland fliegen, doch ihr Flug wurde gecancelt.
Sie haben die Kriegshandlungen am Sonntag aus nächster Nähe zu spüren bekommen. "Es waren zwei laute Explosionen", berichtet Erlenmeier. Als er dann aufgestanden und zum Kabinenfenster gelaufen sei, habe er einen dritten Einschlag gesehen. "In ein Treibstofflager, ungefähr anderthalb Kilometer vom Schiff entfernt."
Sie könnten das Schiff zwar auf eigene Gefahr verlassen, aber es gebe keinen Ort, an den sie sonst gehen könnten, sagt Erlenmeier. "Wo sollen wir denn hin?" Am Flughafen seien auch alle gestrandet. "Also bleiben wir lieber hier auf dem Schiff. Im Innenbereich dürfen wir alles nutzen, Restaurants und Bars haben geöffnet." Lediglich das Sonnendeck sei gesperrt und die Balkone sollten gemieden werden, so Erlenmeier.
Noch sei alles soweit okay, aber die Stimmung werde kippen. "Der ein oder andere steht schon kurz vor dem Nervenzusammenbruch." Ein ähnliches Schicksal wie Michael Erlenmeier teilen auch 5.000 Passagiere auf dem "Mein Schiff 5", das in Katar vor dem Hafen von Doha festsitzt.
Rauchwolke nach Angriffen auf Doha
Der Reisebetreiber Tui verwies auf WDR-Anfrage lediglich auf die Informationen auf ihrer Webseite, die regelmäßig aktualisiert werden würden. Dort heißt es: "Unsere Gäste befinden sich weiterhin an Bord der 'Mein Schiff 4' und der 'Mein Schiff 5'. Sie werden umfassend betreut und versorgt. Der Bordbetrieb läuft regulär im Rahmen der gegebenen Umstände."
Dennis in Abu Dhabi: "Ich will gerade nicht hier sein"
Rauchwolke nach Angriffen auf Abu Dhabi
Nur unweit der "Mein Schiff 4" hält sich auch Dennis auf. Der 27-Jährige arbeitet seit ein paar Jahren in einem Restaurant in Abu Dhabi. Vor wenigen Tagen hatte er überlegt, nach Deutschland zurückzukehren, aber da sei es schon zu spät gewesen. "Es hat überall geknallt und direkt über unserem Restaurant wurden Raketen abgefangen."
Immer wieder bekäme er einen Alarm auf sein Handy. "Wir hatten jetzt fünf Minuten lang Alarm", erzählt Dennis. "Man hat auch viele Explosionen gehört, die auch lauter waren." Es habe sich so angehört, als ob Raketen in der Nähe abgefangen wurden oder eingeschlagen seien.
"Ich habe jetzt keine Angst, aber ich will gerade auch nicht hier sein." Dennis in Abu Dhabi
Julius Dittmann in Dubai: "Auf einmal knallt es"
140 Kilometer entfernt von Abu Dhabi liegt Dubai. Es ist die größte Stadt der Vereinigten Arabischen Emirate und der Flughafen der Stadt ist weltweit das größte Drehkreuz für den internationalen Passagierverkehr. In Dubai hält sich aktuell Julius Dittmann auf. Auch der Unternehmer aus Münster hat die Militärschläge am Wochenende hautnah miterlebt.
Julius Dittmann, Unternehmer aus Münster
Nach einem Arbeitsessen sei er abends im Hotel schlafen gegangen und von den Angriffen geweckt worden. "Ich legte mich ins Bett und auf einmal knallte es." Er habe seinen Reisepass geschnappt und sei sofort in die Hotel-Lobby gegangen. "Da waren dann schon sauviele Menschen und dann ging dieser Notfall-Alarm los", berichtet Julius Dittmann. Die Anweisungen seien gewesen, drinnen zu bleiben, sich von Fenstern und Türen zu entfernen und Beton oder dicke Wände um sich herum zu bekommen.
Dittmann sagt, dass mittlerweile aber wieder ein bisschen Normalität eingekehrt sei. "Mit der Deutschen Botschaft habe ich keinen Kontakt aufgenommen, ich weiß gar nicht, ob das so viel bringt. Mein Flug ist jetzt auf Donnerstag gesetzt und ich hoffe, der kann da stattfinden."
Reiseveranstalter und Fluglinien in der Pflicht
Bei der Rückholung gestrandeter Urlauber sieht die Bundesregierung auch vorrangig die Reiseveranstalter und Fluglinien in der Pflicht. "Die Bundeswehr ist wirklich das letzte Mittel der Wahl", sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums am Montag.
Dertours, der zweitgrößte deutsche Reiseveranstalter nach Tui, teilte auf WDR-Anfrage mit: "Gäste, die aufgrund von Luftraumsperrungen vor Ort derzeit nicht nach Hause fliegen können oder auf einen Weiterflug warten, sind von uns informiert worden und werden vor Ort betreut. Vor Ort stehen unsere lokalen Reiseleitungen den Gästen als Ansprechpartner zur Verfügung." Zurzeit handele es sich dabei um eine niedrige vierstellige Zahl an Menschen, die über Dertours in der Region unterwegs sind. Alle geplanten Reisen seien bis zum 5. März vorerst gecancelt worden.
NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU)
Auch NRW-Innenminister Reul (CDU) sagte am Montag, dass die Reiseveranstalter dafür verantwortlich seien, den Menschen vor Ort zu helfen. "Aber ich habe noch nie erlebt, wenn kritische Situationen sind, dass der Staat sich da nicht einmischt und kümmert - aber er muss es können", betonte Reul. Das sei angesichts der Situation an den Flughäfen das Hauptproblem.
Trotz aller Widrigkeiten bereitet die Bundesregierung die Entsendung von Flugzeugen vor, um Deutsche nach Hause zu holen. Vor allem gehe es um Kranke, Kinder und Schwangere. Die Maschinen sollen nach Maskat im Oman und in die saudische Hauptstadt Riad geschickt werden, sagte Außenminister Johann Wadephul (CDU). Dort seien die Lufträume noch geöffnet, Sicherheit gehe bei der Entsendung allerdings vor. Ein erster Evakuierungsflug soll am Mittwoch in die omanische Hauptstadt Maskat starten.
Emirates-Maschine aus Dubai am Mittwoch in Düsseldorf erwartet
Ein weiterer Lichtblick für die gestrandeten Touristen ist, dass die beiden Fluggesellschaften Etihad und Emirates trotz der anhaltenden Kämpfe ihren Flugbetrieb wieder teilweise aufgenommen haben. Erste Flüge der Airlines mit Sitz in Abu Dhabi beziehungsweise Dubai starteten am Montagnachmittag, wie aus Daten von Flugtracking-Seiten im Internet ersichtlich war. Am Dienstag landete in Frankfurt dann eine erste Maschine, die aus Dubai gestartet war. In Düsseldorf soll laut Flughafen am Mittwochmittag eine Emirates-Maschine aus Dubai ankommen.
Die Regierung von Dubai teilte am Montag mit, es gebe eine "begrenzte Wiederaufnahme des Betriebs". Es sollten aber nur jene Passagiere zum Flughafen kommen, die direkt kontaktiert worden seien. Alle anderen Urlauber sollten sich weiterhin bei ihren Reiseveranstaltern und Fluggesellschaften informieren, die Hinweise des Auswärtigen Amts im Blick behalten und sich im Zweifel an die Deutsche Botschaft vor Ort wenden.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit WDR-Mitarbeiter Olaf Jansen in Maskat im Oman
- WDR-Interview mit Michael Erlenmeier in Abu Dhabi
- WDR-Interview mit Dennis in Abu Dhabi
- WDR-Interview mit Julius Dittmann in Dubai
- WDR-Anfrage bei TUI Cruises
- WDR-Anfrage bei Dertours
- Nachrichtenagenturen dpa, AFP, AP, Reuters
- Flughafen Düsseldorf
Sendung: WDR 2, Morgenmagazin, 02.03.2026, 08:10 Uhr