Ein Jahr nach dem Anschlag: Der "Solingen-Trend"

Aktuelle Stunde 22.08.2025 34:55 Min. UT Verfügbar bis 22.08.2027 WDR Von Alexa Schulz, Susanne Wieseler

WDR-Umfrage: Jeder dritte Solinger nach Anschlag nachhaltig verunsichert

Stand:

Ein Jahr nach dem Messerangriff beim Solinger Stadtfest am 23. August 2024 befragte das Marktforschungsinstitut infratest dimap im Auftrag des WDR repräsentativ Solinger Bürger. Die Ergebnisse der Umfrage SolingenTrend zeigen die Nachwirkungen des Anschlags.

Von Sabine Schmitt

Es sollte das "Festival der Vielfalt" sein. Ein ausgelassenes Fest zum 650-jährigen Jubiläum der Stadt Solingen. Am Ende ging der Tag als einer der schwersten Anschläge der jüngeren deutschen Geschichte in die Annalen ein. Es war Freitagabend, der 23. August 2024, gegen 21.37 Uhr, als der Syrer Issa Al H. wahllos auf Festbesucher einstach – mit gezielten Stichen in den Hals. Er tötete drei Menschen. Zehn weitere griff er an, acht von ihnen verletzte er sehr schwer, manche sogar lebensgefährlich.

Bundesweit heftige Debatte über Migration ausgelöst

Issa Al H., der Täter, hätte eigentlich 2023 schon abgeschoben werden sollen. Die Ermittler vermuten ein islamistisches Motiv. Auch deshalb löste die Tat bundesweit eine heftige Debatte über Migration und Sicherheit aus. Die Tat in Solingen und weitere Anschläge in Aschaffenburg, Magdeburg und Mannheim beeinflussten maßgeblich den Bundestagswahlkampf. Später folgten verschärfte Gesetze und politische Konsequenzen.

Repräsentative Umfrage: "Solingen - wie geht's Dir?

Ilka Werner

Notfallseelsorgerin Ilka Werner

Die Stadt Solingen versetzte der Anschlag erst in Schock, dann in tiefe Trauer. Der Tag hat die Stadt auch verändert. Für die Solinger Seelsorgerin Ilka Werner war der 23. August 2024 ein Tag, an dem der Boden unter ihren "Füßen erschüttert worden ist". Sie erlebt, wie hitzig über Schuld und Verantwortung diskutiert wurde und wird.

Wie der Anschlag Menschen in Solingen bis heute beeinflusst, dokumentiert die repräsentative Umfrage "Solingen - wie geht's Dir?". Das Meinungsforschungsinstitut infratest dimap befragte dafür im Auftrag des WDR zwischen dem 30. Juli und 11. August 2025 insgesamt 1.001 deutschsprachige Einwohner Solingens ab 18 Jahren per zufallsbasierter Telefonbefragung. Die Ergebnisse wurden nach soziodemographischen Merkmalen und dem Wahlverhalten gewichtet, um ein repräsentatives Abbild der Solinger Bevölkerung zu gewährleisten.

Jeder dritte Solinger ist nach dem Anschlag nachhaltig verunsichert

Laut Umfrage wurde die Mehrheit der Solinger (60 Prozent) durch die Tat von vor einem Jahr verunsichert. Für knapp drei von zehn (28 Prozent) Menschen dort gilt das rückblickend für die Zeit nach dem Angriff - also in den Wochen und Monaten danach.

Für etwa jeden dritten Solinger (32 Prozent) aber wirkt die Verunsicherung bis heute nach, darunter sind erkennbar mehr Frauen als Männer.

Unter Frauen sind laut Umfrage bis heute 38 Prozent verunsichert, etwa wenn sie sich in Solingen auf öffentlichen Plätzen, in Parkanlagen bewegen oder öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Bei den Männern stimmten dem 26 Prozent zu.

Mehr als die Hälfte traut Polizei und Behörden nicht zu, Anschläge zu verhindern

Dass Anschläge wie der vom August letzten Jahres künftig verhindert werden können, trauen vier von zehn Solingern (41 Prozent) Politik, Behörden und Polizei zu. Bei über der Hälfte von ihnen (55 Prozent) aber ist das Zutrauen gering.

Die Skepsis gegenüber Fähigkeiten und Möglichkeiten zuständiger Einrichtungen, entsprechende Angriffe abzuwenden, zieht sich durch die gesamte Stadtgesellschaft.

Besonders deutlich ausgeprägt ist sie allerdings bei den Personen, die sich nachhaltig durch die Tat vom letzten Jahr belastet fühlen. Von denjenigen, die der Angriff vom vergangenen August bis heute verunsichert, signalisieren 78 Prozent, wenig oder kein Vertrauen zu haben.

Unter Frauen und unter Menschen in der Altersgruppe 35 bis 49 Jahre ist die Zuversicht unter den Befragten am geringsten. Aus diesen Gruppen gaben jeweils fast sechs von zehn Befragten (59 Prozent) an, wenig oder kein Vertrauen in Politik, Behörden und Polizei zu haben, derartige Anschläge künftig zu verhindern. Unter Männern (45 Prozent) und in der Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund (46 Prozent) ist das Vertrauen unter den Befragten am größten.

Jeder Vierte signalisiert kritischere Haltung zur Flüchtlingsmigration

Einzelne Anschläge wie der vom 23. August beeinträchtigen offensichtlich das Vertrauen in Staat, Institutionen und Behörden. Sie können in Teilen der Bevölkerung aber auch die allgemeine Sicht auf die Zuwanderung beeinflussen.

Drei Viertel der Solinger (73 Prozent) geben allerdings an, dass die Tat vom vergangenen August ihre Haltung zur Flüchtlingszuwanderung nicht verändert hat. Entweder, weil sie bereits zuvor kritisch positioniert waren (31 Prozent) oder, weil sie an ihrer positiven Haltung zur Zuwanderung weiter festhalten (42 Prozent). Immerhin jeder Vierte (23 Prozent) konstatiert für sich jedoch eine seither kritischere Perspektive auf die Aufnahme von Flüchtlingen.

Die Altersgruppe 35 bis 49 Jahre ist die Altersgruppe, in der die meisten Befragten (31 Prozent) ihre Haltung geändert haben und seit dem Angriff auf dem Solinger Stadtfest kritischer zur Flüchtlingszuwanderung stehen. Die Altersgruppe 50 bis 64 Jahre reagierte am geringsten - nur 19 Prozent wurden "seitdem kritischer". Männer und Frauen unterscheiden sich kaum in ihren Antworten.

Miteinander von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund mehrheitlich positiv bewertet

Auch wenn der Messerangriff vom vergangenen August in der Stadt skeptische Haltungen zur Flüchtlingszuwanderung offensichtlich verstärkt hat, überwiegt mit Blick auf das konkrete Miteinander vor Ort zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund alles in allem ein positiver Eindruck. Mehr als die Hälfte der Solinger (55 Prozent) bewertet den Umgang beider Gruppen miteinander in der Stadt als gut (49 Prozent) bzw. sehr gut (6 Prozent), während vier von zehn Solingern (40 Prozent) zu einem kritischen Urteil gelangen.

Die jüngste Altersgruppe von 18 bis 34 Jahren bewertet das Zusammenleben mit 63 Prozent am positivsten. Männer bewerten das Miteinander deutlich positiver als Frauen mit 62 Prozent gegenüber 49 Prozent bei "sehr gut oder gut". Menschen mit und ohne Migrationshintergrund bewerten das Miteinander nahezu identisch mit 54 Prozent gegenüber 55 Prozent.

Jeder Zweite tut etwas für den Zusammenhalt in der Stadt

Für den Zusammenhalt in einer Stadt ist am Ende immer auch das Engagement seiner Bürgerinnen und Bürger entscheidend. Dabei nicht nur über Vereine, Initiativen, Projekte, sondern auch im kleinen und informellen Maßstab wie über private Kontakte mitzuwirken, ist in Solingen jedem Zweiten nicht fremd:

49 Prozent geben an, in dieser Hinsicht in den vergangenen 12 Monaten für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in irgendeiner Form aktiv geworden zu sein, davon jeder Dritte (32 Prozent) auch über diese Zeitspanne hinaus. Die andere Hälfte (50 Prozent) verneint für sich rückblickend entsprechende Aktivitäten, wobei sich jedoch immerhin jeder Sechste von ihnen (18 Prozent) ein solches Engagement für die Zukunft durchaus vorstellen kann.

Sich für Zusammenhalt und Miteinander zu engagieren, ist in der Stadt insbesondere bei vielen Jüngeren ein Thema. Auch Bildung wirkt sich positiv auf das Engagement aus. Von den unter 35-Jährigen (38 Prozent) sowie den Solingern mit Abitur (39 Prozent) geben jeweils vier von zehn an, nicht nur in den vergangenen 12 Monaten, sondern bereits davor entsprechend aktiv gewesen zu sein. Heraussticht zudem ein hohes Mitwirkungsniveau bei Solingern mit Einwanderungsgeschichte (44 Prozent gaben an, sich schon länger als die vergangenen 12 Monate zu engagieren).

Hinweise zur Umfrage:

  • Definition von Migrationshintergrund in der Umfrage: infratest dimap fragte die Umfragenteilnehmenden, ob sie selbst nach Deutschland eingewandert sind beziehungsweise die Eltern; eine positive Antwort zählt in der Umfrage als Migrationshintergrund.
  • Die Befragung wurde nur auf Deutsch durchgeführt. Das bedeutet, dass nur Migranten teilnehmen konnten, die gut genug Deutsch sprechen, um an einer solchen Befragung teilzunehmen.

WDR-Umfrage - Wie geht es den Menschen in Solingen?

WDR Studios NRW 22.08.2025 01:00 Min. Verfügbar bis 22.08.2027 WDR Online


Unsere Quelle:

  • SolingenTrend: repräsentative Umfrage "Solingen - wie geht's Dir?" von infratest dimap im Auftrag des WDR 2025

Kommentare zum Thema

3 Kommentare

  • 3 Franziska 1 22.08.2025, 20:04 Uhr

    Wer schreibt, textet und bringt Grafiken nachdem heute in Solingen und in Menden so schlimmes passiert ist? Hier steht die Frage: Ein Jahr nach dem Anschlag......! Wir sind mit unseren Gedanken in Solingen und Menden beschäftigt, was heute geschah.

  • 2 B. S. 22.08.2025, 18:26 Uhr

    Wo ist die Umfrage hierzu wer sich in Solingen zu Hause noch sicher ist nach der Brandstiftung mit 4 Rosen letztes Jahr? Vor ein paar Tagen wohl wieder Brandstiftung in Solingen mit Menschenleben in Gefahr. Aber die Medien sind Meister darin die AFD zu stärken und Angst gegen Migranten zu schüren. Wird halt wie immer mit zweierlei Maß behandelt und so etwas bringt zumindest Klicks bei Rechtsextremen, die euch als ÖRR abschaffen wollen... Deutschland schaufelt sein eigenes Grab!

  • 1 Sorgfalt 22.08.2025, 14:17 Uhr

    Hallo WDR, bitte etwas mehr Sorgfalt in der Wortwahl. Das ist eine Umfrage, keine Studie.

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