Es ist kurz nach 6 Uhr in Gelsenkirchen-Buer. Hier ist der Beginn der längsten Straßenbahnstrecke des Ruhrgebietes: der Linie 302. Fast 30 Kilometer führt der Weg bis nach Bochum-Langendreer. Doch heute bleibt die Bahn im Depot. Die Fahrer streiken.
Mit dem Fahrrad der Linie 302 im Ruhrgebiet entlang
Deshalb habe ich mir ein Ziel gesetzt: Ich will die Strecke mit dem Fahrrad abfahren und gucken, was auf dem Weg an diesem Warnstreik-Tag so passiert. Obwohl heute Warnstreik ist, sehe ich trotzdem Leute an den Haltestellen. Und wundere mich: Zwei Busse stehen abfahrtbereit.
Um 6 Uhr ins Fitness-Studio
Amir freut sich, dass sein Bus doch fährt
In einem sitzt Amir, neben ihm eine große Sporttasche. "Ich will ins Fitness-Studio und bin überrascht, dass ich den Bus nehmen kann. Den Subunternehmern sei Dank", sagt er freudestrahlend. Tatsächlich sind es nur wenige Fahrer von Unternehmen, die nicht den lokalen Verkehrsbetrieben angehören, die nicht streiken.
Ich schwinge mich auf mein Fahrrad und mache mich auf den Weg entlang der Linie 302. Es ist ein E-Bike, die Strecke will ich in zwei Stunden schaffen. Am Anfang geht es über eine viel befahrene Hauptstraße. Ich lasse die Schalke-Arena links liegen, die Luft ist voller Abgase. Weiter geht es in Richtung Gelsenkirchener Hauptbahnhof.
Viel los auf der Straße
An jeder Haltestelle informiert die Bogestra über den Streik
Unterwegs fallen mir die vielen Radfahrer auf. Eine von ihnen ist Madeleine, sie erzählt mir, dass sie häufig mit dem Rad unterwegs ist und dass es heute viel voller sei als sonst. Das kann ich bestätigen. Kurz vor dem Hauptbahnhof verschwinden die Gleise in den Untergrund. Ich bleibe oben und fahre weiter in Richtung Gelsenkirchen-Ückendorf.
Nette Überraschung in Ückendorf
Weil ich meine Handschuhe vergessen habe, sind die Hände eisig kalt. Im Stadtteil Ückendorf passiert dann das Unglaubliche: Ich werde zum Kaffee eingeladen. Und plötzlich sitze ich bei Steffi am Küchentisch mit einer dampfenden Kaffeetasse in der Hand.
Steffi fährt ihre Kinder beim Streik zur Schule
Die zahnmedizinische Assistentin erzählt mir, dass sie heute frei und sich als Fahrdienst für ihre Kinder angeboten hat. "Mein Sohn müsste sonst 40 Minuten laufen, das kann ich ihm nicht zumuten", sagt sie. Auf dem Weg will sie noch weitere Kinder abholen, dann geht es zur Schule.
Einige wissen nichts vom ÖPNV-Warnstreik in NRW
Und ich muss mich sputen, schließlich habe ich mir vorgenommen, die Strecke in zwei Stunden zu schaffen. Die Straßenbahn ist normalerweise in einer Stunde und fünfzehn Minuten am Ziel. Ich passiere die Stadtgrenze zu Bochum. An einer Haltestelle fällt mir ein Junge auf, der einsam und alleine auf der Bank sitzt.
Welliam heißt er und will eigentlich zur Schule. "Ich hab nichts von dem Streik mitbekommen, meine Mutter hat mir auch nichts gesagt", meint der 13-Jährige und beeilt sich, um schnell von zu Hause noch ein Fahrrad zu holen.
Und auch ich rausche weiter. Mittlerweile bin ich froh, dass ich ein Elektro-Fahrrad habe. Inzwischen sind die Gleise wieder oberirdisch, bevor sie kurz vor dem Bochumer Hauptbahnhof wieder in die Tiefe führen.
Taxis haben viel zu tun
Am Bahnhof fällt mir auf, dass ein Taxi nach dem anderen abfährt. "Wir können uns heute nicht beschweren", meint ein Taxifahrer. Nebenan im Busbahnhof dagegen gähnende Leere. Beim Blick auf die Uhr merke ich, dass ich mein Zeitziel heute nicht schaffe, zwei Stunden sind um.
Endlich am Ziel
Immer entlang den Schienen: mit dem Fahrrad an der Linie 302
Die letzten neun Kilometer in Richtung Bochum-Langendreer lege ich einen Zahn zu. Und schließlich komme ich nach zweieinhalb Stunden am Ziel an und setze mich auf eine Bank an der Endhaltestelle der 302. Neben mir sitzt eine Familie aus Afghanistan. Sie haben einen Behördentermin im Bochumer Rathaus und von dem Warnstreik nichts mitbekommen.
Sie bitten mich, ein Taxi zu rufen. Dreimal werde ich von den Taxi-Unternehmen abgewiesen. "Wir haben keine Kapazität", heißt es. Beim vierten klappt es. Als das Taxi um die Ecke biegt, merke ich, dass ich ja wieder zurück muss. Und sehe, dass mein Akku vom E-Bike so langsam leer ist.
Es wird ein mühsamer Rückweg. Aber es hat sich gelohnt. Entlang der längsten Straßenbahnlinie im Ruhrgebiet ist halt immer etwas los. Vor allem beim Warnstreik.
Unsere Quellen:
- Beobachtungen vom WDR-Reporter vor Ort
Sendung: WDR 2, Morgenmagazin, 17.03.2026, 6.10 Uhr