Bloß nicht Landarzt oder Landärztin werden: Hausärzt:innenmangel nimmt zu
Aktuelle Stunde . 02.10.2025. 23:06 Min.. UT. Verfügbar bis 02.10.2027. WDR.
Studie: Großer Hausärzte-Mangel in NRW spätestens in 15 Jahren
Stand:
Eine Studie der Barmer und der Bertelsmann Stiftung warnt erneut vor einem großen Hausärzte-Mangel in NRW spätestens in 15 Jahren.
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Zu den Kommentaren [2]Droht ein großer Hausärzte-Mangel in NRW? Die Macher der Studie gründen ihre Warnung auf zwei unterschiedliche Faktoren. Zum einen gingen in den kommenden Jahren mehr Hausärzte in Ruhestand als neue, junge Ärzte hinzukämen. Zum anderen zeige eine Umfrage unter der aktuellen Ärzteschaft, dass diese in Zukunft nicht mehr bereit seien, so viele Stunden wie aktuell zu arbeiten.
Das NRW-Gesundheitsministerium bestätigt auf WDR-Anfrage: Von den niedergelassenen Hausärztinnen und Hausärzten in Nordrhein-Westfalen haben mehr als ein Drittel das 60. Lebensjahr überschritten und werden voraussichtlich in den kommenden fünf bis zehn Jahren aus dem Dienst ausscheiden.
Mehr Patienten, weniger Hausärzte
So werde die Schere zwischen Angebot und Nachfrage immer weiter auseinandergehen. Aufgrund der demografischen Entwicklung werde es immer mehr Patienten, aber immer weniger Hausarzt-Sprechstunden geben. Das trifft laut Studie besonders eher ländliche Regionen wie zum Beispiel Ostwestfalen-Lippe.
Laut Gesundheitsministerium droht hier eine Unterversorgung in fünf Regionen: In Hemer, Lage, Lemgo, Porta Westfalica und Rheda-Wiedenbrück.
Im Bereich der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO) ist das Praxensterben dagegen bislang offenbar nicht ganz so dramatisch: Die Zahl der Praxen stagniere seit einigen Jahren, sagte Sprecher Timo Krupp dem WDR. Aber auch hier gingen in den nächsten Jahren viele Ärztinnen und Ärzte in den Ruhestand.
In einem Dashboard zeigt das Landesamt für Gesundheit und Arbeitsschutz für jede Region NRWs, wie hoch der Versorgungsgrad mit Hausarztpraxen ist. Liegt der Versorgungsgrad über 110 Prozent, dürfen sich dort keine neuen Praxen mehr niederlassen. Das trifft nur auf 27 Randregionen zu - darunter der Bereich um Münster/Steinfurt, Siegen, Aachen, Beverungen oder Winterberg.
Nach Angaben des Ministeriums sind in NRW 1.075,5 Hausarztsitze für Niederlassungen geöffnet.
Bessere Digitalisierung in Praxen
Was also tun? Für eine flächendeckende Versorgung brauche es laut den Studien-Autoren bessere Digitalisierung der Prozesse in Hausarztpraxen, mehr Übertragung hausärztlicher Aufgaben auf therapeutische und pflegerische Berufe sowie eine gezielte Steuerung, um nachrückende Hausärztinnen und Hausärzte für die betroffenen Regionen zu gewinnen.
"Es herrscht Handlungsbedarf. Eine begrenzte, zielgerichtete Tätigkeit eines Teils der künftigen Medizinerinnen und Mediziner in bestimmten Regionen würde dazu beitragen, eine Unterversorgung effektiv zu verhindern", sagt Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer.
Wann wirkt die "Landarztquote"?
Die Studie berücksichtigt allerdings nicht die Programme, die die Politik bereits zur Verbesserung der Situation auf den Weg gebracht hat. In Nordrhein-Westfalen gibt es seit dem Wintersemester 2019/20 die sogenannte "Landarztquote", die danach mehrere andere Bundesländer ebenfalls eingeführt haben.
Damit werden Studienplätze in Medizin auch an Bewerber ohne "1er-Abitur" vergeben, wenn die sich im Gegenzug verpflichten, nach dem Studium mindestens zehn Jahre in einer unterversorgten Region als Hausarzt zu arbeiten. Noch hat das Programm keine Auswirkungen, die ersten Studierenden des Programms werden aber bald ihr Studium abschließen und in die Facharztausbildung starten. Sie dürften das in der Studie aufgemachte Worst-Case-Szenario also abmildern.
Pro Jahr würden rund 190 Studierende über diese Landarztquote aufgenommen, erklärt das Gesundheitsministerium. Diejenigen, die 2019/2020 begonnen hatten, würden - bei Einhaltung der Regelstudienzeit - Ende dieses Jahres mit der Weiterbildung beginnen können. Die dauere in der Regel fünf Jahre, so dass ab dem Jahr 2030 die ersten Fachärztinnen und Fachärzte für Allgemeinmedizin auf dem Land zur Verfügung stehen könnten.
Das Ministerium habe empfohlen, dass die Kandidaten ihre Weiterbildung direkt den Regionen absolvieren, in denen die Versorgungssituation bereits heute problematisch ist.
Weitere Maßnahmen
Um mehr Plätze für ein Medizinstudium zu schaffen, ging zum Wintersemester 2021/22 die neue Medizinische Fakultät OWL der Universität Bielefeld mit 60 Studierenden an den Start. Zum Wintersemester 2025/2026 werde die Zahl auf 120 verdoppelt, so das Ministerium. Mittlerweile verfügten alle medizinischen Fachbereiche in NRW über Professuren für Allgemeinmedizin. So solle diesem Fachbereich ein höherer Stellenwert verliehen werden, heißt es.
Darüber hinaus gibt es auch diverse finanzielle Fördermöglichkeiten. So gibt es beispielsweise Zuschüsse von bis zu 60.000 Euro oder günstige Kredite als Startkapital für den Kauf und die Einrichtung einer Praxis, die man auf dem Land gründet oder übernimmt.
Große Nachfrage bei Weiterbildung
Auch Angebote für Weiterbildung zum Hausarzt, die die KVNO für Mediziner anbietet, erfreuen sich offenbar großer Nachfrage: 2024 sei die Teilnehmerzahl auf ein "Rekordhoch" von 600 gestiegen, berichtet KVNO-Sprecher Krupp. Das Interesse an einem Wechsel sei besonders bei angestellten Krankenhausärzten groß.
Allerdings - das räumt auch der KVNO-Sprecher ein - gebe es gerade bei Jüngeren auch eine Tendenz, lieber als Angestellte in einer Praxis zu arbeiten, anstatt selber die komplette Verantwortung zu übernehmen. "Da weiß man genau, wieviel Urlaub man man machen kann, außerdem schreckt viele der hohe Bürokratieaufwand ab."
Andererseits: "Auch in einer ländlichen Hausarztpraxis kann man angestellt arbeiten." Das müsse also niemanden davon abhalten, als Arzt aufs Land zu gehen.
Projekt Startpraxis: "So schlimm ist das doch gar nicht"
Um dem entgegen zu wirken, startet die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein jetzt ein eigenfinanziertes Projekt: Die "KNOV Startpraxis" soll Ärztinnen und Ärzte beim Einstieg in die Niederlassung besonders im ländlichen Raum unterstützen.
Praxis zum Ausprobieren
Die Idee: Die Startpraxis wird zunächst von der KV Nordrhein betrieben – mit dem Ziel, sie mittelfristig zu übergeben. Ärztinnen und Ärzte arbeiten dort zunächst angestellt, werden von der KVNO eng begleitet und sammeln Erfahrungen im Praxisbetrieb. Nach dieser Phase sollen eine oder mehrere Personen die Leitung kaufen und eigenverantwortlich weiterführen.
Im April 2026 soll die erste Startpraxis in Kleve eröffnen. Man hoffe, sagt Krupp, dass die Teilnehmer über diesen Weg feststellen: "So schlimm ist die Selbstständigkeit als Hausarzt doch gar nicht." In Kleve werde die "Startpraxis" zudem unmittelbar helfen, schon bestehende Lücken zu füllen. Weitere Startpraxen seien geplant.
Neues Gesetz reicht nicht aus
Im Februar hatte die Bundesregierung das sogenannte Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsversorgung in der Kommune beschlossen. Unter anderem ist die Bezahlung von Hausarztleistungen und Hausbesuchen damit nicht mehr pauschal gedeckelt, sondern wird einzeln ohne Kürzungen vergütet. Ärzte erhalten zusätzliche Pauschalen für die Bereitstellung bestimmter Leistungen wie Abendsprechstunden oder Hausbesuche.
Das sei zwar "ein erster Schritt", sagt Elke Cremer, Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands NRW, aber er reiche nicht aus. Der Verband fordert, dass Hausarztpraxen im sogenannten Modell der Hausarztzentrierten Versorgung als zentrale Anlaufstelle fungieren: Patienten sollen demnach zunächst zum Hausarzt gehen, der dann eventuell an eine Facharztpraxis weiter überweist. Damit sollen für das Gesundheitssystem teure Doppelbehandlungen und Überdiagnostik vermieden werden. Einen entsprechenden Ansatz verfolgt die Berliner Regierungskoalition. Sie hat sich im Koalitionsvertrag auf das sogeannte "Primärarztsystem" verständigt.
Unsere Quellen:
- Studie "Zukunftsperspektiven für die hausärztliche Versorgung" von Bertelsmann Stiftung und Barmer
- Pressemitteilung der Barmer und der Bertelsmann Stiftung
- Information der Landesregierung
- Gespräch mit KVNO-Sprecher Timo Krupp
- Mitteilung des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands NRW
- Schriftliche Antwort des Gesundheitsministeriums NRW
2 Kommentare
Kommentar 2: Uwe Roßdeutscher schreibt am 03.10.2025, 21:30 Uhr :
Die Arzthelfer/innen weiter qualifizieren, Hürden herunterfahren, Rezepte für Krankengymnastik, Logopädie, Ergotherapie können die Therapeuten viel besser qualifizierter ausstellen und und und, Veränderungen braucht das System.
Kommentar 1: Johann Moritz schreibt am 03.10.2025, 16:33 Uhr :
Merkwürdig. Siegen ist als "110%-Bereich" ausgewiesen. Dennoch gibt es hier Hausärzte, die keine GKV-Neupatienten annehmen. Bei Fachärzten, zB Gynäkologen oder Orthopäden, ist das Problem noch weitaus ausgeprägter. Sind bei der Versorgungsquote etwa auch Ärzte erfasst, die gar keine GKV-Versicherten versorgen, sondern nur Privatpatienten und Selbstzahler?