Primärarzt System: Erst Allgemein-, dann Facharzt!

Aktuelle Stunde 27.05.2025 24:17 Min. UT Verfügbar bis 27.05.2027 WDR Von Claudia Weber

Erst zum Hausarzt: Das plant die Koalition bei der Patientenversorgung

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Immer erst zum Hausarzt, keine freie Wahl des Facharztes mehr. Auf dem Deutschen Ärztetag in Leipzig diskutieren Mediziner zurzeit über die Einführung des Primärarztsystems. Darauf haben sich Union und SPD im Koalitionsvertrag geeinigt. Was das für Patienten heißt.

"Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie zunächst ausschließlich Ihre Hausärztin oder Ihren Hausarzt" - so könnte man das Primärarztsystem beschreiben - eine Regelung, auf deren Umsetzung sich Union und SPD im Koalitionsvertrag geeinigt haben.

Die neue Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) ist beim diesjährigen Deutschen Ärztetag in Leipzig dabei. Noch bis Freitag diskutieren die dort anwesenden Mediziner die gesundheitspolitischen Vorhaben der Bundesregierung.

Doch versteht man unter einem Primärarztsystem? Warum soll es eingeführt werden? Und was würde es für Patienten bedeuten?

Was bedeutet das Primärarztsystem für Patienten?

Beim Primärarztsystem ist der Hausarzt immer die erste Anlaufstelle für den Patienten. Bei Bedarf wird der Kranke dann von hier an einen Facharzt weitervermittelt. Den Facharzt wählt der Hausarzt aus. Ausgenommen davon sind die Augenheilkunde und die Gynäkologie.

Wenn der Hausarzt feststellt, dass ein Facharzttermin medizinisch notwendig ist, dann legt er für diesen Termin einen Zeitkorridor fest. Innerhalb dieses Zeitkorridors sollte die Patientin oder der Patient einen Termin beim Facharzt bekommen. Funktioniert das nicht, bekommt die Patientin oder der Patient die Möglichkeit, einen Facharzt im Krankenhaus aufzusuchen.

Was soll das Primärarztsystem bewirken?

Durch das Primärarztsystem sollen ärztliche Ressourcen effizienter genutzt und Kosten gespart werden. Außerdem sollen Patientinnen und Patienten dadurch schneller einen Termin bei einem Facharzt bekommen.

Ziel des neuen Systems ist auch, dass die Patientinnen und Patienten die Fachärzte zielgerichteter aufsuchen. Überflüssige Untersuchungen sollen reduziert und die Fachärzte dadurch entlastet werden.

Welche Regelung gilt aktuell?

Derzeit besteht in Deutschland die freie Wahl des Facharztes. Das bedeutet, bei Beschwerden kann man sich an einen entsprechenden Facharzt wenden und einen Termin ausmachen. Welchen Facharzt man wählt, entscheidet man in diesem Fall selbst.

Das soll sich mit dem Primärarztsystem ändern.

Was sagt die Bundesärztekammer?

Nina Warken (CDUl), Bundesministerin für Gesundheit, und Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, unterhalten sich vor der Eröffnung des 129. Deutschen Ärztetages in der Nikolairche.

Nina Warken (CDU) und Klaus Reinhardt beim deutschen Ärztetag

Der Chef der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, sagt, das Primärarztsystem könne ein kleiner Baustein sein, um für mehr Effizienz im System zu sorgen. Das neue System könne helfen, überflüssige Termine und Fälle zu verringern, in denen Menschen an falschen Stellen auflaufen.

"Dass sich jeder auf Kosten der Allgemeinheit aussucht, was ihm am besten passt, das ist weltweit einzigartig, aber nicht fair und definitiv nicht mehr länger leistbar und bezahlbar." Klaus Reinhardt, Chef der Bundesärztekammer

Entscheidend sei aber die konkrete Ausgestaltung, so der Präsident der Bundesärztekammer. Reinhardt warnt in diesem Zusammenhang vor einer "Behandlungskoordination mit der Brechstange" und auch davor, dass eine schnellere Terminvergabe verordnet werden könnte, obwohl die Strukturen dies aktuell nicht hergäben.

Was versteht man unter hausarztzentrierter Versorgung?

Schon jetzt gibt es in Deutschland ein Hausarztmodell – auf freiwilliger Basis. Das heißt: Laut dem Bundesministerium für Gesundheit sind die gesetzlichen Krankenkassen bereits heute dazu verpflichtet, eine hausarztzentrierte Versorgung (HzV) anzubieten. Dazu schließen die Krankenkassen entsprechende Verträge mit Hausarztverbänden ab.

Patientinnen und Patienten, die an dieser hausarztzentrierten Versorgung teilnehmen, verpflichten sich gegenüber ihrer Krankenkasse dazu, immer zunächst die Hausärztin bzw. den Hausarzt aufzusuchen. Fachärzte dürfen dann nur noch auf Überweisung der Hausärztin oder des Hausarztes in Anspruch genommen werden. Wer sich hier verpflichtet, kann in der Regel von günstigeren Tarifen profitieren.

Was sagen die Hausärzte?

"Ein Primärarztsystem ist keine simple Überweisungsmaschine", so der Hausärztinnen- und Hausärzteverband in einer Pressemitteilung. Als Generalisten seien die Hausärztinnen und Hausärzte dafür geschult, viele Fälle aus unterschiedlichen Bereichen abschließend zu versorgen. Und der Landesverband in Baden-Württemberg betont: "Die Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass sehr wohl Entlastungseffekte im Gesundheitswesen zu erwarten sind."

Auch Allgemeinmediziner Guido Pukies ist überzeugt, dass Patienten vom Primärarztsystem profitieren könnten: "Wir haben oft den Eindruck, dass die Gesunden die Termine weggebucht haben", sagt er im WDR. "Und wenn wir akut jemanden haben, ist es oft schwierig, die Patienten unterzubringen."

Pukies hat in Neuss eine hausarztzentrierte Versorgungspraxis. Dabei handelt es sich um ein freiwilliges Modell. Sollte es verpflichtend für alle eingeführt werden, könnte es bei einer unklugen Umsetzung zur Überlastung der Kollegen kommen, meint Pukies. Aber "wenn man das schlau macht, kann man das in Grenzen halten" - etwa durch die Einbindung von medizinischen Fachangestellten oder auch den Abbau von Bürokratie.

Was ist für Patienten mit chronischen Erkrankungen geplant?

Laut dem Koalitionsvertrag sollen für Patientinnen und Patienten mit einer chronischen Erkrankung noch "geeignete Lösungen" erarbeitet werden. Chronisch Kranke sollen also nicht jedes Mal vor dem Facharzt den Hausarzt aufsuchen müssen. Möglichkeiten wären hier beispielsweise eine Jahresüberweisung an einen Facharzt oder die Möglichkeit, dass ein Fachinternist im Einzelfall als "steuernder Primärarzt" eingesetzt wird.

"Ohne Zweifel werden die Jahresüberweisungen die Hürden für chronisch Kranke senken", sagt Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. 50 Prozent der Erwachsenen seien chronisch krank. Somit zähle allerdings die andere Hälfte der Patienten nicht "zu dieser ausgewählten Gruppe", erklärt Brysch.

Was sagt die Deutschen Stiftung Patientenschutz?

Eugen Brysch, Vorsitzender der Deutschen Stiftung Patientenschutz

Eugen Brysch, Vorsitzender der Deutschen Stiftung Patientenschutz

Laut der Deutschen Stiftung Patientenschutz stoßen die Pläne zum sogenannten Primärarztsystem schon jetzt auf Ablehnung in der Bevölkerung. Zwei Drittel der Deutschen glaubten nicht daran, dass sich damit die Versorgung der Patienten verbessere und Kosten in Milliardenhöhe einsparen ließen, so Stiftungsvorstand Eugen Brysch.

"Zudem müsste jede Hausarztpraxis zusätzlich 2.000 Patientinnen und Patienten betreuen. Dabei gibt es bereits Praxen, die Neupatienten abweisen." Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz

Grundsätzlich fehle eine bedarfsgerechte Steuerung der ambulanten medizinischen Versorgung, sagt Brysch. "Während Ärzte und Politik schnell bei der Hand sind, eine Patientensteuerung zu fordern, verlieren sie kein Wort über eine Verteilung der Vertragsärzte."

Quellen:

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