In München ist die Internationale Handwerksmesse gestartet. Doch die Lage bei vielen Betrieben ist angespannt. Deutschlandweit fehlen geschätzt 200.000 Fachkräfte - auch in NRW sind tausende Stellen unbesetzt. Trotzdem gibt es Hoffnung: Für junge Menschen scheint das Handwerk wieder attraktiver zu werden - auch für Abiturienten.
Arbeitslosenquote bei Akademikern gestiegen
Ein Grund dafür könnte sein, dass die Arbeitslosenquote von Akademikern in den vergangenen Jahren angestiegen ist. Vor der Corona-Pandemie lag sie noch bei 2,1 Prozent, 2025 auf einem Zehnjahreshoch von 3,3 Prozent. Laut Agentur für Arbeit ist mit 16 Prozent vor allem der Anstieg von 2024 auf 2025 deutlich stärker ausgefallen als bei der Arbeitslosigkeit insgesamt, die um sechs Prozent zugenommen hat.
Enzo Weber, Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung
Nach dem Abitur eine akademische Laufbahn einzuschlagen, lohne sich dennoch, sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Denn: "Akademikerinnen und Akademiker haben nach wie vor mit Abstand die niedrigsten Arbeitslosenquoten und sie haben auch mit Abstand die höchsten Gehälter." Allerdings nimmt eine akademische Laufbahn auch eine Menge Zeit in Anspruch.
Warum das Handwerk für junge Menschen attraktiv ist
"Wenn ich mein Studium mit 25 abschließe und dann noch fünf Jahre lang einen Studienkredit zurückzahle, bin ich schon 30 Jahre alt", sagt Zukunftsforscher Hartwin Maas vom Institut für Generationenforschung. Im Gegensatz dazu würden junge Menschen im Handwerk bereits früher Geld verdienen und dementsprechend schneller ein Vermögen aufbauen.
Zwar holen über das ganze Leben gesehen Akademiker diesen Vorsprung wieder auf - im Schnitt allerdings erst mit Ende 30, wie eine Studie des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) der Universität Tübingen zeigt.
Ein einfaches Bachelorstudium reicht für diese "Aufholjagd" auch nicht aus. Laut dem Gehaltscheck 2026 des Unternehmens-Vergleichsportals Kununu verdienen Menschen mit einem Meisterabschluss im Handwerk sogar etwas mehr, als solche mit einem Bachelorabschluss.
Zukunftsforscher: "Gute Karrierechancen im Handwerk"
Ein weiterer Vorteil des Handwerks laut Weber: "Die Weiterentwicklung zum Meister ist im System schon angelegt." Und Menschen mit Meisterabschluss hätten hervorragende Arbeitsmarktstatistiken, was Beschäftigung und Verdienste angeht.
"Die Karrierechancen im Handwerk sind einfach sehr gut", betont auch Maas. Der Berufsweg sei recht linear aufgebaut und gut nachvollziehbar. Kein Wunder also, dass sich auch immer mehr junge Menschen mit Abitur für das Handwerk entscheiden. Laut Statistischem Landesamt NRW besaßen 2013 nur 14,8 Prozent der neuen Azubis im Handwerk in NRW die Hoch- oder Fachhochschulreife. 2022 waren es bereits 22,7 Prozent.
Lage im Handwerk bleibt angespannt - auch in NRW
Doch trotz dieser positiven Entwicklungen hat auch das Handwerk in NRW zu kämpfen. Die 1,1 Millionen Beschäftigten bei fast 200.000 Unternehmen erwirtschaften laut dem Westdeutschen Handwerkskammertag einen Jahresumsatz von mehr als 160 Milliarden Euro im Jahr. Damit sei das Handwerk der stärkste Wirtschaftsbereich in NRW.
Seit der Jahrtausendwende sind die Auszubildendenzahlen aber auch in NRW deutlich gesunken. 2024 gab es fast 37.000 weniger Azubis als im Jahr 2000. Allerdings blieb die Zahl im Gegensatz zu den Jahren davor von 2023 auf 2024 stabil.
Handwerksverband NRW: "Wirtschaftliche Entwicklung stagniert"
"Die aktuelle Lage ist für viele Betriebe herausfordernd", sagt daher auch Andreas Ehlert, Präsident von Handwerk NRW, dem Dachverband des nordrhein-westfälischen Handwerks, dem WDR. Die wirtschaftliche Entwicklung stagniere und liege unter dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre.
Andreas Ehlert, Präsident von Handwerk.NRW
"Grund dafür sind ein verhaltenes Konsum- und Investitionsverhalten sowie die schwache Industrieproduktion", so Ehlert. Lediglich einige Klimahandwerke wie Dachdecker, Kälteanlagenbauer, Installateure und Heizungsbauer würden von der Dynamik der Energiewende profitieren.
Positiv sei aber, dass trotz der schwierigen Wirtschaftslage und der rückläufigen Zahl von Schulabgängern, die Zahl der Auszubildenden auch 2025 stabil geblieben sei, sagt Ehlert. "Im Bauhauptgewerbe gab es sogar ein spürbares Plus. Rund 28.000 junge Menschen haben im vergangenen Jahr ihre Ausbildung im Handwerk gestartet." Laut Ehlert sei das ein starkes Signal und würde den Trend bestätigen, dass das Interesse am Handwerk bei jungen Menschen wieder wachse.
Schulumstellung könnte auch das Handwerk belasten
Allerdings steht dem Handwerk in diesem Sommer die nächste Herausforderung bevor. Wegen der Umstellung von G8 auf G9 an den Gymnasien in NRW gibt es in diesem Jahr etwa 40.000 Abiturienten weniger - das sind fast 60 Prozent. "Durch den weitgehend fehlenden Abiturjahrgang wird 2026 auch im Handwerk eine spürbare Lücke entstehen", befürchtet Ehlert.
Gleichzeitig werde sich der Wettbewerb unter den Betrieben, geeignete Auszubildende zu finden, verschärfen. "Wir haben allen Betrieben daher geraten, sich frühzeitig mit der Nachwuchsgewinnung zu beschäftigen und vorausschauend zu handeln."
Um junge Menschen anzusprechen, veranstaltet die Handwerkskammer Köln bereits am 17. März bereits zum vierten Mal in der Lanxess-Arena das "Azubi Meetup" - laut eigener Aussage, die größte Ausbildungsmesse nur für das Handwerk in der Region. Der Präsident der Kölner Handwerkskammer, Thomas Radermacher, ist sich sicher: "Das Handwerk hat Zukunft."
Berufsforscher: "Entscheidend ist die Motivation"
Während der Fachkräftemangel für die Betriebe also eine Herausforderung darstellt, kann er für junge Menschen von Vorteil sein. Denn laut Ehlert sind die Chancen auf einen Ausbildungsplatz im Handwerk 2026 sehr gut. "In fast allen Regionen Nordrhein-Westfalens gibt es mehr Ausbildungsstellen als Bewerber."
Doch, dass die Chancen gut stehen, sollte nicht der ausschlaggebende Grund dafür sein, sich für eine Ausbildung im Handwerk zu bewerben, sagt Enzo Weber. "Ich würde davon abraten, nur darauf zu schielen, wo gerade am meisten Stellen ausgeschrieben oder die Löhne am höchsten sind." Ob Studium oder Ausbildung - entscheidend sei, was zu den eigenen Stärken passe und welcher Beruf einen motiviere.
Unsere Quellen:
- Interview mit Enzo Weber, Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung
- Interview mit Hartwin Maas, Institut für Generationenforschung
- WDR-Anfrage beim Handwerksverband NRW
- WDR-Anfrage bei der Handwerkskammer Köln
- Zahlen des Westdeutschen Handwerkskammertags
- Zahlen vom Statistischen Landesamt NRW
- Zahlen der Agentur für Arbeit
- Nachrichtenagentur dpa
Sendung: WDR 5, Morgenecho, 04.03.2026, 06:04-9:45 Uhr